DIE ENTSCHEIDUNG
Ein Erlebnis im öffentlich-rechtlichen Strafraum

"Ich weiß wirklich nicht, ob du dir das in unserer gegenwärtigen Situation leisten kannst", sagt der pockennarbige Mann langsam zu seinem Gegenüber, "und ob das, was du vorhast, noch irgend jemand versteht. Du darfst die Gesetze nicht außer acht lassen, die bei uns gelten..."
Das Gegenüber des pockennarbigen Mannes hat lange zu Boden geschaut und blickt ihm jetzt trotzig in die Augen - eine in vielen Kämpfen gereifte Frau ist es, der man die Arbeit, sich bunt und jugendlich zu erhalten, schmerzhaft ansieht, wenn man ihr nah genug gegenübersitzt - wie in diesem Moment der pockennarbige Mann. Er mag sie, man spürt es an seinem besorgten Blick, vielleicht verehrt er sie sogar. Jetzt legt er der Frau seine Hand auf den Arm: "Du hast immer viel riskiert", sagt er, "dein Kapital ist, daß du 'ne Menge weißt und trotzdem Erfolg hast. Du bist eine Kapazität. Und du hast dir das Leben gewählt, das du führst. Was du willst, will ich auch. Jetzt aber mußt du dich fragen: Wie nutze ich unsere gemeinsamen Interessen - wie verbinde ich unsere Ziele mit den Bedingungen des großen Ganzen? Was gestern richtig war, kann heute schon grundverkehrt sein!"
Die Frau zuckt zusammen, aber dann strafft sie sich. Auf ihrem müden Gesicht arbeiten sich die Spuren einer vergangenen Unbekümmertheit wieder hervor, der sie die Freude am Leben verdankt - sie kämpft mit sich, das ist deutlich zu sehen, sie bekommt einen schweren Atem, und mit der Last der Entscheidung heben und senken sich ihre Brüste unter dem schlichten Pullover, den sie tagsüber trägt.
Es ist ein regnerischer Sommertag, der Zeiger der Uhr steht auf dreizehn Uhr neunundfünfzig, es bleiben noch sechs Minuten für die Entscheidung. Die Frau in dem schlichten Pullover knüllt eine Papierserviette zusammen, aber noch schweigt sie. "Es ist den Regeln nach auch gar nicht mehr deine Sache", ruft ihr der Pockennarbige jetzt zu, und seine Stimme schrillt durch den Raum, denn er spürt ja, wie der Entscheidungsprozeß, je mehr er die Frau bedrängt, desto heftiger sich der gefährlichen, der verbotenen Seite hin zuneigt.
"Und was du da immer von Unabhängigkeit faselst - wir haben die Regeln doch mit unterschrieben, also müssen wir uns daran halten, wie die Fische ans Wasser - Revolutionäre müssen auch abwarten können - was nützt es denn, wenn du hier dein privates Ding durchziehst - denk an unsere gemeinsame Zukunft, wir sind uns einig im Ziel, aber geh doch mit kleinen Schritten, wirf dich den Löwen nicht zum Fraß vor in der Arena..."
Wie ein Tier mit vielen gleichmütigen Köpfen, in denen dutzende schläfrige Augen stecken, schauen die anderen Anwesenden schon eine ganze Weile der geschrienen Rede des pockennarbigen Mannes zu - manche kauen dabei, andere dösen, betrachten die Tischplatten vor sich, halbzerlesene Zeitungen, ihre Gehaltsbögen oder die große Uhr überm Ausgang. Dort stehen die Zeiger auf zwei Minuten nach Zwei. Der Pockennarbige sieht das Feindliche in den Augen des Tiers, das die andern Kollegen sind, und er denkt in diesem Moment: 'Vielleicht hab ich mich schon zu weit aus dem Fenster gelehnt... '
Als habe sie seine Gedanken gelesen, erhebt sich die Frau mit der strahlenden Unbekümmertheit in ihrem Gesicht zu voller Größe und macht den Pockennarbigen zwangsläufig klein. "Ich kann gar nicht anders", lacht sie und zieht eine viereckige Schachtel unter dem schlichten Pullover hervor, "mein eigener CD-Player ist leider kaputt, und ich will dieses Stück endlich mal wieder hören, sonst gar nichts..." Damit entschwindet sie auf die Gänge, unter der Uhr weg, die auf fünf Minuten nach Zwei springt. Die Kantine im Rundfunkhaus leert sich, die Nachmittags - Jugend-Hotline fängt an.
"Gott", denkt der Pockennarbige, "jetzt spielt sie da tatsächlich eine völlig abgesagte Akkustiknummer auf deutsch, die in keiner Ecke unseres Zental-Computers mehr zu finden ist, die eigentlich gar nicht mehr existiert - und ich bin ihr Redakteur und habe sie nicht dran gehindert. Mein Gott - wohin schieben die mich ab, wenn's hart auf hart kommt?..."
Eilig schlurft er in sein Büro. Dort hängt er das Schild 'Konferenz' vor die Tür, dann stopft er hastig all seine Zupfgeigenhansel-, Degenhardt-, Biermann- und Wader - Scheiben, die er im Inneren des Schreibtisches aufbewahrt hat, in die private Aktentasche. Könnte ja sein, daß die jungen Hunde sich demnächst hier umschauen. "Väterchen Franz, verzeih mir", flüstert er, "aber es sind rauhe Zeiten - du weißt ja: Wir Revolutionäre müssen die besseren Taktiker sein - oder heißt es Strategen? Weiß ich jetzt gar nicht mehr - muß ich bei Lenin mal nachlesen..."

© M. Maurenbrecher, Sommer 97




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