JASMIN, PAOLA UND JERO
Eine Räuberpistole über die Freiheit

I.

Sie: Wir müssen unser Konzept für die neuen Serienfolgen unbedingt heute noch fertig kriegen. Im Produktionsbüro warten sie schon.

Er: Also: Zurück in die Niederungen der Vorabendserie.

Sie: Zurück zu Jasmin, einem schönen jungen Mädchen, Schülerin in einer Klosterschule, die endlich frei sein will und ihr eigenes Leben finden.

Er: Zurück zu deinen Jugenderlebnissen, meinst du wohl...

Sie: Jasmin hat eine Menge von mir - deshalb macht mir diese Serie auch soviel Spaß. Sie ist eine Einzelgängerin, fühlt sich von den Eltern abgeschoben, hat einen starken Gerechtigkeitssinn...

Er: ... und ist verliebt in Jero, den Haustechniker aus dem Kloster. Außerdem noch in ihre Mitschülerin Paola.

Sie: Das hast du dazu erfunden.

Er: Aber nicht, daß Paola unbedingt auch noch Mulattin sein sollte.

Sie: Nein, das kam vom Produktionsbüro.

Er: Von Herrn Zach. Auch diese Drogenparty, die die Kinder eines nachts in der Sakristei feiern...

Sie: Die Idee kam von Zach - aber daß dann auch noch eine Rapper-Band mit Jungs aus der benachbarten Kleinstadt im Kloster aufgespielt hat, das wollte die Redakteurin des geldgebenden Senders so.

Er: Kein Wunder. Das Video dieser Rapper-Band wird von dem Sender gesponsert.

Sie: Egal. Jasmin hatte die Jungs organisiert, Paola die Drogen eingeschmuggelt, dann ist alles aufgeflogen, und kurz vor dem schrecklichen Strafgericht, das auf sie wartet, drehn die zwei Mädels durch. Panik - sie hauen ab. Dann stehn sie, 16 und völlig unbedarft, mutterseelenallein auf der Straße.

Er: Ich finde, das ist uns bis dahin ganz gut gelungen. Wie gehts jetzt weiter? Ein Auto hält.

Sie: Es ist Jero, der junge Haustechniker. Auf dem Weg zu seiner kranken Mutter...

Er: Behauptet er!

Sie: Natürlich steigen sie vertrauensvoll zu ihm ein. Er ist besorgt und zärtlich - sagt, er kenne einen Ort, wo sie erstmal in Sicherheit wären.

Er: Ein abgelegenes, dunkles Haus am Stadtrand.

Sie: Find ich zu dick, tut mir leid!

Er: Du hast es damals vielleicht anders erlebt, aber das hier ist Film!

Sie: Na, meinetwegen. In diesem abgelegenen Haus lebt also Jeros gelähmte Mutter. Sie nimmt Kontakt mit den Eltern auf, regelt den Abgang der Mädchen von der Schule und hat außerdem noch die Idee mit dem kleinen Café, das sie zusammen aufmachen könnten.

Er: Eben nicht!

Sie: Aber so wars! Das Spannende ist doch, wie die beiden so jung schon lernen, Verantwortung zu übernehmen - wie Jeros Mutter, indem sie ihnen beisteht, selbst immer frischer und wieder gesünder wird. Und wie sie am Ende drei Freundinnen sind...

Er: Jetzt verabschiede dich mal von deinen Erlebnissen! Es gibt nur das Haus. Keine Mutter. Jero, der immer so reizend war, wird urplötzlich gewalttätig. Drängt die Ausreißerinnen in einen leeren Raum, nur eine Matratze am Boden, sperrt von außen die Tür zu, Licht geht aus, Stille.

Sie: Ziemlich gruselig.

Er: Und ziemlich gut, finde ich.

Sie: Aber was hat das mit unserer Geschichte zu tun?

Er: Zach wird es gefallen.

Sie: Ich fürchte auch.

Er: Wir brauchen eine Erfolgsmeldung. Wenn du einverstanden bist, dann fax ich ihm diese Idee gleich mal rüber...


II.

Sie: Na, wie hat Zach reagiert?

Er: Erwartungsgemäß enthusiastisch, du kennst ihn ja. Er sieht die gleiche Story vor sich, die ich jetzt auch im Kopf hab - Stoff für viele neue Folgen. Das meinen alle im Büro.

Sie: Schade, daß es erstmal nicht so weitergeht, wie ich es damals erlebt hab... Jetzt laß mich raten: Jero hält die zwei Mädchen eine Weile gefangen, um Geld von ihren Eltern zu erpressen..?

Er: Daran hab ich natürlich auch erst gedacht. Aber Zach fand das ziemlich harmlos. Außerdem - so eine Erpresser-Geschichte wird gerade bei der Flughafen-Polizei vorbereitet...

Sie: Was ist die Flughafen-Polizei!?

Er: Das ist die Serie, die immer direkt 5 Minuten nach unserer läuft. Und Frau Dr. Kulkrampf vom Sender hat sofort, als sie von Zach unsere Idee übermittelt bekam, darauf bestanden, daß da keinerlei Ähnlichkeiten vorkommen dürfen. Gleiche Zielgruppe undsoweiter.

Sie: Frau Dr. Kulkrampf hat schon auf einigem bestanden, an das sie sich später nicht mehr erinnert hat.

Er: Du meinst, als unsre Paola eine Weile lang unbedingt auch Bulimikerin sein sollte?

Sie: ... weil das sowas Gesellschaftskritisches an sich hat, ja...

Er: ... nur daß man die schöne Mulattin dann nie einmal kotzen sehen durfte? Frau Dr. Kulkrampf war früher bei einem Modejournal, vergiß das nicht.

Sie: Was hat sie denn diesmal für eine Idee?

Er: Keine ganz schlechte. Zach und ich sehn es übrigens ähnlich.

Sie: Du klingst plötzlich so vorsichtig...

Er: Jero, unser Klosterhaustechniker, ist eigentlich - schrei nicht gleich - Mitglied in einem internationalen Menschenhändlerring. Außerdem, wie man später erfahren wird, auch noch belgischer Staatsbürger...

Sie: Oh nee...

Er: Er wechselt häufig seine Jobs, aber immer ist er irgendwo beschäftigt, wo junge Mädchen betreut und erzogen werden. Einflußreiche Hintermänner decken ihn, er steht auf Du und Du mit Geheimdiensten...

Sie: Dieser harmlose Mensch!? Mein erster Liebhaber sozusagen, der Jasmin in die Arme genommen hat für ein kurzes und leider bedeutungsloses Glück...

Er: Red doch nicht immer von dir, bleib beim Film!

Sie: Nur, weil ich diesem Zach, der ein Freund meines Vaters ist, mal erzählt hab, was ich auf einer Klosterschule so alles erlebt hab, nur deshalb gibt es die Idee zu der Serie. Und mich als Autorin. (Pause) Jero, euer 'Menschenhändler', soll jetzt also eine Hauptperson werden - hab ich das richtig verstanden!?

Er: In gewisser Weise schon.

Sie: Und Jasmins Entwicklung, die Selbstfindung einer jungen Frau...

Er: ...bleibt natürlich immens wichtig, das finden alle. Aber denk mal an die vielen Möglichkeiten, die sich auftun: Die Angst der beiden in dem dunklen Haus, schon die eine Matratze im leeren Zimmer - später dann: Ein ganzes Schiff voll geraubten Mädchen, die Intrigen zwischen ihnen, die Gewalttätigkeiten der Mannschaft...

Sie: ... ich glaub, ich spinne!

Er: ... noch später dann: Der Empfang in Saudi-Arabien. Und der Schock, als sich herausstellt, daß Jasmin noch weiter transportiert werden soll - nämlich in den Irak.

Sie: Wohin bitte?

Er: Na, Jero arbeitet doch für Saddam Hussein. Hab ich das noch nicht erwähnt?

Sie: Wessen Idee war das?! (Pause) Deine - ich sehs dir an.

Er: Gefällt es dir denn gar nicht?

Sie: Ich nehme mir eine Aus-Zeit. Ich glaub, ich koch uns was. Und dabei überleg ich mir, ob ich überhaupt noch mitmachen will.


III.

Sie: Ich hab nachgedacht.

Er: Und ich hab inzwischen telefoniert.

Sie: Ich seh das Ganze jetzt mal pragmatisch. Was ich rüberbringen wollte mit dieser Serie - die Entwicklung des Mädchens Jasmin zu einem wirklich erwachsenen Menschen - dafür ist Geld nicht wichtig, sondern Lebensmut - Bildung ist nicht so wichtig wie Zupacken-Können - und die Freiheit, von der Jasmin träumt, die findet sie erst, sobald sie auch Verantwortung übernimmt.

Er: Schöne Grundsätze.

Sie: Ja, und nach reiflicher Überlegung glaube ich, daß ich diese Grundsätze auch in eurer Räuberpistole rüberbringen kann. Nicht die Umstände sind wichtig, sondern der innere Standpunkt. Vielleicht ist der Firlefanz, den ihr euch ausgedacht habt, sogar notwendig für die Zuschauer...

Er: ...eher für die Büros, die das Geld geben... Aber jetzt werd mal praktisch, wir müssen weiter...

Sie: Sehr gerne. Jasmin bleibt in Jero verliebt, trotz allem. Aber sie ist natürlich verletzt und stolz. Paola opfert sich für die beiden.

Er: Wunderbar. Seh ich genauso. Hat übrigens köstlich geschmeckt, was du uns da gekocht hast...

Sie: Paola könnte sich auf dem Schiff an Jero heranmachen - aus den edelsten Motiven natürlich, damit er die Mädchen vielleicht bei einer Zwischenlandung heimlich freiläßt -. Zunächst verachtet Jasmin ihre Freundin dafür. Aber als Jero die beiden dann wirklich befreit, wird ihr klar, wie hochmütig sie gewesen ist...

Er: Hat nur einen Haken: Darf Jero das? Überleg mal: Er arbeitet für Geheimdienste, unter anderem den Irak. Er ist nur ein kleines Licht. Diese Bonzen haben schon Fotos gesehn von den Mädchen...

Sie: An was du alles denkst... - Also gut: Jero wird trotzdem von Paola verführt, aber er verschmachtet sich nach Jasmin, die ihn ablehnt. Sie lehnt ihn nicht von Herzen her ab, sondern weil er ein Menschenhändler ist. Das macht ihn so verzweifelt, daß er ... Er will ja auch geliebt sein, verstehst du...

Er: Sie läßt ihn zappeln, das ist ein guter Anfang. Das kann sie bestimmt perfekt, deine aufrichtige Jasmin. Und Paola macht genau das, was du dir ausgedacht hast - sie verführt den kleinen Jero. Aber jetzt passiert etwas, womit keiner gerechnet hat: Jasmin verpfeift Paola. Das ist die einzige Chance!

Sie: Aber das würde sie niemals tun, ihre Freundin verraten - und warum denn!?

Er: Weil sie damit den Jero ein für alle Mal in der Hand hat - er wird sie jetzt demütig beschützen bis zur Landung in Saudi-Arabien.

Sie: Damit hat sich Jasmin doch selber verraten! Und was wird aus Paola!?

Er: Notwendiges Bauernopfer. Spielball für die Mannschaft, du weißt schon...

Sie: Das Letzte! Diese ganze Idee ist das Letzte!! Jasmin würde sich zu einem Monster entwickeln. Wie soll sie da jemals rausfinden? Und was gewinnt sie durch den Verrat?!

Er: Sie kommt heil nach Bagdad. Spielt ihre Unberührten-Rolle sehr gut. Als sie dort dem hohen Funktionär gegenübersteht, dem sie zugeteilt ist - und der ihr übrigens gar nicht so schlecht gefällt -: Da verrät sie auch Jero...

Sie: Wieso denn den!? Er ist doch ihr Vertrauter geworden, sie sind doch jetzt ne Art Schicksalsgemeinschaft!?

Er: Einfach, weil so der Weg zurück in die Freiheit geht. Sie sei kein ganz unbeschädigtes Stück Frachtgut, läßt sie den gebildeten irakischen Funktionär durch die Blume wissen, der das sofort begreift. Jero wird verhaftet - ein wenig Rache muß sein -, aber Jasmin und ihr Funktionär einigen sich auf drei schöne Wochen. Anschließend auf einer Konferenz in New York wird unsere Heldin, ausgestattet mit Geld und neuem Paß, in die Heimat entlassen. Und in die Freiheit. Jetzt hast du Zeit für jede Menge pädagogische und philosophische Betrachtungen...

Sie: Du hast ja wohl ne völlige Klatsche! Schade, daß wir auf diese Art den Abend vertrödeln!!

Er: Eigentlich müßte Jasmin bei dem Iraki freiwillig bleiben. Das wäre wirkliche Reife. Aber das krieg ich bei Zach nie durch.

Sie: Schade, daß wir auf diese Art den Abend vertrödeln, sagte ich!!

Er: Nein, wir arbeiten. Wir sind fast fertig. Während du nachgedacht hast, habe ich telefoniert...

Sie: Dieses halbgare, ekelhafte Gebräu...

Er: Die Story ist durch. Und alle sind begeistert.

Sie: ...wie Dreck im Hirn... Sogar die Kulkrampf!?

Er: Sie findet es eine gelungene Persiflage auf weltweites Macho-Gehabe...

Sie: ...ohne jeden lebenden, wirklichen Menschen!

Er: Hör mal: Wir haben seit gerade eben Geld und Bezahlung für 15 Folgen von unserer Serie...

Sie: ...deiner!...

Er: ...unserer Serie über Jasmin! Ist das nicht toll!?

Sie: Deiner Serie - denn ich bin draußen!!


IV.

Sie: Hast du meinen Abschied schon rübergefaxt?

Er: Ich war gerade dabei. Soll ichs stoppen?

Sie: Hier - lies das. Die Szene mit dem irakischen Funktionär. Was ich vorhin gekocht hab, das waren übrigens geschmorte Kürbisse. Es gibt 350 Sorten davon, wußtest du das?

Er: Gib her. Wir lesen es zusammen.

Sie: "Wie Sie mich in Augenschein nehmen, Sir - Ihrem Blick trau ich zu, daß er bis auf den Grund geht."

Er: "Was ich da sehe, ist ganz entzückend."

Sie: "Schauen Sie schärfer hin. Nehmen Sie keine Rücksicht. Ich hatte mir so gewünscht, Ihnen mit all der Liebe entgegenzutreten, die ich auf der langen Überfahrt in mir wachsen spürte."

Er: "Und was ist schiefgegangen?"

Sie: "Man hat mich am Träumen gehindert. Ich durfte nicht so oft an Sie denken, wie ich gewollt habe, Sir..."


Er: Du schreibst so einzigartige Dialoge. Könnt ich nie.

Sie: Ich hab mich entschlossen: Ich schreib euren Schwachsinn.

Er: Wunderbar! Denn du bist ja schließlich Jasmin.

Sie: Und wenn ich das viele Geld hab, dann eröffne ich endlich unser Kürbißcafé - mit meiner Freundin Paola, die keine Mulattin ist, mit der halbgelähmten Frau Schmitt, Jeros Mutter - dann führen wir nur unser eigenes Leben...

Er: Hauptsache, du schreibst bis dahin.

Sie: Ja, ich schreib für euch. (lacht) Von den Monstern, der Monsterfreiheit...

Er: Toll! (lacht auch) Dann laß uns zunächst mal die Faxe durchgehn. Es sind viele neue Ideen hier eingetrudelt aus den Büros inzwischen. Könntest du dir vorstellen, nur vorstellen - schrei nicht gleich -, daß die Geschichte statt im Irak auch in Transsylvanien spielt - und daß Jasmin ausnahmsweise keine junge Frau ist, sondern ein Transvestit...?

 

© Manfred Maurenbrecher 1998

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