TALKSHOW - VORGESPRÄCH
Ein Dialog

I.
Sie: Herr Feife, Herr ... Pfarrer Feife, ich sollt mich bei Ihnen melden.
Mein Name ist Schwerthals, und ich komme von wegen...

Er: Schon gut, Verehrteste, ich bin gleich bei Ihnen, ein Moment noch... Ist denn keiner vom Produktionsbüro da... Anneliese!?...

Sie: ...wegen dem Vorgespräch, ich will nicht stören, aber man hat mir gesagt, daß die Zeit drängt und daß ich besser noch schnell...

Er: Ja, schon gut, ich komme gleich auf Sie zu! Anneliese!! Das Kleptomanen-Pärchen für Donnerstag streichen, verstanden, die reden nur Müll - und diesen Muttermörder hätt ich lieber in der Genie - Sendung drin, nicht bei Gewalt-Exzessen, der Mann ist ein Juwel, den könn wir ruhig ein bißchen höher positionieren...
So, Verehrteste, und jetzt bin ganz für Sie da. Sie haben mein Ohr. Ich bin Pfarrer Feife. Lassen Sie den Titel einfach weg, ich bin auch nur ein Mensch. Und ihr Name ist...

Sie: Schwerthals. Marlene-Luise.

Er: Wie schön!

Sie: Ich freu mich ja auch...

Er: Ja, nicht wahr? Wenn man einen so schönen Vornamen trägt, dann kann man manchmal damit sogar durchs Leben schweben. Schütteln Sie nicht den Kopf, ich weiß das aus Ihrem Bewerbungsbrief. Sie werden uns also davon berichten, wie Name und Lebensweg sich in Ihrem Fall glücklich ergänzt haben, wie Sie ein Gefühl für sich selber entwickeln konnten - das ist nichts Einfaches, nicht selbstverständlich -, und wie gut Sie mit der Kunst, aus einem Namen den Charakter eines Menschen zu erfassen, bisher gefahren sind. Das wird die Zuschauer fesseln. Denn daß Sie glücklich sind, das sieht Ihnen jeder an, Marlene-Luise. Schauen Sie nachher ruhig so frei in die Kamera wie eben. Wie hat denn das alles angefangen - wie steht es mit den Weggefährten an Ihrer Seite, gibt es einen Gatten, und wenn ja, wie heißt der Beneidenswerte?

Sie: Wir waren nicht verheiratet. Und seit er nicht mehr da ist...

Er: Muß ja auch nicht. Darauf kommt's überhaupt nicht an, nicht in meiner Sendung. Ich hab mir selbst oft gewünscht...na egal... Aber der Name, das ist ja für Sie das Entscheidende - also verraten Sie uns: Wie heißt er, der Begleiter Ihres glücklichen Weges?

Sie: Ich hab lange gezögert, bis ich mich gemeldet habe bei Ihnen. Ich muß einfach ein paar Dinge mal loswerden. Ich kenn ja sonst wenig Leute. Es ist nicht einfach, darüber zu reden, aber, verstehen Sie... Seit Klaus nicht mehr da ist...

Er: Halt halt! Das ist aber auch kurz und bündig: Klaus. War Ihnen klar, was Sie erwarten würde, als er das erste Mal vor Ihnen stand und seinen Namen genannt hat: 'Ich heiße Klaus'? Schwang da so etwas wie eine gebündelte Anziehung mit, hat man da gleich gefühlt, hier meldet sich jetzt der Richtige, und sein Name sagt alles?...

Sie: Seit Klaus nicht mehr da ist, glaub ich, daß alle Männer wissen, was mit mir los ist...

Er: Da hat es Sie überwältigt, verstehe. Und das, meinen Sie, ist eine verborgene Eigenschaft des Namens Klaus?

Sie: Das liegt eher daran, daß er immer gesagt hat: 'Bei dir weiß ja jeder sofort, was du denkst, Mäuschen'.

Er: Aber Sie haben dem standgehalten. Mit der Kraft Ihres eigenen Namens. Wenn man diesen verborgenen Zauber kennt, da setztman sich über die kleinen Stiche und Demütigungen des Alltags hinweg, ist das so?

Sie: Eigentlich nicht. Seit Klaus nicht mehr da ist, red ich mit keinem anderen. Kommt mir sinnlos vor. Die wissen ja alles von mir. Das hat er geschafft, verstehen Sie?

Er: Ich versuche, mich da hineinzudenken: Er hat Sie 'Mäuschen' genannt, Marlene-Luise, und damit den Zauber gebrochen. Wenn wir aber das Thema 'Namenszauber' später vor den Zuschauern weiter entwickeln, dann müssen wir die positiven Aspekte, von denen Sie mir geschrieben haben, noch viel stärker betonen. Es ist vielleicht gar nicht so wichtig für uns, daß dieser Mann Sie verlassen hat. Vielleicht hätte er es auch nicht gewagt, hätte er nur das Geheimnis an Ihrem wirklichen Namen begriffen, des wunderschönen Marlene-Luise...?

Sie: Ach, der hat mich immer wieder mal anders genannt. Meistens Mäuschen. Nein, es war mehr sein Blick, der mich fertig gemacht hat. Der wußte immer, was mit mir los war.

Er: Ja, und der Namens-Zauber? Weshalb Sie sich überhaupt in meine Sendung beworben haben!?

Sie: Ich versteh das auch nicht. Ich hab mich eigentlich doch beworben, weil mein Mann mich verlassen hat!

Er: Anneliese!!

Sie: Das stimmt nicht. So hat er mich nie genannt.

Er: Was ist das wieder für ein Durcheinander!? Ich denke, wir führen ein Vorgespräch für die Namens-Sendung, und dann schickt ihr mir diese... diese Frau hier rein!!?... Muß ich denn wirklich jeden Mist selber machen!?

Sie: Ich wollte Ihnen eigentlich noch erzählen...

Er: Sie sind jetzt bitte mal ganz ruhig! Und ich versuche das auch. Was!? Für die andere Aufzeichnung!!? Dann bleiben noch knapp zehn Minuten... Gnädige Frau, ich muß Sie jetzt kurz in die Garderobe bitten. Es ist mir schrecklich peinlich, aber meine Mitarbeiter... wir sprechen uns noch, das hat ein Nachspiel!! Steht nicht sorum und glotzt, ich mach euch alle zu Scheinselbständigen, von heut auf morgen... Was wärt ihr eigentlich ohne mich...!!?


II.
Er: So, Verehrteste, jetzt noch mal von vorn. Ich bin Pfarrer Feife. Das hab ich vorhin schon erwähnt, nicht wahr? Und Sie sind... Sie sind...

Sie: Schwerthals, Marlene-Luise.

Er: Vornamen und Titel lassen wir besser weg. Sie sagen Herr Feife, ich sag Frau Schwerthals. Wir sind beides nur Menschen und müssen jetzt sehr konzentriert aufeinander zukommen, die Aufzeichnung beginnt in zwanzig Minuten. Also: Ihr Mann hat Sie verlassen? Das muß schrecklich gewesen sein, und man sieht es Ihnen auch an - ja, schauen Sie nachher ruhig so intensiv in die Kamera wie eben: Es liegt da etwas tief Unglückliches auf Ihrem Gesicht.

Sie: Eigentlich hab ich sogar gewollt, daß er weggeht.

Er: Man schultert den Alltag gemeinsam, kann sich nicht ausweichen, und da löckt immer wieder dieser kleine, begehrliche Stachel: Wär ich jetzt frei. Wann endlich gehst du? Wann nimmst du mir die Entscheidung ab... War es so!?

Sie: Zu entscheiden gabs nichts. Er hat gewußt, was ich denke, also hab ich gedacht wie er. Nur, daß ich jetzt mit keinem anderen reden kann, weil ich glaube, die wissen sowieso, was mit mir los ist, also das find ich einfach nicht richtig, und darüber wollt ich...

Er: Moment! Ich habe gedacht wie er... War es nicht doch eine Harmonie zwischen Ihnen, fällt das Alleinsein nicht deshalb jetzt doppelt schwer, war Ihr Band nicht - wie unsre Großeltern formuliert hätten - doch ein Bund unter'm Auge des Allwissenden? Auf unsere moderne Art natürlich. Wie ja auch Ihre Namens-Intuition, meine liebe Marlene-Luise...

Sie: Aber damit hab ich nichts zu tun! Und wir waren ja nicht mal verheiratet...

Er: Nein nein, klar! Ich habs durcheinandergebracht - dieser Streß ist mörderisch -, also nochmal von vorn. Das Thema unserer Sendung gleich wird heißen: 'Hilfe - ich liebe ihn immer noch'. Verlassene Frauen wie Sie, hintergangene Partnerinnen, diese Baustelle. Mal salopp gesagt. Dafür haben wir Sie eingeladen. Könnten Sie bitte zu diesem Thema etwas beitragen, Frau Schwerthals! Wir reden hier nicht von Gedankenmanipulation und irgendwelchem privaten Irrsinn, sondern vom Trennungsschmerz, Sie verstehen doch!, von etwas ganz Allgemeinem, ganz weit und herzergreifend, etwas für viele Millionen Zuschauerinnen...

Sie: Er ist gegangen, weil er selber das wollte, so war es. Ich hab es auch gewollt, denn ich hab ja alles gedacht so wie er.

Er: Und dann waren Sie auf einmal abgrundtief traurig!?

Sie: Nee, warum denn auch? Immer so denken wie ein anderer... Ich fands erstmal richtig entspannt ohne ihn.

Er: Und was haben Sie dann empfunden?

Sie: Nichts weiter.

Er: Ja - und als Sie aus der Betäubung, dem ersten Schock wieder auftauchten!?

Sie: Immer noch nichts. Ich von selbst denk nämlich gar nicht so viel. Nur, daß ich jetzt noch mit keinem anderen rede, weil ich nämlich glaube...

Er: Moment!! Das Wichtige ist doch, daß er Sie verlassen hat! Ist da nicht ein Bohren, dieses kleine leise Hinterher-Sehnen, fühlt man sich nicht wie weggelegt, wie ein verbrauchtes Werkzeug... Ich weiß ja auch nicht, kann's mir selber so richtig nicht vorstellen, aber Sie als Frau...

Sie: Man fühlt sich eigentlich prima.

Er: Ja - nicht? Vermute ich manchmal auch...
Anneliese!!? Verdammt nochmal, steh nicht rum, ich ruf dich!! Was ist denn das wieder für eine Recherche, diese Frau hier paßt unmöglich in die Trennungssendung, die krempelt mir ja mein Konzept um - checkt ihr sowas vorher denn überhaupt nicht mehr ab!!? Wie: Ersatz ist unmöglich, nichts ist unmöglich bei mir, merkt euch das!!

Sie: Ich soll jetzt nicht in die Sendung!?

Er: So sehr es mich schmerzt. Und wenn Sie mir noch so symphatisch sind.

Sie: Aber warum denn!?

Er: Weil Sie noch nichtmal in der Lage sind, offen zu sagen: Ich habe den Mann geliebt, der mich verlassen hat. Und weil die Sendung zufällig heißen wird: "Hilfe - ich liebe ihn immer noch". Schmus, meinetwegen, nennen Sie es meinetwegen Schmus, aber Schmus für Millionen - falls Sie das überhaupt interessiert, Frau Schwerthals - von dem Flop mit dem Namens-Zauber mal ganz abgesehen - dafür konnten Sie nichts, ich weiß - ach, macht doch, was ihr wollt - alles muß man alleine - Ja, dann laßt euch eben was einfallen, aber laßt es euch dann auch einfallen!!


III.
Sie: Es ginge höchstens mit dem Hund.

Er: Mit dem Hund... Mit welchem Hund jetzt?

Sie: Er hat mir den Hund dagelassen, als er gegangen ist.

Er: So.

Sie: Das ist eine komische Sache. Der Hund hat nie so gedacht wie er. Und auch nicht wie ich. Der war immer ganz für sich selbst. Und als er dann weg war, der Mann, Klaus meine ich, da hab ich den Hund manchmal angeschaut. Abends, wenns dämmerte. Und wenn der Hund dann geknurrt hat, da kriegte ich plötzlich meine eigenen Gedanken. Keine Ahnung, wo die herkamen. Da hab ich dann manchmal sogar gedacht: Klaus, ich liebe dich. Ziemlich oft sogar. Merkwürdig. Und manchmal hab ich sogar geheult.

Er: Wenn der Hund geknurrt hat, haben Sie geheult...

Sie: Klingt komisch, ich weiß. Ist ja vielleicht auch nicht wichtig.

Er: Sagen Sie es noch mal.

Sie: Daß es nicht wichtig ist?

Er: Klaus, ich... Na: Klaus, ich...

Sie: Klaus, ich liebe dich?

Er: Läßt sich der Hund beschaffen!? Wo wohnen Sie, schnell, die Zeit rast, Konzentration jetzt, wir brauchen die Töhle, das ist die einzige Chance - wo steckt denn bloß: Anneliese!!?

Sie: Gestern früh ist er weg. Wie sein Herrchen. Der wollte vielleicht auch nicht, daß ich was Eigenes denke.

Er: Verstehe. Ich versteh überhaupt nichts. Aber wir haben noch zweiMinuten. Ich muß es tun. Kann ich das? Ich muß es wagen. Ich setz es vielleicht ganz ans Ende. Sozusagen als Klimax. Ich... nicht erschrecken, Frau Schwerthals, schau'n Sie mir ins Gesicht...
(Er holt tief Atem, knurrt wie ein Hund)

Sie: Klaus, ich liebe dich. Ich liebe dich, Klaus!

Er: Ist das nicht großartig! Gleich nochmal. (knurrt)

Sie: Ich liebe dich, Klaus.

Er: Sehr brav. Frau Schwerthals, Sie sagen am besten sonst gar nichts. Sie kommen erst ganz am Schluß. Ich selbst erzähle Ihre schwere Geschichte... und dann, und dann... (knurrt)

Sie: (mühsam) Ich liebe dich, Klaus. Aber daß ich mit keinem anderen rede, weil ich immer glaube, die wissen sowieso schon, was mit mir los ist... das würd ich doch gern noch erzählen...

Er: Andermal. Das machen wir andermal. Wir vorproduzieren hier drei Sendungen pro Tag, zweimal die Woche, da findet sich schon ein Eckchen. Heut werden die Leute hingerissen sein. Ich selbst bin hingerissen. Ich schlag sie alle. Meiser, ich komme! Arabella!? Anneliese!!? (Knurrt laut auf)

Sie: Klaus, ich liebe dich doch...

 

© Manfred Maurenbrecher 1999

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