BACKSTAGE - GALA

Eine Musik-Collage für die Ohrenweide vom 13.2.00

Dinah Shore (,My Funny Valentine'), CD 1, take 16
nach ca. 8 sec. schneller Fade

Die Seiltänzerin hat die Gelegenheit genutzt: Der Raum mit dem Künstlerbuffett ist leer, das Klavier unberührt, jetzt wird sie keiner beobachten. Die Kollegen sind noch irgendwo auf den Gängen, in den kleinen Garderoben - auch sie ist noch gar nicht ganz umgezogen, aber das ist ihr egal. Sie hockt sich vor die Tasten und probiert. Sie singt: "Mein kleiner Kompagnion, schau mich noch einmal an, verschwieg'ner Kompagnion, es macht mich froh, dich zu sehn"... Eine neue Erfahrung für sie, daß sie sich was ausgedacht hat und daß sie singt - sie weiß überhaupt nicht, wie sich das anhört. Für die Gala heute nacht würd' es sicher nicht passen, dreitausend Menschen werden erwartet, die sich womöglich jetzt gerade da draußen auf die Ränge schieben - sie weiß nur eins: Der Mann, dem sie mit diesem Stück ihre Zuneigung eingestehn will, der hat keine Ahnung davon - obwohl er vielleicht nur fünfzehn Meter entfernt ist...

Lied wieder von vorn, erst leise während der folg. Zeilen, dann hoch

"Wenn du nicht wärst heut nacht, hätt ich längst kehrt gemacht, bleib, kleiner Kompagnion, bleib..." - wo sie grad so ganz allein ist, singt sie es tief aus der Kehle, so innig sie kann...

Bei ca. 2:17 leiser für:

"Deine Frisur steht dir nicht, schmal bist du im Gesicht" - ein bißchen aufdringlich drängt sich jetzt der örtliche Altstar neben die Seiltänzerin. Er ist ein Mann, den man mögen sollen muß, er meint seine Scherze nie böse, aber wehe, man findet sie doof - "solltest n'bißchen mehr lächeln, wenn du schon singst", sagt er jetzt, und die Seiltänzerin dreht sich abrupt weg von ihm.

Wieder hoch bis Ende, dort (Handzeichen) schneller Fade

Jetzt hat sich der Raum aber gefüllt. Bühnenarbeiter schieben auf Zehenspitzen noch ein paar Kästen Bier und Wein mehr zum Buffett - sie wissen hinter der Bühne immer nicht: Ist das Spaß, was die Künstler grad machen, wo man sich ganz normal bei verhalten darf, oder ist es schon Kunst, wobei man unbedingt leise sein muß -, ein paar Herren mit Sicherheitsgerät drängen dazu, ziemlich laut eine Gruppe von jungen Schwarzen mit Ghettoblastern über den Schultern, sie rappen ein bißchen herum. Der Bühnen-Inspitient taucht hinter ihnen auf. Die Seiltänzerin beobachtet es wie in Trance, dann rafft sie sich zusammen und verschwindet im Gang. Der örtliche Altstar will ihr eigentlich nach, aber der Inspitient, der eben noch gesagt hat: "Showtime verzögert sich um zwanzig Minuten", erkennt ihn und jubelt: "Mensch, Harry, du auch hier, wie gehts'n so, Harry!?"
Da kann es der Altstar ohne eine Antwort natürlich nicht aushalten. "Kleine Probe gefällig", murmelt er, wirft einen Blick in die Runde, stellt zufrieden fest, wie sie angewachsen ist, Schauspieler, Musiker - ein Saxophonist hält sein Instrument schon in der Hand -, alle sehen sie so aus, als wären sie mordsgespannt auf die Antwort des Altstars, der wirft den Kopf in den Nacken, macht zwei Steppschritte, spürt den Rhythmus - und ab.

Schon kurz vorher (Handzeichen) eingefadet, jetzt hoch:
Harald Juhnke (,My Way'), CD 2, take 5
Ab ca. 1:35 leiser für:

Die drei jungen Schwarzen am Buffett gucken ja ganz fasziniert, erstaunlich, die Wirkung fremder Kulturen - aber sonst: Nur Neid und Mißkunst zwischen den Künstlern. Da singt der Mann so schön, und seine Kollegen grinsen, puhlen sich in den Ohren, drehn sich weg, fliehen - nur der Inspitient ist offenbar hingerissen, "der is' ja auch fast taub", flüstert jemand, aber den Sänger für sich genommen stört das alles gar nicht, der freut sich nur an sich selbst...

Musik wieder hoch. Bei ca. 2:33 (Handzeichen) Fade

Na ja, wer weiß, ob seine Frau denn heut abend überhaupt mit dabei ist - aber gar nicht vorbeigesehen, sondern sozusagen voll ins Schwarze getroffen hat der Mann, der es ,My Way' gemacht hat, eben in Richtung Buffett, wo immer noch die Rapper rumhängen - tatsächlich: Das Mädel von denen wirft ihm eine Kußhand zu, die beiden Jungs fummeln an ihren Blastern - ein vielfältiges Programm verspricht die Gala zu werden -, und das Mädel, Lauryn heißt sie, wie der Saxophonist gerade begeistert mitteilt, sie steht da wie eine Emigrantin, die eben ihren Fuß zum ersten Mal auf die Erde des rettenden Landes gesetzt hat, sie wirft die Arme hoch, findet ein Strahlen in ihrer Stimme und bekundet, wie dieses Lied sie tief drinnen heftigst bewegt hat... "Müssten wir nicht längst auf die Bühne", fragt inzwischen jemand den Inspitienten, aber der wehrt bedauernd ab: "Is'n bißchen verschoben, ich sag bescheid..."
Aber jetzt: Ruhe mal, psst...


Direkt angeschnitten:
Fugees (,Killing Me Softly'), CD 3, take 1
ab ca. 1:55 (Handzeichen) schneller Crossfade zu:
Barbra Streisand (,Sweet Zoo'), CD 4, take 5
ab ca. 0:36 (Handzeichen) leiser für:

Dieses grazile Wesen, das urplötzlich aufgetaucht ist und jetzt singt, das hat wirklich das Wort ,Star' über sich stehen, aus kleinen Sternchen über dem Kopf - plötzlich ist auch ein Orchester da, und wie angeboren drängt dies Naturtalent mit Orchester zur Bühne, da lacht keiner, der Inspitient versperrt zwar den Eingang, draußen auf den Rängen ist es dunkel, aber diese Sängerin stört das gar nicht, "My Name Is Barbra" strahlt sie, als wenn das irgendwas erklären würde...

Wieder hoch bis Ende. Kurze Stille

Jetzt hätte es aber Applaus geben müssen. Nichts. Kein Klatschen, kein Licht, nichtmal Räuspern. Sind da draußen überhaupt Menschen? "Is there life on Mars", fragt der Saxophonist. Alle schauen auf den Inspitienten. Der hebt die Hände entschuldigend: "Entweder sie verspäten sich, oder..." - "Was - oder", fragt drohend der örtliche Altstar. Neben ihm hat sich unversehens sein größter Rivale, der nationale Fast-Altstar aufgebaut, der eben grad erst eingetroffen ist, weil er manchmal zu mehreren Galas am gleichen Abend muß. Innig fällt er dem lokalen Altstar um den Hals. "Was: oder", wiederholt er dann, "soll das heißen, kein Publikum? Schlamperei in der Walachei oder wie?" Die Herren mit dem Sicherheitsgerät lachen gequält auf und versuchen hektisch irgendwelchen Funkkontakt zu irgendeiner Außenwelt herzustellen. "Korruption in der Direktion", reimt der nationale Fast-Altstar, aber nur noch die, die er direkt bezahlt, lachen jetzt auf. "Die Direktion ist unerreichbar", sagt da sehr düster der Inspitient. "Am Bühneneingang hängt ein kleiner Zettel, das wir besser nachhaus gehen sollten. Es fällt aus", ergänzt sehr leise die Seiltänzerin, die in ihrem leichten Kostum aus der Garderobe getreten ist. Mit tiefem Blick schaut sie auf den nationalen Fast-Altstar und streift ihn leicht im Vorbeigehen. Sie tut genau das Gegenteil von dem, was sie gerade erklärt hat, läuft nämlich auf die leere Bühne, schwingt sich auf's Seil und balanciert hoch hinauf in die Kuppel. Der Inspitient leuchtet ihr mit einem kleinen Verfolger hinterher. Der nationale Fast-Altstar taumelt in den Saal, egal ob Show oder nicht, schlägt ein paar Töne am Klavier an, dann dreht sich schon alles - da oben steht diese wundervolle Tänzerin, er hier unten, das Leben, die essentiellen Dinge, Illusionen, der Augenblick - er muß es jetzt einfach loswerden...

Schon kurz vorher eingefadet (Handzeichen):
Udo Lindenberg (,Bis ans Ende der Welt'), CD 5, take 6
Bei ca. 1:45 (Handzeichen) leiser für:

Natürlich dreht er sich manchmal um, wer ihm zuhört - und jedesmal, das muß er leider erkennen, werden es weniger, eigentlich nur noch die Mitglieder seiner eigenen Truppe, alle anderen sind schon fort -, aber natürlich schaut er beim Singen doch am meisten dort nach oben auf diese wundervolle Ballerina - aber es geht ihm wie jedesmal: Es sind auf Dauer doch eher die schönen Floskeln, die er sich ausgedacht hat als diese Frau, was ihn interessiert -, wieso schwankt die eigentlich gar nicht auf ihrem Seil, ist doch auch hier unten schon nicht einfach, gerade zu stehn - aber das Lied, das bring ich zuende, sagt er sich dann...

Wieder hoch bis Ende

Als einziger und zum einzigen Mal applaudiert jetzt der Inspitient. Klapp klapp. Der nationale Fast-Altstar wird von seinen Leuten hinausgeleitet, sie haben jede Erfahrung damit. Der Inspizient streichelt die Seiltänzerin liebevoll von unten mit dem kleinen Verfolger. ,Da war sie so dicht an einer Romanze mit einem wirklichen Promi dran', denkt er, ,alle Achtung... Und süß ist die', denkt er weiter. ,Alles so gelaufen wie geplant', denkt sie. ,Der ganze Aufwand, damit dieser Holzkopf da unten, dieser liebe, selbstvergessene Holzkopf mich endlich mal wahrnimmt.' Und sie macht einen Kußmund zum Inspitienten hin. ,Noch bleib ich ein bißchen auf meinem Seil', sagt sie sich, ,soll er mir erst mal den Hof machen'. Und der Inspitient, als wenn er ihre Gedanken erraten hätte, holt tief Luft und sagt: "Komisch, du da oben, ich hier unten. Jetzt fehlte nur noch, die Clowns würden kommen, dann wär's wie im Zirkus, was? Tja, wenn also jetzt die Clowns reinkämen..." Ziemlich verlegen steht er da, ziemlich verliebt wohl auch. Und statt der Clowns kommt der Saxophonist dazu, der mal ein bißchen Trompete spielen übt. ,Das ist doch kein Hof-Machen', denkt sich die Seiltänzerin. Aber dann sagt sie sich: ,Wenigstens keine Show mehr, sondern das richtige Leben...'

Schon kurz vorher (Handzeichen) eingefadet:
Van Morrison (,Send in the Clowns'), CD 6, take 11.
Ende ad lib.

 

© Manfred Maurenbrecher 2000

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