DER TAG, ALS MATTHIAS MARIE TRAF

Eine Polen-Grenzgeschichte für die Ohrenweide

Klaviermotiv eins, kurz laut, dann leise unter folg. Absatz

Matthias arbeitet in Berlin als Postangestellter, und in seiner Freizeit verbringt er viel Zeit im Internet. Er macht Internet-Banking, Internetversteigerungen, Internet-Preisrätsel, und spät in der Nacht besucht er die verschiedensten Chatrooms. Eine Zeitlang hatte er Spaß daran, sich beim Chatten, diesem Geplauder mit unsichtbaren Partnern, zu verstellen - er verwandelte sich so zum Ledermuskelmann, zur modellhaften weiblichen Schönheit, zum alten Fremdenlegionär, zu einem 17jährigen statt, wie er eigentlich war, dem 27jährigen. Aber die zehn Jahre Unterschied machten es nicht wirklich spannend, und um sich in eine fremde Existenz richtig einzuleben, war Matthias,wenn er chattete, einfach zu abgespannt - also verzichtete er bald auf den faulen Zauber und erzählte wieder ganz ehrlich von sich selbst, wie früher in der Eckkneipe nebenan, wenn er nachts noch eine Eroberung gemacht hatte. Auf diese Weise lernte er unter anderem eine junge Frau namens Marie kennen, deren Humor ihm sofort gefiel, die sich am Bildschirm so darstellte, daß ihre Art und Aussehen ihn einfach reizen mußten, und die ganz viele Interessen mit ihm teilte. Sie drückte sich in einem gewählten, ein wenig altertümlichen Deutsch aus und erklärte es damit, daß sie in Polen aufwachse, aber von deutschen Eltern abstamme - Matthias möge ihr jetzt seine Heimat beschreiben, ihr sein Berlin öffnen...

Klaviermotiv eins kurz laut

Es war Anfang Juni, und Matthias hatte ein paar Tage frei. Er besorgte sich eine Landkarte von Polen, das er - wie viele Berliner - weit in der östlichen Ferne wähnte. Aber Trzcinsko-Zdroj, der Ort, in dessen Nähe Marie angeblich zuhaus war (und von dem Matthias nicht wußte, wie er ihn aussprechen sollte), lag von Berlin soweit entfernt wie Magdeburg, Luftlinie 70 km. "Plan einen Tag für die Grenze ein", riet ihm ein Kollege auf der Post, und ein anderer grinste: "Und einen zweiten für die Märkte." Tatsächlich hörte Matthias jetzt, wo seine kleine Reise ins Nachbarland konkret wurde, in den Nachrichten dauernd von stundenlangen Wartezeiten an der Grenze zu Polen - ,aber', so dachte er, ,eh dieses Mädchen vielleicht einmal unerwartet bei mir vor der Tür steht, will ich sie besser bei ihr zuhaus überraschen - vielleicht mögen wir uns ja gar nicht, und dann erspar ich ihr viel Ärger...'

ab hier Klaviermotiv zwei leise unter folg. Absatz

Voll Neugier brach er am nächsten Morgen auf - sein Faible für eine bestimmte Unterhaltungssendung hatte ihn dahin beeinflußt, mit einem Mietwagen loszufahren, sein eigenes Auto blieb daheim vor der Tür. Im Radio hörte er eine Rede des Ministerpräsidenten von Brandenburg - auch der stand wohl grad irgendwo an der polnischen Grenze und weihte etwas ein, von tiefer Freundschaft sprach er und einem Europa ohne Schranken, während Matthias eine etwa 80 km lange Warteschlange von LKWs überholte, polnische, ukrainische, weißrussische, lettische... Er bog ab, und an einem LKW-freien Übergang weiter nördlich wurde er bald bedient. Ein wenig, so schien ihm, taten die Zöllner aber doch so, als sei es eigentlich nichts Rechtes, einen Ausflug ins östliche Nachbarland zu wagen, das ja immerhin vor knapp zwanzig Jahren einen Aufstand angezettelt hatte gegen die eigene Führung und dann abgeriegelt wurde, mit einer ,Friedensgrenze' nicht ganz so scharf bewacht wie der Übergang ins westliche Deutschland, aber immerhin... So falsch konnte das nicht gewesen sein, schienen die Beamten zu denken. Ihr polnischer Kollege jenseits der Brücke dagegen schien beim Weiterwinken zu schlafen.

Klaviermotiv zwei kurz laut, dann deutlich unter folg. Absatz

Am östlichen Oderufer war eine Zeltstadt errichtet rund um die Ruine einer riesenhaften zerbombten Fabrik. Die verschiedenen Schichten von Aufschriften auf einer abgeblätterten Fläche am Hauptgebäude gaben stichworthaft Auskunft über den Gang der jüngsten Geschichte in dieser Gegend: Hatte der Komplex im vorigen Jahrhundert wohl einem ,Unleserlich & Salomon' gehört, war er später Munitionsfabrik des Deutschen Reiches gewesen, nach dem Zweiten Weltkrieg polnisches Volkseigentum, dann privatisiertes Kulturzentrum des Bezirks (der Woiwodschaft), und jetzt eben ,Polenmarkt' im Besitz eines Händlerkonsortiums aus Berlin und Stettin. An hunderten von Ständen wurden Zigaretten, Spirituosen, Käse, Schinken, Gartenzwerge, Remakes von Markenkleidungsstücken, Benzin und CDs halbwegs billig angeboten. Manches Schnäppchen führte zu weiteren unsichtbaren Schätzen. Hätte Matthias z.B. eine CD der ,Böhsen Onkelz' in die Hand genommen, wäre gleich jemand an ihn herangetreten und hätte geflüstert: "Landser?" Die extreme RechtsaußenKapelle unterm Ladentisch... Hätte er sich in ein Taxi gesetzt, wie sie zu zehnt am Schlagbaum standen, hätte der Fahrer den einsamen jungen Mann gefragt: "Essen Trinken F... hundert Mark?"

Klaviermotiv zwei kurz laut

Aber Matthias stieg in sein Mietauto und verließ den Markt mit nichts als einem Kilo Äpfel für eins dreißig. Bald war er über die Stände und Tankstellen raus. Eine letzte Gruppe kurzhosiger Deutscher, eine letzte Abordnung internationaler Filmstars als Gartenzwerge, ein Tätowierer und ein ,Club Orchidee, Begleitungs-Service', dann ging es in Berg und Tal. Matthias fuhr der Nase nach. Es war ein wolkiger Tag. Ein Tag mit einem Storch über jedem Dorf. Er fuhr eine kleine Straße, wie auf einem wilden Kinderbild geführt: quer über Hügel weg, um runde Seen herum, steil hinab, eine schlaglöcherige Achterbahn, die sofort munter macht. Aus dem Lautsprecher kam aufgepoppter slawischer Folk - das war ,Radio Maria', ein Kirchensender. Als wären es die dazu passenden Antennen, standen in jedem der kleinen Dörfchen haushohe, geschmückte Kreuze. Matthias dachte an Marie - was er von ihr wußte, was er sich ausmalte -: Zweiundzwanzig, brunett, schmal, nervös, passionierte Motorradfahrerin, Heavy-Metall-Fan, Leserin von ,Harry Potter' und von Computer-Magazinen, jemand, der die soziale Gerechtigkeit okay fand, den ungehinderten Wettbewerb aber noch okayer, für Chancengleichheit war und für Frauen in der Armee, eine, die ihren Spaß wollte, aber Wurzeln auch, Umweltschutz gut fand, den Aufschwung in der Region noch viel besser - eine moderne Europäerin eben, eigentlich ideal für die Grünen - gab es die Grünen in Polen? "Bist du für Abtreibung", hatte er ihr mal gemailt, und sie hatte zurückgegeben: "Ich denke, solche Frage jetzt doch zu privatt", und da hatte Matthias lächeln müssen und sie mit einem ganz süßen Ausdruck um ihren Mund vor sich gesehen in jener Nacht, als sie in ihrem Chat so weit gegangen waren, daß unter anderem er ihr gestanden hatte, zur Zeit ohne Freundin und überhaupt ein wenig einsam zu sein in seiner großen Wohnung im riesigen Berlin. Und sie hatte zurückgetippt, daß sie ihn jetzt grad mit einem ganz süßen Ausdruck um seinen Mund vor sich sähe in ihrer Phantasie...

Klaviermotiv drei (,Zauber-Thema') schon vorher angedeutet, jetzt laut,
leiser unter folg. Absatz, nach einer Weile weg

An Berlin erinnerte hier nichts mehr, wo Matthias jetzt immer langsamer, achtsamer, verzauberter langfuhr. Dörfchen mit Viehzeug, das über Straßen watschelte, kleine Weiher, Pferdekarren, Männer, die auf Fahrrädern Mehlsäcke transportierten, manchmal Jugendliche beim Kicken, manchmal auch trampend zwei junge Mädchen (die Matthias sich nicht mitzunehmen traute), einmal eine Alte auf einem Esel. Das Grün, das die uralten Häuschen überrankte, schlug Wurzeln im Asphalt. Einmal sperrten zwei Kinder, als Hochzeitspaar verkleidet, die Straße, ein andermal waren es spielende Hunde, von Männern auf einer Laubenbank angefeuert. Matthias konnte die langen Blicke nicht deuten, die ihm nachgeworfen wurden. Er fuhr oft im Schritt und mit dem Gefühl, es liefe die Zeit im gleichen Schritt neben ihm. Die Menschen, die ihm begegneten, sahen nicht freundlich aus, auch nicht abweisend, sie wirkten rauh, oft ein wenig betrunken, gleichgültig und beharrlich. Eigentlich - egal, was sie taten - wirkten sie uralt. Umso leuchtender hoben die betont Jungen sich davon wieder ab, so als paßten sie nicht in die Gegend, in die ganze Richtung nicht und wären hierher nur zwangsversetzt, zur Bewährung im archaischen Landstrich. So ähnlich hatte es Marie in einer ihrer Chat-Nächte ausgedrückt. "Wie gern wir wollen, und weg wir wollen", hatte sie geschrieben - und auf seine Nachfrage erklärt, daß sie manchmal fürchte, ihre Heimat nie loszuwerden, denn nicht nur sie sei ja dort geboren - in der ,Neumark', wie sie schrieb -, sondern schon Generationen vor ihr. Damit aber sei sie dort eine Ausnahme, denn die meisten Familien um sie herum seien nach dem Krieg erst gekommen, zwangsausgesiedelte Polen aus der heutigen Ukraine, und Vater und Mutter hätten sich, wie auch sie als Kind noch, nicht einmal deutschstämmig nennen dürfen. Das sei sehr streng gewesen. Jetzt sei es anders, deutsch sei modern, aber die Wurzeln von denen, die damals blieben und Polen geworden sind, nur umso fester, und manchmal glaube sie, statt nach Deutschland umzuziehen werde sie sich nur herholen, was ihr gefiele.

Klaviermotiv drei wieder laut, dann weg

"Jetzt ist nicht jetzt" hatte Marie geschrieben. Matthias hatte es in jener Nacht überlesen und etwas darauf geantwortet, was wieder näher an ihm selbst und seinen berliner Sorgen lag - aber jetzt, während er sich durch ein sumpfiges Waldgebiet höher schraubte in seinem Mietauto und ,Radio Maria' hörte mit einem Lied von Lucio Dalla, in dem es wohl ebenso um die Mutter Gottes ging wie in den Gebeten des polnischen Papstes, dachte er, daß er irgendwo am Rand eines Paradieses entlangfuhr. Luftlinie 70 km weg von Berlin, auf einer anderen Hälfte der Kugel. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn ein Saurierkopf aus den ineinander verwickelten Weidenbäumen, die den Sumpf säumten, nach ihm geschaut hätte. Oder eine Märchenfee. Als Gegenmittel wiederholte er das Wort ,Sklep' - Sklep wie Kramladen, das er gerade gelernt hatte, als er eine Cola kaufte im vorigen Dorf und das alte Mütterchen hinter der Theke vor lauter Plastikramsch gar nicht erkannte. ,Sklep' - vorzügliche Beschwörungsformel gegen jegliche Träumerei...

Klaviermotiv vier (,Chopin')

Ein Motorrad war hinter ihm. Es leuchtete einäugig durch die Blätter. Es neckte ihn. Schon eine Weile hatte er eine Stadt vor sich aufwachsen sehen, mittelalterlich auf einer Hochfläche, Türme und Mauern, die nicht nur größer, sondern auch älter wurden, so kam es Matthias vor, je näher er auf sie zufuhr. Er konnte das Motorrad noch abschütteln, und es machte ihm Spaß. An einer Müllhalde kam er vorbei und an ein paar schuhkastenförmigen Neubauten mit Schornsteinen so groß wie Treppenhäuser. ,Nicht alles ist alt hier', dachte er erleichtert und behielt das Motorrad im Rückspiegel, wie es Schleifen zog und wieder zum Überholen ansetzte. Die Straße führte jetzt direkt durch ein Stadttor mit einem in Stein geschlagenen Wappen - "jetzt ist nicht jetzt", dachte Matthias verträumt und drehte die Mädchenchöre von ,Radio Maria' noch etwas lauter. ,Trzcinsko-Zdroj' stand auf dem Ortsschild, ,Bad Schönfließ' war in Handschrift darunter gekratzt. Das Motorrad überholte ihn. Eine junge schlanke Frau, wehend brunetter Haarschopf, ein bißchen nervös, stand halb im Sattel, ledergekleidet, lächelte ihm zu, und als sie ihn hinter sich hatte, winkte sie mit einem Knick im Ellbogen, der so etwas sagte wie: ,Mir nach...'

Klaviermotiv vier, kurz vorher schon angefangen, jetzt laut

Bad Schönfließ ist nicht groß, aber in den labyrinthischen Altstadtgassen kann man sich leicht verfahren. Als Matthias nach einer Weile sein Auto am Markt abstellte, war er nicht mehr besonders gut gelaunt. Auf dem großen Platz klapperte an jenem Tag ein Eiskarren in den Windböen. ,Lody' stand in Regenbogenfarben abblätternd darauf, und eine übermäßig dicke, ähnlich abblätternd grell wie ihr Karren gekleidete Frau machte sich daran zu schaffen. Ob er ein Eis wolle, fragte sie Matthias auf deutsch. ,Sie ist fort', konnte Matthias denken, nichts anderes. Ob er denn nicht ein Eis wolle, wiederholte die Frau. "Doch", rief Matthias wie aufgewacht, er wollte ja freundlich sein - "doch, bitte ein Eis!" Da tauchte in einer Kurve unterhalb der Kirche das Motorrad wieder auf. Gleichzeitig zeigten sich ein paar Kinder. Hier sei sein Eis, knurrte drohend die dicke Frau. Matthias ging ein paar Schritte in Richtung Motorrad mitsamt der brunetten Reiterin. Böse schrie die dicke Frau etwas, das Motorrad drehte ab. Die Kinder taten so, als hätte der Eiswagen gerade erst geöffnet und stellten sich mit ihren gezückten Slotystücken an. Die dicke Frau ging Matthias hinterher. "Hier ist dein Lody", sagte sie, "und Lody heißt Eis." - "Hab ich vermutet", knurrte Matthias mißmutig. Er übersah den leeren Platz und murmelte: "Aber warum ist sie weg?" Die Dicke machte eine komisch-verzweifelte Geste, mit der sie die ganze Gegend umfaßte: "Wie gern wir wollen, und weg wir wollen", sagte sie mit einem scheuen Grinsen. "Sie sind? - du bist - Marie", fragte Matthias entsetzt. "Ich bin", sagte sie, "und ich wußte, du kommst einmal... In dem Internet sind wir uns alle gleich, siehst du..."

Klaviermotiv fünf, langsam übergehend in Klaviermotiv eins, das nur kurz angedeutet wird

Der Mann, der in einem Westberliner Vorort seine Arbeit bei der Post gekündigt und einer Mietwagenfirma den Verlust eines ihrer Fahrzeuge während einer Polenreise gemeldet hat, was zu nichts als ein paar Routineuntersuchungen geführt hat, geht in der Hauptstadt regen Geschäften nach. Seine alten Freunde, die ihn unter dem Namen Matthias kennen, sehen ihn kaum noch. Wenn sie ihn zufällig treffen, wundern sie sich über den starken Akzent, mit dem er neuerdings spricht. Die zwanzigjährige Studentin Ludmilla Kowazs aus ,Trzcinsko-Zdroj' hat von dem Honorar, das ihr die Eiswagenbesitzerin Marie Bewerka für ein paar Gespräche, Handreichungen am Computer und die Installation eines Modems gezahlt hat, die letzten Raten für ihr geliebtes Motorrad getilgt. Im Honorar inbegriffen ist die Bedingung, das sie dem neuen Freund der Bewerka strikt aus dem Weg gehen muß. Dieser neue, junge Freund, im gleichen Alter wie Marie Bewerkas plötzlich verschwundener 27jähriger Bruder, lebt in Trzcinsko-Zdroj, oder Bad Schönfließ, wie die beiden sagen, als zurückgezogener Einzelgänger. Seinen Tageslauf bestimmen Ausflüge, Träumereien und Internet-Wanderungen. Er vermisse nichts, sagt er dann und wann seiner Marie - mal auf polnisch, mal deutsch - ins Ohr, und ihr klingt es glaubhaft. Marie Bewerka ist von tief erfinderischer Natur, man sagt, ,sie hat das Gesicht'. Manchmal schrickt ihr neuer Freund aus einer süßen Träumerei hoch, starrt sie an, verlangt zu wissen, wie das denn alles gekommen sei und was z.B. jetzt gerade im nahen und doch so unendlich fernen Berlin, seiner alten Heimat, vor sich gehe... Dann holt Marie tief Atem, setzt sich in ihrem Sessel zurecht, lächelt und sagt: "Du weißt doch, daß jetzt nicht jetzt ist, mein Lieber." Und dann erzählt sie, was grad geschieht:

Ab hier Klaviermotiv eins leise

"Matthias arbeitet in Berlin als Postangestellter, und in seiner Freizeit verbringt er viel Zeit im Internet. Er macht Internet-Banking, Internet-versteigerungen, Internet-Preisrätsel..."

Wiederholend wird die Stimme leiser, das Klavier übernimmt.

© Manfred Maurenbrecher 2000



Tür & Angel •  Biografische Baustellen •  Pranger & Luftschaukel •  Medienspiele  •  Spiele mit anderen Künstlern •  Kurzgeschichten fürs Radio  •  Ost-West-Begegnungen  •  Rezensionen •  Fotos •  Links  •  Mail
Songtexte: alphabetisch •  chronologisch •  Kommentare
Home