KÖNIGSKINDER

Ein Dialog für die Ohrenweide vom 7.5.2000

Klavier-Intro

1.
Sie: Entschuldigen Sie: Wenn in zwanzig Minuten die Aufzeichnung beginnt - werden dann Sie als erster reingerufen oder ich?

Er: Ich - jedenfalls laut der netten Dame von der Regie. Aber ich lasse Ihnen natürlich gerne den Vortritt, Verehrteste. Ich weiß, was sich gehört...

Sie: Nein nein nein! Woll'n wir uns hier mal ganz an die Sitten des Fernsehens halten. Vielleicht verfährt man in dieser Sendung ja auch nach dem Prinzip einer Steigerung - wenn Sie das spaßhaft nehmen können, mein Herr...

Er: Oder man verschiebt den Effekt des Weg-Zappens bis ans Ende. War auch nur ein Scherz, gnädige Frau, nichts für ungut. - Ich hätte diesem Nelkenkötter gar nicht zusagen sollen - so heißt er doch, der Moderator?

Sie: Der Herr Nelkenkötter ist so ein charmanter Mann - als der angerufen hat, habe ich gleich gesagt: Im Normalfall nein, mach ich auf keinen Fall, schon im Sinne des guten Andenkens an meinen Vater nicht - aber weil Sie es sind, Herr Nelkenkötter...

Er: 'Ich trage einen berühmten Namen' - eine ziemlich alberne Idee für eine Fernsehsendung, wenn Sie mich fragen...

Sie (lacht auf): Tja, wenn man - entschuldigen Sie, ich will Ihnen nicht zu nahe treten -, wenn man aber auch Koswig heißt - so wie Sie, mein Lieber...

Er: Gestatten, Koswig, was ist dabei?

Sie: Aber wer kennt Sie!? Ich meine: Nicht, dass es ein Verdienst wäre, schon an seinem Namen erkannt zu werden, aber ich heiße Scherfel, nach dem berühmten Dichter, und seiner noch berühmteren Frau, der Künstlerin Alma Prahler-Scherfel, die später ihre Lebenserinnerungen, in denen ich übrigens auch vorkomme...

Er: Prahler-Scherfel, die vorher mit dem Komponisten? Das ist Ihre Mutter!?...

Sie: Tja, die kennt jeder. (zögert kurz) Hat mich jedenfalls großgezogen. So weit ihr Zeit dafür blieb. Franz Scherfel war ja ein ungemein produktiver und konsumierender Mann.

Er: Und der war Ihr Vater?

Sie: Gewiss. Aber nun sagen Sie doch mal, wer oder was war denn Koswig?

Er: Kennen Sie die Stadt Peine?

Sie: Klingt ungut. Bin nie dagewesen.

Er: Aber wer Peine kennt, kennt Koswigs Eisenwaren. Direkt am Bahnhof, bei den Parkplätzen vor der Fußgängerzone. Vordereingang zur Straße, hinten im Hof das Ersatzteillager mit Werkstatt. Früher der große Bunsenbrenner mit dem acht Meter hohen, ganz schmalen Schornstein. Das Rotdorngebüsch davor, die Hundehütte für Flex, den Dalmatiner...

Sie: Eisenwarenhändler können detailfreudig sein, hab ich recht?

Er: Ich war einen Moment in Erinnerungen, entschuldigen Sie! Aber wir sind übrigens in erster Linie nicht Händler, gnädige Frau, wir Koswigs sind alle Tüftler gewesen. Erfinder. Und meinem Vater ist wohl das Meisterstück gelungen, Rolf Koswig.

Sie: Den muß man dann also kennen?

Er: Die Koswig - Dichtung. Die hat er erfunden.

Sie: Nie gehört. Sie meinen 'Dichtung' im Sinne von...

Er: ... im Sinne von Abdichtung, ganz recht. Eine im Metallbett geführte Gummiverbindung zur Abfuhr der Feuchtigkeit bei Wasserkränen und Schläuchen, aber auch zur Isolierung bei fließendem Strom gut verwendbar...

Sie: ... also nichts für ungut...

Er: ...und mittlerweile fast überall auf der Welt verbreitet. Neuseeland wehrt sich noch. Aber insgesamt über 65 Patente. Sind Sie Heimwerkerin?

Sie: Ob ich was...?? Lieber Herr, ich frag mich allmählich, ob der gute Herr Nelkenkötter, oder wer immer das für ihn recherchiert, sich vielleicht diesmal vertan hat? Das entwertet doch auch uns andere, die wir wirklich berühmte Namen tragen - entschuldigen Sie, nichts gegen Sie persönlich oder Ihren wackeren Herrn Vater...

Er: Ich hab dem Nelkenkötter das selber gesagt, ich reiß mich nicht drum - aber der wollte unbedingt, dass auch mal was für die praktischen Leute in seine Sendung kommt, nicht immer nur so Politiker, Adlige oder Dichter wie Ihrer...

Sie: Dichter wie meiner! Ihr Vater hat eine Dichtung erfunden, wie ich gerade gelernt habe, während mein Vater in seiner expressionistischen Jugend von seinen Texten als von Montage-Anleitungen gesprochen hat! Insofern passen wir ja vielleicht sogar prächtig zusammen...

Er: Auch die Sachen von Ihrem Vater sind schließlich über die ganze Welt verbreitet...

Sie: "...nur Neuseeland wehrt sich noch" - ach was! Man kennt ihn nicht mehr! Um so wertvoller sind solche Sendungen wie die von Nelkenkötter. Wenn sie nicht neuerdings übervölkert wären mit Dichtungserfindern und Patentjägern... Wer liest denn noch die Werke von Scherfel...?

Er: Meine Mutter zum Beispiel. Die hat Ihren Scherfel - Verzeihung, Ihren Herrn Vater - gelesen, bis sie gestorben ist. Und das ist erst drei Jahre her.

Sie (erstaunt): Ach was...

Er: Die hat so viel von Scherfel gelesen, dass ich als Kind gedacht hab, das wäre der größte und überhaupt bekannteste Bücherschreiber der Welt...

Sie: Das ist allerdings rührend...

Er: Na ja, ich hab den Irrtum bald bemerkt.

Sie: Trotzdem - Gott segne Ihre Mutter.

Er: Das hat er. 'n paarmal zu oft vielleicht - wenn man so sagen kann.

Klavier-Zwischenspiel, leise schon während der letzten Wortwechsel, jetzt kurz laut, dann leiser unter dem folg. Absatz


II.
Sie:... und dann natürlich die Emigration. Dieser Tross von Leuten, mit dem wir damals auf der Flucht vor dem Faschismus über den Großen Teich und nach Kalifornien - Golden California... - Was heißt wir, ich bin erst dort geboren und kenn das meiste davon nur aus den Erzählungen, aus Vaters Tagebüchern, den Stoßseufzern meiner Stiefschwestern und dem... Gedöhns meiner Mutter.

Er: Alma Prahler...

Sie: Stiefmutter, um genau zu sein. Wobei ich sagen muss, dass sie alles getan hat, um diesem Wort auch in seinem märchenhaften Sinn ganz gerecht zu werden.

Er: Moment. Das muss ich mir erst mal... das haben Sie schön gesagt. Alle Achtung.

Sie: Danke.

Er: So bildhaft. Und trotzdem präzise.

Sie: Diese Begabung hab ich vom Vater! Ach, könnt ich nachher in der Sendung doch auch so schlaggewandt und wortfertig sein! Oder umgekehrt. Jedenfalls tut es mir gut, mich mit Ihnen auszutauschen. Auch wenn Sie nur der Sohn eines Klempners sind.

Er: Mir tat es damals gut, als ich erfahren hab, dass er gar nicht mein richtiger Vater ist. Da war ich acht oder neun. Wir fanden es beide nicht schlimm. Meine Brüder waren schon so viel älter als ich, und er erst - er brauchte mir dann diese Rolle überhaupt nicht mehr vorzuspielen... Übrigens: Klempner, das hätte er nicht gern gehört.

Sie: Sah Ihr Vater sich denn überhaupt selber als Träger eines berühmten Namens?

Er: Nie im Leben. So einer war der nicht. Dass meine Mutter bei ihm geblieben ist, obwohl das so überhaupt nicht gedacht war, das hat ihn stolz gemacht. Mit seinen sechsundsechzig. Und sie erst dreiundzwanzig.

Sie: Aber Sie waren nicht der Grund dafür - wenn ich den familiären Vertraulichkeiten bis hierher richtig gefolgt bin?

Er: Ich war ein Mitbringsel. Bin auf der andern Seite der Kugel geboren - den Namen des Landes haben Sie vorhin sogar erwähnt...

Sie: Kalifornien!?

Ab hier langsam anwachsendes Klavier-Motiv

Er: Meine Mutter muss abenteuerlustig gewesen sein - sie wollte in Amerika etwas werden, wusste wohl selbst noch nicht richtig, was - mit Anfang Zwanzig kein Wunder -, und als sie ihre Green Card dann schließlich hatte, fand sie erstmal Unterschlupf ganz im Westen, als Küchenhilfe...

Sie: In Golden California - entschuldigen Sie, Herr Koswig, ich übe schon mal ein bisschen für das Interview nachher, und dann erzählen Sie weiter... : Kalifornien, wo meine Eltern mit Lion Feuchtwanger, mit Bert Brecht, Hanns Eissler und Charlie Chaplin zusammen in Pacific Palisades gestanden sind und unendliche Trauer verspürten über Deutschlands Schande und den Kulturverlust...

Er: '...es sind immer die schönsten Zufälle', hat sie später oft gesagt - ihr alter Onkel in L.A., der sie dann weiter vermittelt hat an den Chefkoch von einem Hollywoodkomponisten, der aber mit ihr nicht klarkam, weil sie nicht gut koscher kochte, und dann gab der ihr netterweise den Tipp mit der deutschen Emigrantenfamilie direkt zwei Orte weiter, meine Mutter hatte keine Ahnung, wie prominent die Familie war...

Sie: ...kurz, eh ich zur Welt kam, hatte Scherfel ja noch einen Bestseller gelandet, das hob ihn von all den anderen Flüchtlingen ab, Hollywood interessierte sich, Brecht war ein wenig neidisch, und Vater ging bei den einflussreichsten Leuten ein und aus, bei Katja und Thomas Mann war er oft zu Gast - das darf ich nachher im Interview nicht vergessen, jemand wie Nelkenkötter muss das ja interessieren, es sind dies immerhin die ganz seltenen Gelegenheiten, meinen Vater wieder ins Gespräch zu bringen...

Er: '...es geht zu wie im Zirkus, so vornehm die tun, eigentlich sind's große Kinder', hat Mutter später oft erzählt. Sie half den Gästen aus den Mänteln, deckte auf, deckte ab, schnappte Brocken von den Gesprächen auf, die ja meistens in deutsch geführt wurden, verschenkte ihr Lächeln...

Sie: Man hat mir später erzählt, es war irgendein Dienstmädchen, aber ich durfte nicht fragen, ich war ein Kind der Familie geworden, und basta. Scherfel war damals ja voll im Erfolgswind - deshalb hat nicht einmal meine Stiefmutter seinem Seitensprung Einhalt geboten.

Er: 'Eins hat er selber behalten, eins ließ er mir', das war eigentlich alles, was man Mutter über meine Geburt und die meines Zwillings entlocken konnte. Wer der Vater war, nie ein Wort. Auch kein Vorwurf. Sie ist mit mir im Gepäck nach Deutschland zurückgekehrt, hat auf eine Annonce von Koswig hin mich dort in Pflege geben wollen und ist gleich selber geblieben. Hat mit dem alten Mann noch zwei Kinder gehabt. Die Erbregeleien waren nicht ganz einfach zwischen uns Nachkommen, wie man sich denken kann.

Klavier-Motiv hört auf

Sie: Der 25. September 36 ist für mich - das muss ich nachher unbedingt erwähnen - ein wichtiger Tag nicht nur, weil ich da geboren bin, sondern weil Scherfel, mein Vater, seit diesem Datum nie mehr die deutschen Schriftzeichen schrieb, die ihm in der Schulzeit beigebracht worden sind. Die Fachwissenschaftler streiten noch über den Hintergrund. Inwieweit es mit meiner Geburt zusammenhängen kann...

Er: 25. September 36? - Das ist auch mein Geburtstag.

Sie: Wissen Sie, was Sie da aussprechen?!

Er: Wir sollten uns vielleicht, vor allen Überprüfungen und eh wir die möglichen Konsequenzen durchdenken, schicksalsergeben erst einmal umarmen.

Sie: Schön formuliert.

Er: Danke. Könnte von Ihrem Vater sein.

Sie: Der jetzt - vielleicht - auch der Ihre ist. Oder, wie Ihre Mutter wohl sagte: 'Es sind immer die schönsten Zufälle'.

Er: Auch Ihre - vielleicht auch die Ihre!

Sie: Wir sollten uns duzen!


Klavier-Zwischenspiel


III.
Er: Und wer sagt es Nelkenkötter?

Sie: Wir treten gemeinsam vor die Kamera, ja?

Er: Er ahnt doch nichts davon, oder? Das ist doch kein abgekartetes Spiel?

Sie: Niemals! Viel zu harmlos, diese Sendung, viel zu bieder und zu viel Kultur... Tja, wenn wir jetzt bei Arabella wären, oder bei Fliege...

Er: Hoppla, so etwas sehen Sie?

Sie: Wir sind beim 'Du', mein Lieber... Ich gesteh Dir was: Ich kenn jede Talkshow! Und ich bin Heimwerkerin! Und mag von Scherfel eigentlich nur seine paar Liebesromane!

Er: Dafür kann ich keine Schraube in die Wand dübeln, ohne dass ich mir weh tu.

Sie: Da hinten winkt Nelkenkötter, wir müssen raus. Komm, bitte führ mich. Wie sagen wir's ihm, dass wir... dass wir uns... also, dass wir uns - vielleicht - gefunden haben?

Er: Aber wir wollen doch nicht heiraten! Wir sind doch nur möglicherweise Geschwister...

Sie: Unser Vater würde jedenfalls seine Phantasie spielen lassen...

Er: Ich fürchte auch.

Klavier-Extro

© Manfred Maurenbrecher 2000



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