DER RICHTIGE MANN

Plauderei für die Ohrenweide am 13.4.2001

Den ganzen Text hindurch - besonders an den Absätzen - Klaviermusik

Heute testen sie vielleicht gemeinsam ein neues Adventure-Spiel auf CD- Rom, oder sie probieren miteinander die Brettversion eines Wissens-Quiz aus, - oder vielleicht legen sie die DVD eines populären Spielfilms ein und unterbrechen die Szenenfolge dann und wann, um über andere Filme zu plaudern... "Das ist doch genau wie bei Shakespeare" - "Ja, wie in 'Romeo und Julia', hast du das mal im Theater gesehen?" - "'Shakespeare in Love'?, nee - im Kino natürlich" - "'Romeo und Julia' mein ich" - "Nee, nur gelesen, in der elften Klasse..." - "Wir nicht mal das. Wir haben 'ne Art von Zusammenfassung gekriegt..."

So reden sie, zu Weihnachten oder an einem Geburtstag, Eltern und Kinder in einer modernen Bürgerfamilie. Möglich, daß das Geburtstagskind dazwischen gedankenverloren in einem Hochglanzbildband über die Provokationen der Ostberliner Volksbühne blättert, möglich auch, daß die Eltern die Kinder zu einem Kabarettbesuch einladen zwischen den Jahren, oder die Kinder die Eltern zu einem Musical ins Stadttheater - wer wen wohin mitnimmt und wer im Moment grad welchen Geschmack hat, das wechselt unter den Generationen, und das gegenseitige Verständnis, die zärtliche Ironie, mit der man die frische Leidenschaft der eben von zuhaus ausgezogenen Mutter zu greller neudeutscher Comedy zur Kenntnis nimmt oder das Bedürfnis des vor der Heirat stehenden Sohnes zur Oper und dem expressionistischen Drama - dieses gegenseitige sich im Anderen Wiedererkennen, dies Sich - Verstehen und Dulden, es könnte nicht größer sein als heutzutage.

Ich hatte solche Gedanken, als ich in einem Zeitungsartikel von des Bundesverteidigungsministers Scharping und seiner neuen Freundin Liebe zur - wie es dort ausgedrückt war - "zutiefst authentischen Musik von Pur" las und gleichzeitig eine CD in der Hand hielt, die mir meine achtzigjährige Patentante geschickt hatte: Schubert-Lieder auf einer Pan-Flöte gespielt. 'Alles mischt sich', dachte ich, 'alles ein wenig exotisch und Aufmerksamkeit heischend, bis man die Originale dahinter vergessen hat und gar nichts anderes mehr verträgt...'

Weil gerade Jahreswende und deshalb Zeit für Muße war, holte ich mir ein paar alte Familienalben vom Boden - ein bißchen auch in der Hoffnung, noch einmal der Bildunsstrenge des Bürgertums aus dem vorvergangenen Jahrhundert zu begegnen - als eine Scheidung noch eine Scheidung war. Als in der Schule die Klassiker noch auswendig aufgesagt wurden. Als man Schubert vom Blatt weg spielte. Als im Haushalt des Bonner Universitätsprofessors, der mein Urgroßvater gewesen ist, die Mutter den vier Söhnen Kostume geschneidert hat für die häusliche Aufführung von Stücken wie Lohengrin, Don Juan oder Sommernachtstraum. "Im Don Juan", so erinnert sich mein Opa, "spielte Berthold, mein älterer Bruder, die Titelrolle mit solch fanatischer Leidenschaft, daß er den unglücklichen Comthur - das war ich - mit dem Dolche verwundete, der an dem steinernen Gast eigentlich abgleiten sollte. Mir liefen die bitteren Tränen herunter. Ich hatte mit meinen Rollen immer besonderes Pech..." Aber auch das viel größere Glück, von den Eltern zu verschiedenen Phantasiereisen durch die Gegenden zumindest des damaligen Mode- und Bildungs-Kanons mitgenommen zu werden - das alles nicht nur leise in sich hinein zu lesen, sondern durchtoben, zumindest durchstolpern zu dürfen: "Im Lohengrin war Willi der Schwanenritter, Berthold der böse Telramund, die Ortrud war gestrichen, Max, der noch zu klein war, mimte einen der Edlen, und ich gab den Knaben Gottfried, der sich nur durch stummes Spiel äußert. Elsa war die hübsche Tochter der Familie Menzel, Willis erklärte Schülerliebe. Sein stürmisch herausgestoßenes Bekenntnis: 'Elsa, ich liebe dich!' fand den verständnisvollen Beifall der befreundeten Zuhörer."

Ich stelle mir gerne vor, daß die Bonner Professorenfamilie so ganz untypisch für die Zeit um 1880 nicht war, daß vielleicht bei bestimmten Gelegenheiten an einigen Ecken solch einer Universitätsstadt zur Begeisterung geladener Nachbarn und zur spöttischen Faszination der an-wesenden Dienstboten sich die 'kulturtragenden' Familien ins Kostum warfen und in gekürzter Fassung den Tell, Oberon, Freischütz oder den Prinzen von Homburg 'gaben', geschmettert und gestottert, als Readers Digest und sicher unbeholfen, gewiss stark gekürzt, 'verstümmelt' wahrscheinlich in den Augen von Profis, aber bestimmt voller Schwung und Verehrung. Daß, wie mein Opa schreibt, alle vier Brüder zeitweise in den vier Ecken eines Zimmers laut aus verschiedenen Dramen deklamierten, sich untereinander dabei nicht störten und stundenlang nicht mehr damit aufhören wollten, hat Züge von "Versponnenheit", wie er selbst es nennt - aber so 'abgedreht' muß man vielleicht, wenn man eine Idee wahrhaftig vor sich sehen will - und nicht nur 'verstehen'... Wer sich Texte gern manchmal laut selber vorliest, wird wissen, was ich meine. Es ist ein Adventure-Spiel ohne CD-Rom.

Jedenfalls: Zwei der vier Brüder damals - darunter mein Großvater, der im familiären Spiel ja eher kläglich geblieben war - wurden Schauspieler. Das muß über dem statistischen Durchschnitt in einem Bürgerhaushalt gelegen haben. Der Vater Geschichtsprofessor hat das vielleicht privat als das Aufgehen einer tollen Saat geschätzt - nach außen hin gebot ihm der bürgerliche Anstand, ein wenig Abstand zu halten. Dem Herzog von Meiningen schrieb er im Oktober 1891: "Mein zweiter Sohn Wilhelm war seit Jahren schon vom unwiderstehlichen Drange erfüllt, zur Bühne zu gehen. Jahrelang habe ich diese Neigung zu bekämpfen versucht. Endlich entschloß ich mich, ein sachkundiges Gutachten einzuholen über die Frage - ob begründete Aussicht vorhanden, daß er ein hervorragender Künstler werden könnte. Dies Gutachten hat meinen Widerstand gebrochen. Ich gab ihm die Erlaubnis, das Studium zu verlassen und der Bühne sich zu widmen. Sein größter Wunsch wurde ihm aber zu Ostern erfüllt, nämlich für diesen Winter nach Meiningen engagiert und unter Euer Hoheit Schauspieler eingereiht zu werden. Möchten Euer Hoheit jetzt geruhen, ein gnädiges und huldvolles Auge auf den jungen Mann zu werfen. Möchte es Euer Hoheit gnädigstes Gefallen sein, daß dem jugendlich eifrigen und strebsamen Anfänger Gelegenheit gegeben werde, unter Euer Hoheit Auge und Urteil seine Befähigung zeigen und seine Kräfte üben zu dürfen..."

Ob der Fürst den Brief peinlich fand? Kaum zu überlesen darin die durchtriebene Unterwürfigkeit des Herrn Professors. Hat er wirklich eine künstlerische Beurteilung vom Meininger Herzog erwartet? Doch wohl eher Bevorzugung und Schutz bei Intrigen. 'Und wenn dem Herzog mal was nicht gefällt', so wird er dem Sohn geraten haben, 'dann machs eben anders...' Es ist nicht der selbstgewisse Bildungsbürger, der da spricht, sondern eher ein wankelmütiger Spieler. Als geachteter Honoratior kann man sich seine Überzeugungen leisten - so mag er gedacht haben -, als ungesicherter Künstler muß man sich nach der Decke strecken - dachte es und streckte sich nach der Decke.

Zu diesem Thema machte mein Großvater seine eigenen Erfahrungen. Als junger Schauspielschüler, der dem naturbegabten Bruder Willi nacheiferte, beobachtete er die Tricks der Kollegen - wie sie sich gegenseitig an die Wand spielten, um in genau dem richtigen Moment von Konkurrenten zu vereinten Kräften zusammenzuwachsen, wodurch dann das Publikum an die Wand geriet -, und er konnte sich eingestehen, daß er zu diesen Großen, den Profis der Bretter, die angeblich ja die Welt bedeuten, nicht selbst gehörte. Statt sich zurückzuziehen, machte er so etwas wie eine Flucht nach vorn: Mit Anfang Dreißig beschloß er, Theaterdirektor zu sein. Dazu gab es keine Ausbildung. Niemand ernannte einen oder verlieh den Titel. Man brauchte ein Grundkapital - er lieh es sich. "Durch meine Engagements hatte ich einen Stamm von Kollegen, von denen ich hoffte und eigentlich auch wußte, daß sie meinem Ruf folgen würden an ein Haus, das man mir in meinem Sinne einmal zu leiten überlassen werde. In Erwartung dieser Kollegialität bin ich nicht enttäuscht worden." Soll heißen: Die Freunde und Kollegen kamen, sobald er ihnen bescheid sagte, er hätte jetzt endlich sein eigenes Theater. Aber wer gab denn 'zu leiten überlassen', wie wurde man um 1905 herum zum Theaterdirektor?

Die Stadt Elbing in Ostpreußen hatte ihr eigenes 'Haus' - wie fast jede nicht ganz kleine Stadt im fürstenvollen, föderalistischen Deutschland. Eine Bühne, deren Leiter wechseln wollte. Die Stadt annoncierte es in verschiedenen Zeitungen, mein Großvater las es - wie er vorher schon von Vakanzen gelesen hatte, aber Ostpreußen kam ihm vielleicht weit genug weg vor, um bei einem Scheitern in der Branche nicht ganz zur komischen Figur zu werden, außerdem war jetzt die Zeit eben reif, im Sommer 1906 -: Er lieh sich das Geld und bewarb sich. Jetzt kam der schwierigste Teil. "Ich wußte, daß die Bürgerschaft der Stadt über alles entscheiden würde. Eh ich mich aufmachte und persönlich am Orte vorstellte, mußte ein Grundstock an Garderobe, Requisite und Kulisse gefunden sein. Günstig war, daß es noch keine Eile gab, ich konnte Ruhe bewahren und annoncierte selbst..." Ich nehme an, daß er sich lieber Gedanken über den Spielplan gemacht haben wird, vielleicht eine Rangliste anlegte von Lieblingsstücken - solchen, die ihm am Herzen lagen und solchen, die an der Kasse funktionierten. Vielleicht eine zweite Rangliste mit Lieblingskollegen, von denen er hoffte, sie könnten kommen. Besetzungslisten - wer noch gebraucht wurde. Das alles war aber zweitrangig: Was die Bürgerschaft der Stadt vor allem interessierte, war die Ausstattung des Theaters, und die hatte der neue Direktor vorzuweisen, so war es üblich. Aus dem Fundus von in Konkurs gegangenen Wanderbühnen, aussortiertem Material großer Häuser, aus dem Privatbesitz sich zur Altersruhe begebender Intendanten konnte man sich solch eine Ausstattung zusammenstellen, wenn man nichts hatte. "Ich hatte Glück", schreibt mein Opa, "aus dem Weimarischen Amtsanzeiger erfuhr ich von der Auflösung eines kleinen Privattheaters, fuhr dorthin und kam für ein eträgliches Salär in Besitz von Gewändern, Schmuck und Kulissen für eine Grundausstattung unserer Klassiker samt Shakespeare - Stücken. Aus Norddeutschland suchte ich mir aus ähnlicher Quelle die noch fehlenden Materialien für die französische Klassik und deutsche Romantik zusammen, und so ging es gerade noch rechtzeitig zur gegebenen Frist mit einem Fuhrpark von sechs Wagen gen Elbing."

Modern gesagt: Eine riskante Vorleistung war erbracht, Investition mit ungewissem Ausgang. Die Elbinger Bürgerschaft muß es genossen haben, wie vor ihrer Stadt die Wagenburgen von drei Bewerbern auffuhren, sozusagen dreimal die Innereien eines Theaterbetriebs, man Ausflüge dorthin machen konnte, die Stoffe berühren, den Schmuck durch die Finger gleiten, in die Ritterrüstungen die Kinder klettern lassen, und durch die Fenster der Fachwerkhauskulisse Grimassen schneiden. "Ich stand mit meinem Fundus nicht gar so schlecht da", notiert der Großvater, "aber natürlich fehlte es mir an Reminiszenzen." Es gibt mehrere Treffen mit Stadtverordneten, der unerfahrene Bewerber wird von seinen Konkurrenten , wie er mutmaßt, bespöttelt, penetrant weisen sie auf Erfahrungen und gute Verbindungen zu den Stars und Drahtziehern der Theaterlandschaft hin. Großvater wird zusehens mutlos. Abgelehnt, bliebe ihm nichts weiter übrig als auf eine neue Annonce aus einer anderen Stadt zu hoffen, möglichst in der Nähe, um Transportkosten zu sparen, und bis dahin den Fundus unterzustellen, irgendwo ein Zwischenengagement als Schauspieler anzunehmen - oder den Traum gleich aufzugeben, d.h. die Gerätschaft mit Verlust zu verkaufen.

Ein letztes Gespräch ist angesetzt, zu dem der Frauenarzt Dr. Stern erscheint. Man trifft sich im Goldenen Schwan, dem ersten Haus am Platz, der Arzt ein wichtiger Mann im Ort, aber daß er allein am Tisch Platz nimmt, wo der Großvater schon eine Weile gewartet hat, ist doch ein Zeichen der Niederlage. "Wir sahen uns gefaßt in die Augen. Dr. Stern machte in seinem breiten, von keiner Konvention gebremsten 'astpreißischen' Dialekt ein paar heitere Andeutungen darüber, wie zerronnene Träume in manch einer Geschichte zu den schönsten Lebensabschnitten geführt haben - wobei ich ihm - mit dezentem Hinweis auf den Götz von Berlichingen - beipflichten mußte, wie wir uns überhaupt recht angenehm waren, ein Gefühl, das mit einigen Gläsern des hier gern genossenen Punsches nur zunahm." Man spricht über die Leitung von städtischen Betrieben und geht die Gründe für die Ablehnung des Großvaters geradezu durch: Den Mangel an Erfahrung bei der Führung von Menschen, die beengte finanzielle Eigensituation, das junge Alter der avisierten Schauspielermannschaft... Ein wenig plaudern sie über ihre Lieblingsstücke, über die von beiden verachtete Verachtung der 'gesalbten Häupter' des kulturellen Lebens für den verständlichen Wunsch hart arbeitender Menschen nach Zerstreuung auf der Bühne, dann geht es ins Politische, ins Private... "Es war zwar, des kommenden Winters wegen, draußen noch nicht wieder hell, aber doch so spät (oder früh), daß nur noch das Hausmädchen uns aufwartete, als Dr. Stern plötzlich aufsprang mit den Worten, er habe ja in zwei Stunden eine wichtige Operation vor sich und bitte deshalb seinen übereilten Aufbruch jetzt zu entschuldigen... Ich legte mich, schwer gebeugt von der Kompagnie geleerter Gläser Punsch, ohne weiteres in meiner Kammer nieder und war ganz abgefunden mit allem nach solch einem freundschaftlichen Gedankenaustausch."

Worauf er gegen Mittag, schwer geschwächt und mit brennendem Kopf, von Hurrarufen auf dem Flur geweckt wird, als neuernannter Theaterleiter von Elbing beglückwünscht und von Dr. Stern an die Brust gedrückt. Wer so lang durchhalte, sich eine Niederlage nicht anmerken lasse, sich von der Freude am Gespräch, an der Sache selbst, so anstecken lasse, der sei der richtige Mann - wovon der Doktor am Vormittag, nach erfolgreicher Operation, auch alle anderen aus der Bürgerkammer überzeugt habe. "Ich wußte lange Zeit nichts zu sagen - vor Glück, aber auch der Einschränkungen wegen, die meinem Geist der viele Punsch auferlegt. Fassungslos stellte ich mir meinen neuen Freund am frühen Morgen am Operationstisch vor und ahnte, ich würde hier am Ort wohl noch vieles lernen müssen..."

Ich legte das Familienalbum beiseite. 'Nichts mit bildungsbürgerlicher Strenge damals' dachte ich, 'sondern eine Welt aus Chaos, Zufall und Spieltrieb wie heute'. Auf dem Gabentisch lag aufgeschlagen der Bildband über die berliner Volksbühne, der volkstümliche Castorff saß mitten unter seinen Leuten in der Kantine. Ich weiß, daß es Theatermenschen wie mein Großvater waren, die dafür gesorgt haben, daß Tariflöhne für diese Arbeit gezahlt werden und daß auch Provokateure unkündbar geworden sind. Daß Eltern eigentlich keine demütiglistigen Briefe an Fürstenhäupter mehr schreiben müssen. Das ist gut so - obwohl sie es trotzdem tun (die Eltern), und obwohl ich schon manchmal denke: Ein wenig persönliches Risiko würd' euch nichts schaden, gesalbte Kulturhäupter... Aus dem Kinderzimmer dringt CD-Rom - Geräuschteppich, und ich nehme mir nur eins vor: Mir selber wiedermal mehr Geschichten laut vorzulesen. Auch mit verteilten Rollen. Wer mitmachen will, soll es tun. Statt 'Pur' auf Abenteuer gehen, so wie vor hundert Jahren...

© MM 2001



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