GUTE REGIE

Ein Loblied der Treue für die Ohrenweide vom 24.10.99

Klavier-Motiv eins, leise unter folg. Passage

Ein Stadtpark in der ersten Frühlingssonne. Eine Clique von Jungs, eine Clique von Mädchen. Während aus einem Blaster laute Musik stampft, führen drei junge Kerle einen Ringkampf vor. Die Mädchen tun so, als schauten sie weg. Besonders eines macht das ganz demonstrativ. Die zwei kräftigeren Jungs heben den dritten, der mitgekämpft hat, auf ihre Schultern und schleudern ihn diesem Mädchen, das eben aufgestanden ist, um zu gehen, direkt in die Arme. Ein lautes "Ihh" von allen Seiten, Lachen, Gekicher. Dann wird es still - und als die beiden, der Geschleuderte und die, die flüchten wollte, ihre Augen wieder aufmachen, sind alle anderen fort.

Klavier-Motiv eins kurz laut

Stellen wir uns vor, diese Szene spielt Ende der Sechziger Jahre, also in der Generation der jetzt Fünfzigjährigen. Und, daß mit jenem kleinen Ballett eine gemeinsame Lebensreise begonnen wurde. Ich will die Geschichte einer klugen Ehe erzählen, ein Loblied der Treue. Das ist in der Generation der jetzt Fünfzigjährigen nicht ganz so einfach. Die Phase der ersten Verliebtheit überspringe ich schon mal. Natürlich geben viele Paare wieder auf, wenn ihre Küsse nicht mehr stimmen. Manchen wird es dann zu mühsam, und in der Generation der jetzt Fünfzigjährigen taten die Sänger und Werbestrategen ja so, als wär die Verliebtheit das Leben selbst. Aber manche der jungen Leute waren doch auch ernst - unsere beiden zum Beispiel -, und entwickelten den Glauben, daß die Liebe erst mit dem Kampf beginnt, daß man sich und den Partner emanzipieren kann - 'bedürfnisorientierte Regeln' war ihr Stichwort.

Ein Telefongespräch aus ihrem dritten Jahr, sie sind jetzt beide im zweiten Semester, leben getrennt, aber mit Gleichaltrigen, und wegen der vielen neuen Eindrücke finden sie ihren anfänglichen Plan eines gemeinsamen Haushalts natürlich schon längst viel zu spießig...

Klavier-Motiv zwei leise unter folg. Absatz

"Du - heut abend, das klappt nicht. Ja, diese Supervisionssitzung, wie jeden Mittwoch. Nein - da gehn wir doch anschließend immer was essen, beim Griechen, du weißt schon. - Nee, find ich keine so gute Idee, wenn du dazukommen würdest, Gruppenfeeling und so, verstehste... außerdem hat's dir da nie geschmeckt. Wieso denn auch überhaupt abholen? Wir sehn uns dreimal die Woche, Montag, Freitag und Samstag, den Rest der Zeit machst du, was du willst, und ich... Ja, und was war vorletzten Dienstag? Hast mir immer noch nicht erzählt, wo du da hin bist, ich hab sogar n paar andere gefragt, aber die halten ja alle dicht in deiner Scheiß-WG... Was? - Klar, ist die mit bei. Logisch, die ist in der Gruppe und hat dann Hunger wie wir auch. Allerdings ist die jünger als du... Ja, und ich find die ganz nett. Aber jetzt hör doch... Ja! Ich find die sogar auch hübsch! Mußt du denn ausgerechnet dies Thema... Wie? - Dreimal bisher. - Na, immer nach diesen Supervisionssitzungen... Och, war eigentlich ganz schön, wir... Nein, da mach dir mal keine Sorgen, von dir ha‘m wir nie... - Bist du noch dran!? Überleg dir, was du jetzt sagst! - Gut. - Doch!! - Okay. Na dann tschüß... - Scheiße."

Klavier-Motiv zwei kurz laut

Ich stelle mir gerne vor, wie sie sich anschließend wieder versöhnt haben. Fast erleichtert vielleicht - denn in der Generation der jetzt Fünfzigjährigen war ein Seitensprung ja eigentlich fast Pflicht: Wenn zwischen zweien, die sowieso schon immer umeinander herum sind, nie etwas zwischenpaßt - nichtmal das sagenumwobene Blatt Papier -, dann verleugnen sie doch eine grundsätzliche Lebensspannung, dann schneiden sie sich doch gegenseitig vom wild wuchernden Begehren bloß ab, oder? So hat man es uns gelehrt, tausende Bücher sind darüber geschrieben und wieder zu Makulatur verarbeitet worden, Millionen laut herausposaunte Vermutungen kreisten um diesen Punkt und landeten irgendwo in der Sammelstelle für nutzlos vertane Gespräche.

Deshalb ist die Versöhnung der beiden auch ganz vom Geist ihrer Zeit geprägt. Freunde und Bekannte aus den WGs, jetzt schon etwas bes-ser saturiert, schauen ihnen bei ihrem verbalen Ringkampf über die Schulter, geben Kommentare ab, etwas, das man damals die 'Sensibilisierung' genannt hat - "Du mußt dich einfach mal mehr für mich sensibilisieren, verstehst du..."

Klavier-Motiv drei, leise unter folg. Passage

"Ich habe dir deinen Seitensprung also verziehen." - "Ja, und ich liebe dich." - "Liebst du mich nur, weil du Schuldgefühle hast?" - "Nein, weil ich mich besser erkannt habe." - "Durch die andere?" - "Durch deine Großmütigkeit." - "Du .liebst mich also nur, weil ich so großmütig bin. Nicht um meiner selbst willen." - "Und du!? Etwa, weil ich zu dir zurückgekehrt bin - weil du mich jetzt als dein Eigentum betrachtest!?" - "Angriff ist die beste Verteidung, mein Lieber!" - "Ich hab dich etwas gefragt!" - "Du willst durch mich doch nur deinen Narzißmus bestätigt haben und sagst, du liebst mich, weil du weißt, daß die andere dich auch hat lieben können!" - "Und du liebst mich nur, weil die andere mich geliebt hat!" - "Also Schuldgefühle, ich wußt es ja. Außerdem habe ich überhaupt nicht gesagt, daß ich dich liebe..." - "Du liebst mich also nicht!?" - "Ja, dann geh doch zu ihr zurück!!.."

Klavier-Motiv drei kurz laut

Auf dieser mentalen Stufe sind viele Paare verharrt. Schenkten sich die entsprechenden Ratgeber zum Geburtstag, und falls sie zusammenblieben, sparten sie mit ihren gegenseitigen Vorwürfen nie - werden bis zur Bahre nicht damit sparen, denn sie leben ja noch. Trennten sie sich, verstehen sie sich jetzt prächtig und analysieren sich wechselseitig die neuen Partner. Woody Allen macht ihnen die Filme dazu, nach dem Motto: "Ich bin zwei Frauen und vier Psychoanalytiker weiter, aber nichts hat sich geändert."

Unsere zwei gingen den klügeren Weg. Vielleicht war es anfangs nur eine Art von Ermattung, die sie doch eine gemeinsame Wohnung suchen ließ, ihnen den Mut gab, zu heiraten, Berufe zu finden und Kinder zu zeugen. Plötzlich waren so viele praktische Dinge da. Mit Wohnungseinrichten kann fröhlich verbrachte Zeit vergehen, mit Geldverdienen auch, mit Kindergroßziehen sowieso. Eine Weile sind die Tage randvoll. Natürlich wird irgendwann jener Satz in die Köpfe ziehen, daß es eigentlich Arbeit genug sei für ein ganzes Leben, Nacht für Nacht neben dem gleichen Menschen zu liegen, und dann schleicht man schon mal traurig am alten Stadtpark vorbei, wo damals so viel begann. Aber man muß nicht mehr unbedingt Wind davon machen - viele in der Generation der jetzt Fünfzigjährigen ließen das irgendwann sein - man würde nur gerne testen, ob man wirklich schon so routiniert, alt und eingebunden, sprich: reizlos wirkt, wie man sich manchmal fühlt.

Er hat seinen Beruf und einfach bloß gut zu tun. Aber sie hat ihn draufgegeben wegen der Kinder, natürlich langweilt sie sich - und da werden Kurse angeboten an den Volkshochschulen, sie probiert ein paar aus, und nach ein wenig indianischem Schwitzhüttenbau, Übungen in etrus-kischer Wandmalerei entscheidet sie sich für einen ganz profanen Kir-chenchor - als Mädchen hat sie auch immer so hübsch gesungen. Zwei-mal die Woche ist Probe, er muß dann abends die Kinder hüten, es freut ihn, wie sie ihr Vergnügen findet am Singen, den Aufführungen, dem geselligen Umtrunk. Manchmal kommt sie arg spät nachhause - aber, das muß er zugeben, sie ist ja regelrecht aufgeblüht, seit sie in diesem Chor mitmacht.
Dann entspinnt sich eines Nachmittags das folgende Gespräch.

Klaviermotiv vier, leise unter folg. Absatz

Er: "Jetzt haben sie in Nordindien eine christliche Kirche aus dem zwei-ten Jahrhundert ausgegraben, steht hier in der Zeitung." Sie: "Ja, ganz logisch, denn Christus ist ja nach Indien ausgewandert!" - "Was ist der? Ich denke auferstanden am dritten Tag nach Ostern, so hab ich das gelernt." - "Mein Lieber, das Grab war leer, aber in Wirklichkeit ist er nach Indien. Starke Verbindungen zum Buddismus." - "Na, hör mal, Liebste, woher willst du denn das wissen?" - "Von Reinmar. Von Herrn Rettmann, der hat mir das erzählt." - "Wer ist Herr Rettmann?" - "Ach, einer aus unserm Chor." - "Und dieser Herr... Reinmar versteht was vom Buddhismus?" - "Er hat sogar einen Buddha mit Christuskopf in seiner Wohnung." - "In seiner Wohnung! Wo?" - "Direkt am Bett, glaube ich."

Klaviermotiv vier kurz hoch

Ich weiß nicht - ist es die Stärke dieses besonderen Paares, von dem ich erzähle, oder die Kraft der Generation der jetzt Fünfzigjährigen: Unsere beiden jedenfalls sahen sich an - ein paar lähmende Erinnerungen an frühere Kräche liefen im Zeitraffer über sie hinweg - , und dann sprachen sie nicht mehr davon. Sie ging in ihren Chor, kam morgens zurück und liebte ihren Mann wieder, weil er schwieg. Er spionierte eine Weile herum, fand sogar die Adresse des buddistisch angehauchten Lovers seiner Frau heraus, aber er spürte die neuerwachte Leidenschaft: Genieß und schweig, dachte er. Natürlich war das nicht immer leicht. Irgendwann, auch so ein Frühlingstag wie vor X-Jahren, stürmte er in einer Anwandlung jugendlicher Wut in eine Buchhandlung, wollte ein wenig Rat, forderte von der Verkäuferin eine Schrift über Treue und Eheglück. 'Fast ist es', dachte er dabei, 'als fiele ich auf eine längst überwunden geglaubte Stufe der Lebensführung zurück' - er analysierte sich immer noch gern, und ihm war, als wenn sich ein Kreis schließt. Die junge Buchhändlerin griff ihn am Arm, führte ihn zum Literaturregal - "keine Gedichte, nur Fakten", rief er dazwischen, aber sie schüttelte sich die süßen dunkelblonden Löckchen von der Stirn...

Klavier-Motiv fünf, leise unter folg. Passage

"Hier, lesen Sie." - "Und was ist das?" - "Briefe von Gottfried Benn." -
"Was soll ich damit?" - "Lesen Sie doch." - "Da, wo Sie mit Ihrem kleinen gefärbtem Fingernagel grad hinzeigen?" - "Ja, genau da. Lesen Sie‘s vor!" - " Treue ist etwas sehr Schönes', steht da, aber ich für mein Teil ziehe gute Regie bei weitem vor.'" - "Sagt Gottfried Benn." - "Und recht hat er. Danke für den Tip. Mögen Sie Gottfried Benn?" - "Ich liebe ihn." - "Hören Sie, wir aus der Generation der bald Fünfzigjährigen, wir haben da unsere Vorurteile. Faschistischer Dichter und so..." - "Ich weiß. Gerade deshalb sollten Sie sich die Gedichte einmal zeigen lassen von jemand, der sie versteht..." - "Aber wann und wo?" - Vielleicht jetzt nach Ladenschluß, bei mir zuhaus..."

Klavier-Motiv fünf kurz hoch

Und so kam es, daß sie sich manchmal nur Zettel hinterließen, unsere beiden, auf denen liebevoll stand, man sei am Abend leider verhindert. Dann verbrachte man wieder glückliche Wochen. Manchmal gab es gemeinsame Reisen, manchmal gabs sogenannte Fortbildungsfahrten‘, nach Nordindien oder in die Toscana, nicht weiter diskutiert, mit kleinen freundlichen Postkartengrüßen umrahmt. Manchmal gab es ele-gante Andeutungen zwischen den Eheleuten - "Du erinnerst dich vielleicht an die Stelle in der Bagavadgitha, die ich dir neulich gezeigt hab, ich hatte da ein ganz ähnliches Erlebnis..." -, aber es galt die strenge, von beiden als zutiefst heilsam empfundene Regel: Nichts ausplaudern, nichts auf die dumme Ebene des profanen Gesprächs zerren, denn damit werden wir nicht fertig. Man sah im zerrütteten Freundeskreis, wohin es führte: Zerrissene Laken, gestörte Kinder und Streit ums Geld. Und warum?
Einmal hatte er ihr gesagt, er besuche einen Vortrag und sie ihm, sie wolle sich einen Badesee anschauen am Abend, und dann standen sie am Bufett der Philharmonie einander gegenüber, sie im Arm ihres Buddisten, er an der Hand seiner Buchhändlerin. Oder hatten sie damals schon andere Begleiter? Jedenfalls wurden sie alle vier etwas überschwänglich, tranken nach dem Konzert starken Rotwein, und um ein Haar hätte man sich zu viert in eine der drei Wohnungen begeben. Als das Taxi schon wartete, nahm dann sie ihren Mann beiseite: "Ich will das nicht." - "Du, ich auch nicht." - "Ich finde, irgendwie gehören wir schon zusammen, oder?" - "Und außerdem, in unserer Generation war sowas nie üblich." - "Also: schicken wir die beiden weg?" - "Diesmal wohl besser ja."

Klavier-Motiv sechs, leise unter folg. Absatz

Ich weiß, daß ich ein Märchen erzählt hab, ein Lob der Treue. Es ist nicht zuende, die beiden sind ja erst ein wenig über Fünfzig, aber ich stelle mir gerne vor, wie sie in jenem Stadtpark sitzen an einem Frühlingstag, irgendwelche fremden Halbwüchsigen toben auf der Wiese - die eigenen Kinder sind längst zu alt dazu und haben die ersten Scheidungen hinter sich -, und dann schlurfen sie Arm in Arm nachhaus. Irgendwo im Busch hockt ein Psychologe und knirscht mit den Zähnen. Sie machen sich einen Punsch, er schiebt eine dieser altmodischen CDs in den Kasten, buddistische Gesänge mit leisem, treibenden Rhythmus, und fragt, ob sie ihm etwas vorlesen möchte. Seit ein paar Jahren sieht er nicht mehr gut. "Wie wärs mit 'Schöne Jugend' ", schlägt sie vor. "Gottfried Benn? Wenns dir nicht langweilig ist..." - "Das war mir nie langweilig", sagt sie und schlägt das Buch auf.

Klavier-Motiv sechs, kurz laut

© Manfred Maurenbrecher 1999

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