MÄRCHENBUCHT ZUR NACHSAISON

Eine Plauderei für die Ohrenweide vom 13.5.99

Es ist ein heißer Abend. Mein letzter in dieser Stadt, auf diesem Landstrich, ich schlendre aufmerksam durch die Strassen am Hafen, alles will ich mir einprägen, ich werd es zuhaus vermissen. Mein Herz schlägt stärker, als ich einen bestimmten Weg einschlage, in eine kleine Gasse hinein. Es sind nicht die aufdringlichen Plakate, auf denen Abenteuer versprochen werden, die ein Tourist hier vielleicht erleben will, es ist nicht das Gesicht eines liebgewonnenen Menschen, was mich in Aufregung versetzt. Es ist ein Laden, genauer gesagt, ein Friseursalon, der mir den Pulsschlag bis in die Ohren treibt. Ich stehe vor dem Laden und schaue ungläubig auf die Tür: Der Friseursalon hat an diesem Abend zu. Mein Herz schlägt langsamer. Ich bin erleichtert, aber auch sehr melancholisch. Müde schleiche ich zu den lauten Plätzen und Avenuen des Ortes zurück.

Acht Tage vorher hatte es angefangen. Herbststürme über Deutschland. Blick auf den Terminplan: Eine Woche Urlaub wäre jetzt drin. Kurz entschlossen ins Reisebüro, Wärme buchen und gar nicht groß nachdenken. "Die Türkei wär noch frei, grad für eine Person", sagte der Mann hinter'm Counter - Kushadasi am Mittelmeer. Ich schloß die Augen und sah einen letzten freien Platz in einem sonnenfunkelnden Flugzeug, auf den sich eben ein häßlicher Fremder setzte. Ich buchte. Zumal der Preis für das Ganze, samt Hotel und Verpflegung, spottbillig war. Daheim im Familienkreis überbot man sich darin, mir die greuliche Absteige auszumalen, in der man mich zwischenlagern würde. Kammer über der Küche, Blick auf die Absauganlage einer Hoteldisko, Sound bis morgens um 6 inklusive. "Oder im Flur haben sie ein Zelt aufgebaut, Papa, wo alle langgehen müssen, und du mußt es immer zur Seite schieben, wenn du im Weg bist..."


"Wenn wir jetzt gleich in Izmir landen", so die Stimme des Piloten am Ende des ruhigen Fluges, "dann haben wir keine zwanzig, keine zweiundzwanzig, nein: satte achtundzwanzig Grad Celsius zu erwarten." Ein Triumphgefühl ergriff uns. Beschwingt ließen wir, die Reisegruppe, uns den Bussen der verschiedenen Veranstalter zuteilen. Beschwingt hörten wir die ersten Worte von Luise, unserer Betreuerin. "In der Türkei sind Sie alle Millionäre", so begrüßte sie uns. Bei genauerem Hinsehen war diese Luise eine stark übernächtigte und nicht gut gelaunte junge Dame, die eine gewisse Verachtung für Massentouristen wie unsereinen nur schlecht verhehlte. Daß wir jetzt Lira-Millionäre seien, das hieße nicht, daß wir uns aufführen dürften wie auf Mallorca! Und Vorsicht mit allen Eigenmächtigkeiten! Bummel in der Altstadt am besten am Händchen von ihr, der Betreuerin! "Ich empfehle Ihnen auch, wo Sie abends Ihr Bierchen trinken können!" Während sie in eine Art Litanei verfiel, in der die tausendfältigen Ausflugsmöglichkeiten vorkamen, die sich für sechs Tage Mittelmeer unbedingt anbieten, drehte ich meine Frischluftdüse ab, starrte auf die Autowerkstätten und tollen Schäbigkeiten da draußen auf der Straße, und las die Aufschriften vor den Geschäften. "Özer Dem", sagte ich staunend. Und nochmal etwas lauter für den ganzen Bus: "Özer Dem". Ich wurde richtig fröhlich. "Fang grad schon mal an, mich zu erholen", rief ich den Mitreisenden zu.

Dann hielten wir vor dem ersten Palast. "Das Topkapi", verkündete Luise. Ein zwanzigstöckiges Dreieck, waghalsig auf eine Felsklippe übers Meer gesetzt, weitläufige Terrassen und Pools, ein Aussichtsturm daneben, der nachts - wie ich später sah - dreifarbig illuminiert ist. Zwei gläserne Fahrstühle führen von den Terrassen 20 Meter tief runter ans Meer, wo zwischen die Steine Sandstrand geschüttet ist, dort warten Segel - und Tretboote auf die Hotelgäste, ein Tennisplatz, eine Aerobic-Anlage..
Ich hielt die wenigen, die hier ausstiegen, für eine Art von Elite. Was mußten sie für dieses Luxus-Hotel hingelegt haben? Aber dann fuhren wir noch fünf weitere solcher Paläste an. Spielsüchtige, rauschhafte Architekten, Feinde der üblichen Statik, hatten sich offenbar verschworen, der Bucht rund um den Ort Kushadasi das Aussehen eines schrägen orientalischen Märchens zu verpassen. Überall, wo wir hielten, wurden ein paar von uns einem Manager und einem Zimmermädchen übergeben und in dunkle, geheimnisvoll glühende Hotellandschaften entführt. Wir durchquerten auch ganze Kleinstädte von Bungalows, manche erst im Rohbau, aber alle nach Westen, zu Strand und Sonnenuntergang hin ausgerichtet und mit grell beleuchteten Privatzugängen ans Meer, Sundown Research, Delighted Beach Valley... Und alles menschenleer. Nur gelbe, überlange amerikanische Straßenkreuzer, die als Taxen hin und her kurvten; auf dem Meer schaukelten ein paar Barkassen.

Ich war in einem Märchenland. Fetzen aus Luises Litanei flogen mir im Kopf herum, das Wort Schmugglerfahrt kam darin vor, ein Ausflug zur 'Überlebens-Insel', der Eselsritt auf dem 'Pfad der Geächteten' - dann muß ich eingeschlafen sein. Der Betonbau jedenfalls, vor dem mir bedeutet wurde, hier sollte ich endlich aussteigen, war vielleicht nur halb so prächtig wie die Paläste vorhin, aber er lag zu meiner großen Erleichterung mitten in der Altstadt, umgeben vom schäbigen Alltagslärm. Und als heißes Wasser aus der Dusche floß, die Klimaanlage brummte und der Fernseher sogar funktionierte, ordnete ich mir an: 'Hier fühlst du dich wohl!'

Ich lernte die Stadt schnell kennen. Sie war kein Märchenland. Es wurde hart gearbeitet dafür, daß sie so wie ein Märchenland wirkte auf uns Hergereiste, damit wir auch märchenhaft Geld dort ließen für Teppiche, Muscheln, Mickey-Mouse-T-Shirts, Rappermützen oder karatechte Diamanten. Fast alle der Jungs, die mich nachts in den Bars überm Meer bedienten, raunten mir irgendwann zu, sie seien weit hinten aus Kurdistan und eigentlich fremd hier wie ich. Am ersten Abend sah ich ein Zigeunermädchen vor einer der Barkassen am langen Hafenkai, braungebrannt aalte sie sich im Nachtwind. Neben ihr ein Plakat, daß für den nächsten Tag jene original gefährliche Schmugglerfahrt versprach, von der auch Luise gesprochen hatte. Südliches Mondlicht, glitzernde Wellen, ein nächtliches Lichtermeer und ein Paar dunkler Augen: einladender könnte für mich nichts sein. Ich kam am nächsten Morgen und machte die Schmugglerfahrt mit. Fünf betrunkene Iren, ein Lehrerehepaar aus Rothenburg an der Wümme und ich wurden wortlos über die Bucht geschaukelt, teuer mit Tee oder Bier versorgt, landeten an einem steinigen Sandstrand, dort trank man weiter, und nach einer halben Stunde ging es zurück. Das Zigeunermädchen war tagsüber eine keifende Matrone. Täglich durchkreuzten rund fünfzig solcher Barkassen die Bucht. Für einen ersten Vormittag war das Erlebnis genau die richtige Schule.

Obwohl Bucht und Stadt am Meer lagen, war es nicht so einfach, einen Platz zum Schwimmen zu finden. Im Hotel, im Süßwasserpool direkt neben der Straße, das mocht ich nicht. Manche meiner Mitreisenden stellten sich dort den ganzen Tag aus - ich glaube, einige haben das Hotel nie wirklich verlassen. Die Strände in der Stadt waren schmuddelig, man konnte dort dekorativ im Liegestuhl liegen und Cocktails genießen - aber ins Wasser? Außerhalb des Ortes begannen sofort die Abenteueranlagen mit Waterbiking, Strandsegeln und Drachenfliegen am Motorboot. Da war es dann laut und hektisch, und immerzu zeigten Leute gerade etwas ganz Tolles und forderten natürlich alle Aufmerksamkeit dafür. Es war wirklich schwer, eine Stelle zum Schwimmen zu finden. Ich nahm mir ein Mietauto, fuhr fünfzehn Kilometer von den Palästen weg. Ein langer Sandstrand mit nur einer Taverne! Ich entrichtete eine Art Schutzgebühr und bekam wie alle meinesgleichen einen Sonnenschirm und eine Liege. Hier lagerten die Ruhebedürftigen, und ein hagerer Mann mit zwei ebenso hageren Hunden - alle drei sahen wie verzauberte Intellektuelle aus - sprach uns mit Flüsterstimme an, ob wir nicht in sein Friedenscamp ziehen wollten, noch zwei Kilometer weiter. Ich begutachtete dieses Friedenscamp: Holzhütten in einem Pinienwald, eine Hausordnung, die jeder autoritären Weltuntergangssekte Ehre gemacht hätte. Hier wurden offenbar nach strengsten Regeln Seele und Geist erfrischt - hier hatten, so stellte ich mir vor, einmal ein paar mitteleuropäische Freaks ein Gelände gekauft und versuchten jetzt, dem Bedürfnis nach innerer Einkehr, seelischer Wandlung entgegenzukommen. Versuchten, Geld aus der Gegend herauszuholen, wie alle.

Aber ich war ja entschlossen, mich wohlzufühlen. Ich merkte, wie ich mich damit absonderte. Die allgemeine Verabredung war, sich nicht reinlegen zu lassen. Die geheimtippigste einheimische Rakikneipe zu finden, den angesagtesten DJ, den aktuellsten Hochleistungssportparcours. Gutes Wetter, Berge und Wasser waren zur Voraussetzung für einen Wettkampf um Spitzenerlebnisse geworden. Ich saß bald am liebsten auf einer der städtischen Bänke mitten im Getriebe, hörte den immer wieder herzergreifend wiederholten Komplimenten eines jungen Lederwarenverkäufers zu, den spitzen Abschätzigkeiten in den flannierenden Grüppchen, die gerade wieder stolz einem Betrug entgangen waren, der Euphorie jenes alten englischen Prolli-Pärchens, das täglich mit jedem auf Ex und Du trinken wollte und sich alle Adressen aufschrieb. Ich sah Luise mit mehreren jungen Frauen auf dem Weg zum Hafen, bereit zur Überfahrt auf die unbewohnte Überlebens-Insel - ich hatte mich erkundigt, es gab dort eine Art Schnitzeljagd und danach eine Shishkebap-Party -: Die jungen Frauen mit einem Ausdruck im Gesicht, der sich fragte, womit man sie diesmal wohl neppen würde, Luise mit nur mühsam überspieltem Überdruß an ihrem Job mit so dumpfen Leuten, die man immerzu mit etwas Blödem vollstopfen mußte. Ich fing an, es zu genießen. Ich gab extra viel Trinkgeld. Ich dankte dem Autoverleiher übertrieben herzlich für seine Kiste, die Unmengen Benzin geschluckt hatte. Ich kaufte begeistert Nepp. Ich vermute, wenn die Gegend richtig überfüllt ist im Sommer - siebenhunderttausend Menschen im Märchenland, im Oktober sind es nur siebzigtausend gewesen -, dann werden einige zehntausend so wie ich gelaunt sein, und schon durch sie wird man nachher ein neues Hotel bauen können. Ich fand es prima, daß durch mich hier ein weiteres Hotel entstehen würde - fing an, es an den samtweichen Abenden zu zeichnen, ein richtiges Zuckerbäckerhotel mit einem eigenen Turm für die Einzelgänger. Ich zeichnete dieses Hotel, während unter mir kleine Boote in See stachen mit alten Fischern darauf, die jeder zwei Extra-Touristen mitnahmen für das Erlebnis des Netzeauswerfens um Mitternacht, etwas ganz Besonderes, das man nur durch private Empfehlung bekommen konnte, allerdings in jeder Traveling-Agency, für einen kleinen Extra-Bonus an Geld...

Spätestens am fünften Abend war ich verliebt in die Gegend. Natürlich hatte ich Menschen getroffen, die hier knallhart lebten, schäbig und hart, die manchmal mutlos und manchmal auch richtig glücklich waren. Ich hatte junge Männer kennengelernt, die auf den Kreuzfahrtschiffen versuchten, anzuheuern - fort in die westlichen Metropolen. Manche zeigten mir Postkarten von deutschen und französischen Freundinnen, auf denen ihnen versprochen wurde, sie würden demnächst nachgeholt. Ich fand, das ginge mich alles nicht wirklich etwas an. Ich gab meine Adresse nicht. Ich war - wie alle hier - Teil einer großen Show, mit strikt vorgeschriebener Rolle. Ich hielt mich daran.

Deshalb war die Begegnung mit dem alten Friseur so wichtig für mich. Schon am ersten Abend sah ich ihn vor seinem Laden sitzen. Dutzende von Friseuren sitzen zur Nachsaison müßig vor ihren Geschäften in Kushadasi. Als dieser mich erblickte, riß er die Augen auf. Er war fassungslos. Ich wußte, was ihn so reizte: Ich hatte mir seit dem Frühjahr die Haare wachsen lassen, und sie waren nicht sehr in Form. Er machte mit seinen Armen lange, herbeizerrende Bewegungen. Er murmelte etwas, stieß gurrende Laute aus - das war keine Sprache, eine Beschwörung. Hier war ein Kundiger an eine Art von Herausforderung gestoßen. Sein Blick sagte so etwas wie: 'Welche Krankheit von einer Nicht-Frisur ist dir denn passiert? Ich glaube, wenn ich dir nicht helfe, wird es wohl keiner tun...'
Beim ersten Mal war ich dem alten Mann grinsend ausgewichen. Zweimal sah ich beschämt beiseite, wenn ich ihn traf. Dann hatte ich den Stadtplan im Kopf und konnte die Gasse meiden. Aber ich dachte häufig an ihn, immer mehr war mir dieser Friseur als der einzige Mensch hier im Urlaub erschienen, der in mir einfach nur eine Bereicherung für sein Handwerk sah. Wir würden uns keine Show liefern. Vorhin, an meinem letzten Vormittag, war ich in seine Gasse gelaufen mit einem festen Vorsatz. Ich hatte ihn angeschaut mit einem Blick, der sagen wollte: 'Okay. Heut abend komm ich.' Alle Geschäfte in Kushadasi haben am Abend auf. Und ausgerechnet dieser Friseurladen soll jetzt geschlossen sein? Er ist geschlossen. Ist das ein Zeichen für mich? Soll ich vielleicht hierbleiben, bis der alte Mann mir die Haare geschoren hat? Oder bin ich außerhalb des Märchentheaters für niemand was wert? Wahrscheinlich stimmt beides. Müde schleiche ich zu den lauten Plätzen zurück. Eine Gruppe munterer Survival-Trainiees schwingt sich in bereitstehende Landrover und startet in die Berge, zum 'Pfad der Geächteten'.
Melancholisch trage ich diese Notiz in mein Tagebuch ein. Was ich nicht eintrage, aber deutlich empfinde: Wie erleichtert ich bin. Über die Zeit, die hier mir gehört, über meine geliebte schlecht sitzende Langhaarfrisur, und daß ich nicht aus dem Spiel heraustreten mußte. Ich fleze mich an den nächsten Cafetisch, bestelle eine sündhaft teure Portion Raki und schließe die Augen.

© Manfred Maurenbrecher 1999

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