SCHENKT MAN SICH ROSEN IN TIROL...

Szenen einer verlebten Zeit


Klavier-Intro

Als ich noch klein war, mußte mein Großvater manchmal auf mich aufpassen. Mein Großvater war Schauspieler gewesen, ein stattlicher Herr. Wir zogen dann immer auf einen Spielplatz in der Nähe, wo ich buddelte oder schaukelte, während mein Großvater sich auf eine sonnenbeschienene Bank unter Birken setzte. Er lehnte sich zurück und hing seinen Erinnerungen nach. Ich spielte nicht so recht konzentriert, denn unweigerlich geschah Folgendes: Zwei alte Damen tauchten auf und setzten sich links und rechts neben ihn. Es waren nicht immer die gleichen Damen, aber merkwürdigerweise immer zwei. Natürlich fingen sie bald an, meinen Großvater in ihr Gespräch hineinzuziehen. Er war schon vorher in sich eingesunken, sein Gesichtsausdruck mürrisch - keiner konnte so mürrisch gucken wie er -, und statt Rede und Antwort zu geben, ballte er sich auf der Bank zusammen wie eine Kugel. Irgendwann aber - und das war der Moment, wo ich spätestens alles hinwarf und nur noch zuschaute -, reichte es, eine Frage zuviel war gefallen, und er richtete sich zu seiner vollen Größe urplötzlich auf, holte Luft - und als alter geübter Schauspieler bekam er einen ekelhaften, widerlichen Kotz - und Würganfall... Dann lehnte er sich zurück, nickte freundlich zu mir rüber, die Bank war leer, er schloß die Augen und gab sich wieder den Erinnerungen hin.

Klaviermotiv 1: Schenkt man sich Rosen in Tirol

Meine Großmutter war bei diesen Ausflügen selten dabei. Sie waltete im Haus, auch sie war Schauspielerin gewesen, und in der Wohnstube der beiden hing ein braunstichiges Bild von ihr, da spielte sie mit einem Hund und war biegsam, stolz und schön. Daß sie neunzehn Jahre jünger war als ihr Mann, daß er mit Ende Dreißig und frischernannter Theaterleiter von Elbing/ Ostpreußen die 18jährige Elevin aus Schwaben umworben hatte, wußte ich damals nicht - mir kamen sie beide gleichalt vor. Und daß die junge Theaterschülerin von dem stürmischen Direktor bald schwanger wurde und ihn nur geheiratet hat - und das Kind nicht abtrieb -, weil er ihr schwur, sie dürfe mindestens noch ein paar Jahre auf der Bühne stehen, das hätte ich damals gar nicht verstanden. Hätte sie im Jahr 1908 auf ihr erstes Kind verzichtet, dann wären mir all diese Bemerkungen aber ganz unmöglich, denn wie mein Vater wäre auch ich, in dieser Form jedenfalls, hier nicht anwesend. Mein Vater verbrachte seine ersten Jahre bei Pflegeeltern in Königsberg, und die wenigen Andeutungen, die er über seine Heimholung in den Schauspielerhaushalt gemacht hat, lassen auf einen Kulturschock schließen. Ich erzähle das so ausführlich, weil wir damals zu fünft eng an eng wohnten, in einer berliner Vorstadtvilla als Untermieter: Meine stillen Eltern, meine lauten Großeltern und ich, in drei Räumen. Meine Großeltern hatten bessere Tage gesehen, das fiel auch mir auf. "Guten Morgen, Herr Intendant"- welcher Schaffner, welche Verkäuferin das meinem Großvater zurief, der bekam sein strahlendstes Lächeln und etwas zugesteckt - etwas, das eigentlich meinen Eltern gehörte, denn sie versorgten die Großeltern. Und nur, wer die internen Verhältnisse kannte, sagte noch "Herr Intendant"zum Großvater, er war wieder völlig unbekannt und bettelarm nach dem Krieg. "Schau sie dir an", pflegte er mir zu erklären, wenn wir am Lichterfelder Krankenhaus vorbeiliefen, wo alte Männer auf den Bänken draußen saßen, "da hocken sie und haben ihr ganzes Leben verhockt. Beamte sind das, weißt du, mein Kleiner..." Daß er da ziemlich ungerecht war, das wußte ich schon, denn mein Vater war auch ein Beamter, und der verhockte sein Leben nicht.

Die Spannungen unter den Generationen, den Lebensstilen, zwischen den drei kleinen Zimmern waren mir Freude und Spiel. Denn mich mochten alle, ich wanderte zwischen den Polen. Was meine Mutter zutiefst verabscheute: mit Zinnsoldaten spielen, das tat ich eben nebenan - schoß fröhlich auf die Franzosen. Es gab kaum gemeinsame Freunde, eine ganz andere Sorte Menschen besuchte Eltern und Großeltern. Dort wurde immer gepoltert und geknödelt, einer der Hausgäste brachte Flaschen billigen Cognac mit, dann wurde gelacht, geschrien - meine Mutter biß nebenan die Zähne zusammen -, später wurde gestritten, und jedesmal flog dieser Hausgast achtkantig raus - "Du betrittst unsere Schwelle nicht mehr!"- "Er war schon in Cottbus nichts als ein Schmierenkomödiant"- "Na, und bei Reinhardt erst"... Zwei Wochen später stand der Hausgast mit Cognac aber wieder vor der Tür und wurde empfangen, als sei nichts geschehen.

ab hier Klaviermotiv 2, leise unter folgender Passage:

'Bei Reinhardt erst', 'In Cottbus Schmierenkomödiant', 'Die Souffleuse': Worte aus den Gesprächsfetzen meiner Großeltern, die mir wie Geheimnisse vorkamen. Ich hockte gern unterm Tisch, wenn Besuch da war, und hörte den prasselnden Scherzen über mir zu - von geflüsterten Witzen bei Todesküssen auf der Bühne zum Beispiel, und wie der Sterbende sich unter Aufbietung aller Kräfte sein Lachen verbeißen mußte... Es war Sitte, daß mein Großvater und die Frau Aviszus mir manchmal ihre ausgetrunkenen Eierlikörgläschen unter den Tisch reichten, die ich dann auslutschen durfte - das sollten die Eltern nie erfahren. Die Frau Aviszus war oft zu Besuch, allein ihr Name kam mir vor wie Musik. Eine hohe, schlanke, ein wenig krumme, im Gesicht rot angelaufene Dame mit einer knarrenden, manchmal wie eine Tür in den Angeln quietschenden Stimme. Sie war Operettensängerin gewesen, ich konnte mir das nicht vorstellen. Zu ihr war der Großvater immer besonders galant und bot an, sie zurück bis nachhaus zu begleiten. Sie erkundigte sich mit den Gesten eines besorgten jungen Mädchens nach seinen erfolglosen Versuchen, wieder zu Geld zu kommen. "Ja, sie war schon vom Fach her die junge Liebhaberin", sagte leise meine Großmutter - ich verstand das alles nicht, aber es klang so schön.

Auch meine Großmutter ging nicht leer aus. Eines Abends wartete mein Vater nervös auf seinen damaligen Chef, der mit ihm über eine mögliche Beförderung sprechen wollte. Ein wenig verspätet erschien der Mann, sichtlich aufgeregt, sich entschuldigend, er habe ja bisher die Namensgleichheit nicht weiter beachtet, aber auf der Hinfahrt sei ihm immer durch den Kopf geschossen, wie er als Oberschüler in Ostpreußen oft im Theater eines gewissen Maurenbrecher gesessen sei, und eine junge Schauspielerin, Hedwig Frank, die mit dem Intendanten verheiratet gewesen... "Meine Mutter", rief mein Vater und zeigte auf das zweite der drei Zimmer. "Sie lebt", stammelte der dicke Senatsbeamte - irgendwie habe er das geahnt, er habe ja damals keine Vorstellung versäumt, manche Stücke zehnmal gesehen, nur wegen Hedwig - zauberte einen beachtlichen Blumenstrauß hinter dem Rücken hervor, "alles vorweggeahnt", und stürmte auf Zehenspitzen in das gewiesene Zimmer. Zu einem Beförderungsgespräch ist es an dem Abend nicht mehr gekommen...

ab hier Klaviermotiv 2, leise unter folgender Passage:

Frau Aviszus - Harriet, wie mein Vater sie manchmal nannte -, hat sich oft mit mir unterhalten. Das taten die anderen Freunde der Großeltern nicht: Zu prall mit eigenen Späßen, Polemiken und Erinnerungen, überboten sie sich nur gegenseitig, selbst große Kinder, die keinen neben sich dulden mochten. Frau Aviszus fragte mich einmal leise, ob ich auch manchmal verhauen würde. Nein - das kannte ich gar nicht. Sie sei jeden Tag verhauen worden, auch später noch, als sie viel größer war als ich. "Bist du weggerannt", fragte ich. "Ja", lachte sie, "ich bin weggerannt." Manchmal, wenn ich Musik machte - ich schlug eine Trommel und fiepte auf einer Blockflöte -, hörte sie mit anmutig zurückgeworfenem Kopf huldvoll zu - man sah die Altersflecken auf ihrem Hals -, bis sie es nicht mehr aushielt und mitsang mit ihrer knarzenden Türangelstimme. Ich konnte nicht anders, ich mußte lachen. Mein Vater nahm mich auf den Schoß: "Sie hat früher einmal ganz wunderbar gesungen", flüsterte er und hielt mir den Mund zu.

Durch Frau Aviszus kam auch eine große Bewegung in den Freundeskreis. Ich begriff damals nur soviel davon, daß es um Geld ging. Ich sah die Sängerin mit der Großmutter in der Küche stehn, zwei alte Vertraute, scherzend, dann wieder sorgenvoll zischelnd, etwas besprechend, was mein Großvater keinesfalls mithören sollte. All diese ehemaligen Bühnenkünstler lebten Mitte der Fünfziger am Existenzminimum - und Frau Aviszus führte als erste eine Art Musterprozeß um eine höhere Rente. Sie hätte meinen Großvater dabei gern an ihrer Seite gehabt, er war ihr Förderer, später ihr Chef gewesen. Aber er war zu stolz. "Wenn dieser Staat meine Leistung nicht anerkennt, soll er mir gestohlen bleiben", pflegte er zu sagen. Frau Aviszus gewann den Prozeß - und ich vermute, keiner in der Familie hat dem alten Mann seine Sturheit in dieser Sache verziehen.

ab hier Klaviermotiv 3, leise unter folgender Passage:

Frau Aviszus war jetzt reich und tat viel, um die Großeltern an diesem Glück teilhaben zu lassen. Es gab einen Ausflug in ein Ostberliner Schauspielhaus, das mein Großvater vor dem Krieg unter dem Namen 'Theater des Volkes' mitgeleitet hatte. Da waren sie einmal alle versammelt, im spärlichen Nachkriegs-Chic ihrer Festtagskleidung, die alten Bühnengenossen, bewegten sich wie in Feindesland zwischen dem östlichen Publikum. "Frau Kammersängerin", "Herr Intendant, Sie hier?" wisperten alte Fräuleins hinter den Garderoben und bekamen Glanz in die Augen. Ich sah meine Großmutter im vertraulichen Gespräch mit einem gewaltigen Herrn am Bühnenrand, wie versunken. "Das war doch Krause, der Inspitient", strahlte sie, "er denkt noch oft an die schönen Jahre." Man verließ dann die Vorstellung wie unter Protest - natürlich war die Inszenierung ein Reinfall gewesen, und diese neue Schauspielergeneration, diese 'Brecht-Affen'... In einem Café mit Stehgeiger, zurück in Westberlin, wurden Liköre genommen, mein Großvater überreichte Frau Aviszus drei rote Rosen, und flink hatte er durchgesetzt, die Spenderin des gelungenen Abends diesmal wirklich nach Haus zu begleiten. "Schenkt man sich Rosen in Tirol", summten ein paar Vorwitzige. Großvater kam, wie meine Mutter am nächsten Tag belustigt erzählte, frühmorgens und sehr beschwingt aus der Innenstadt zurück.

Einmal war ich mit meinem Vater unterwegs, vielleicht auf einer Automesse, einer meiner sehnlichsten Wünsche damals, und als wir gerade zurückfahren wollten, schaute er auf seine Uhr und sagte: "Komm, wir besuchen mal die Frau Aviszus. Die wohnt ja hier um die Ecke." Als wir vor ihrer Tür standen, dauerte es lange, bis die Frau in dem dunklen Flur uns erkannte - sie ist später blind geworden, das fing wohl damals schon an. Dann aber war die Freude groß. "Rölfchen", sagte Frau Aviszus und tastete nach ihm, so hatte ich sie meinen Vater nie nennen hören, und er sagte Harriet. Ich bekam einen Sack mit altertümlichem Spielzeug und sollte mich still beschäftigen. Aber ich blieb im Zimmer, es gab wohl nur eins, Frau Aviszus lebte allein.

ab hier Klaviermotiv 2, leise unter folgender Passage:

Man kann als Kind vieles gleichzeitig tun und miteinander vermengen. Ich baute an jenem Nachmittag aus Holzklötzen, Schminkdosen und Resten zerfetzter Puppen einen 'Turm zu Babel', hörte nicht zu, was die Erwachsenen sprachen - redete wahrscheinlich selber mit Worten, die ich mir ausdachte -, aber ihr Gespräch streifte mich. Es ging um Vergangenheit. Es ging um meinen Vater, wie er Harriet oft und heimlich besuchte, wie er nicht nur ihrem Gesang verfallen war. Wie sie ihn hinter der Bühne empfangen hat, weggeschickt, wieder erwartet... "Was hätt ich denn tun sollen, Rölfchen?" Wie sie sich auf den großen Gesellschaften des Theaterdirektors und seiner Gattin aus dem Weg gingen, augenzwinkernd und aufgewühlt. Welchen Respekt sie vor der Organisation dieses Haushalts empfunden hätten, dieses unermüdlichen gesellschaftlichen Getriebes in der Achtzimmerwohnung der Großeltern, lang vor dem Krieg. "Es gibt vielleicht keine klügere und diskretere Frau als deine Mutter, Rölfchen - nur eine einfache Mutter, das hat sie nicht sein können..." Ich hatte zu kämpfen mit meinem Turm, einmal hörte ich: "Ich war froh, als du dieses nette Mädchen geheiratet hast, aus einer ganz andern Sphäre" - dann kam alles ins Wanken, ein Klotz zuviel, der Turm brach zusammen, und die beiden schreckten hoch. Wir blieben nicht mehr lange - beim Abschied waren sie wieder "Frau Aviszus" und "Leb wohl, mein Guter".

Auf dem letzten Foto, das meinen Großvater zeigt, aufgenommen ein paar Tage vor dem Gehirnschlag, der ihn mitten in einem Wutanfall über die Politik des sowjetischen Generalsekretärs Nikita Chrustschow dahinraffte, sitzt er auf der Bank unter Birken, seinen Stock vor sich, mürrisch dreinschauend, aber den Schalk im Nacken. Er sitzt ohne irgendwelche Damen da, und auch meine Großmutter ist nicht zu sehen. Sie hat das Foto gemacht.

Klavier-Extro

© Manfred Maurenbrecher 1998

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