INS UNGEWISSE

In besseren Zeiten, als er noch ganz bei Kräften war, hatte er milden Spott dafür übrig, daß seine Frau sich gern um hinfällige Leute aus der Nachbarschaft kümmerte. Schon das Wort kümmern behagte ihm nicht. Jeder steht für sich ein, sagte er manchmal, man muß in der Verantwortung für sich bleiben. Er selbst war hilfsbereit, aber distanziert - und daß fremde Leute Einzelheiten aus ihrem Leben vor ihm ausbreiten könnten, ihren ganzen Kummer, das war ihm ein Greuel. "Sie hält mich jetzt für ihre verstorbene Schwester", erzählte seine Frau angeregt beim gemeinsamen Abendbrot von einem ihrer Pflegefälle, einer vereinsamten Dame, die mehrmals täglich anrief und in klagendem Fistelton nach der Anwesenheit ihrer freiwilligen Pflegerin verlangte. "Nein, meine Frau ist nicht da, und bitte wählen Sie diese Nummer nicht mehr", konnte er dann ins Telefon knurren, während die Verleugnete kopfschüttelnd neben ihm stand. "Sie braucht mich aber doch" - "Du gehst ja da nur hin, weil du's interessant findest" - "Sie hat keinen einzigen Menschen" - "Verstorbene Schwester, lächerlich - die braucht einen Irrenarzt und nicht dich..."

Seit seiner Pensionierung hatte er sich wie um zehn Jahre verjüngt. Es gab keine Geldsorgen mehr, das Kind aus dem Haus, und selbst ausgedehnte Reisen konnten seiner robusten Gesundheit nichts anhaben. Er fühlte sich unabhängig und frei. "Wenn es dich erfüllt, tus", riet er dem Sohn, den es in die Öffentlichkeit trieb, "aber achte nicht auf das Lob der anderen, sondern nur darauf, ob du mit dir im Reinen bleibst." Das war ein wenig auch ein Resumee seiner eigenen Berufsjahre. "Was für eine Hysterie, von allen Seiten", sagte er kopfschüttelnd über die Krisen, die seinerzeit die Menschen beschäftigten - Nato-Doppelbeschluß, Atomenergiewirtschaft -, "wovor sollten wir Angst haben, man weiß doch, daß Gott uns so lenkt, wie wir's nicht erwarten..."

Einmal rief die Gattin seines ehemaligen Chefs an, der zehn Jahre älter war und ein ähnlich freigesinnter, selbständiger Geist. "Es ist mir peinlich", druckste sie herum, "aber mein Mann ist momentan ein wenig verwirrt. Mir glaubt er nichts mehr, er glaubt mir nichtmal, daß wir hier in Berlin sind. Sie müssen ihm das jetzt sagen. Bitte, zu Ihnen hat er Vertrauen." In der Hand den Telefonhörer, die zittrige Stimme des alten Chefs am Ohr, war das Mißverständnis schnell aufgeklärt: "Wißt ihr, was er gemeint hat? Er wisse natürlich genau, daß wir hier in Berlin sind, er wäre ja nicht verrückt, aber seine Frau täte immer so, als seien sie beide der Mittelpunkt, als sei dies Berlin nur für sie beide erfunden, und da habe er doch einmal energisch widersprechen müssen..." Wie er das Frau und Sohn erzählte, noch mit dem Telefonhörer gestikulierend, wollte er sportlich und amusiert wirken, aber er sah doch ziemlich erschrocken aus. "Es ist nicht schön, alt zu sein", sagte er damals zum ersten Mal.

Die ausgedehnten Reisen konzentrierten sich mittlerweile auf ein kleines oberbayerisches Dorf, in das die Familie zur Sommerfrische seit Jahrzehnten gefahren war. Dort kannte er sich aus. Dort war er früher jeden zweiten Vormittag auf die Post gegangen, Geld abheben, schauen, was es Neues gibt. Daß manchmal auch noch andere Reiseziele gewählt wurden, lag nur an seiner unternehmungslustigeren Frau. Man wußte nicht: war es Trotz, war es Starrsinn, daß er in jenem Heidedorf, in dem sie sich diesmal zur Baumblüte aufhielten, immer das Postamt suchte, das es dort gar nicht gab? Seine Frau konnte es ihm tausendmal erklären: "Hier gibt es kein Postamt!" - er machte sich jeden zweiten Vormittag auf die Suche. Daß er die Namen und Gesichter von Menschen, die ihm neu vorgestellt wurden, nicht mehr behielt: War es Überdruß, Starrsinn, oder gefielen ihm diese Menschen nicht? Er selber zuckte die Achseln: Sollten sich halt noch mal vorstellen, diese komischen Fremden, diesmal würde er sich's wohl merken...

Der Tonfall des Ehepaars wurde gereizter. Wie ein Schulkind, mit dem man vor einer entscheidenden Arbeit noch einmal das Wichtige durchgeht, wie einen Kandidaten, der sich wesentliche Absätze seiner Bewerbungsrede nicht merken kann, versorgte die Frau den Mann mit den Fakten des Alltäglichen. "Das hab ich dir tausendmal erklärt"- "Hast du denn das schon wieder vergessen..." Ihrem müden Blick sah man an, wie oft sie jetzt erschrak und sich manchmal mit einem ihr plötzlich ganz Fremden zusammengesperrt fühlte. Seiner Mißlaunigkeit konnte man abspüren, wie unzufrieden er mit sich selbst war und den hunderten unerwarteten Anforderungen, die so plötzlich auf ihn eindrangen. Hatten sie sich das ausgedacht, um ihn zu ärgern? Daß der Wasserkessel durchgebrannt war, nachdem er sich Tee aufgegossen und den Kessel ordentlich wieder zurückgestellt hatte? Wie, das Gas hatte noch gebrannt? Sowas war doch früher nie ein Problem gewesen - sollte er sich neuerdings denn um alles kümmern?

Den Sohn, der auf ein Stündchen vorbeischaute, überraschte er mit gutgelaunter Melancholie: "Die Dinge tun eh, was sie wollen", philosophierte er, während seine Frau unwillig den Kopf schüttelte. Und später, bei Plätzchen und Fotos, als sie sich über das schnelle Wachstum des Enkelkindes freuten, rief er begeistert: "Die Jungen wachsen hoch, wir wachsen wieder in die Erde." - "Auf mich wirkt er heiter und gut beieinander", beteuerte der Sohn der Mutter beim Abschied. "Wenn Besuch da ist, gehts", gab sie bitter zurück, "aber du ahnst nicht, wie's zugeht, wenn wir hier unter uns sind..." Immer noch kämpfte die Frau energisch darum, die Formen zu wahren, instruierte ihren Mann, und der riß sich zusammen‘ - aber beide ahnten wohl, daß sie der Umwelt und auch sich selbst dieses erfüllte Zusammenleben nur noch vorspielten, daß keinen Inhalt mehr hatte. Keinen anderen Inhalt als den, diese Formen zu wahren. "Alles, was früher im Handumdrehen ging, dauert jetzt unendlich lange", schrieb die Mutter dem Sohn auf eine seiner Reisen.

Der erste Schlaganfall kam deshalb wie eine Befreiung: Unmißverständlich wurde allen Beteiligten klar, daß eine Krankheit auf ihren Ausbruch gewartet hatte. Endlich durfte man Hilfskräfte zuziehen, sich fachmännischen Rat holen, kein Schein der Normalität mußte mehr gewahrt sein. Man kann auch sagen: Der alte Mann sagte mit dieser Krankheit sehr deutlich, daß er nicht mehr der gleiche sei, daß er längst angefangen habe, sich zu verabschieden. Wohin die Reise ging, wußten alle - aber daß sie so schmerzhaft sein würde, hatte keiner geahnt. Die Pfleger im Krankenhaus stellten die Angehörigen vorsichtig darauf ein: "Jetzt liegt er hier so friedlich", sagten sie, "aber nachts, da wandert er im Zimmer herum, schreit und weint - die Mitpatienten sagen: Er randaliert..."

Das milderte sich noch einmal in der vertrauten häuslichen Umgebung, in die er schnell wieder entlassen wurde, weil sich Herz und Kreislauf bald wieder erholten. Deutlich schwächer als je zuvor, lebte er sich in kleine Teilstückchen aus dem großen Alltags-Puzzle noch einmal ein, hörte seine Nachrichten, las die geliebte Zeitung - man wußte nie, ob er das, was er las, auch verstand -, und mit List verschaffte er sich, was man glaubte, dem Kranken vorenthalten zu müssen: Die Flasche mit knallroter Flüssigkeit, die er weit hinten in der Speisekammer gefunden hatte und unbeobachtet ausgetrunken, um einen Durst zu löschen und eine Lust zu finden, das war Campari gewesen. "Tolles Zeug", sagte er am nächsten Morgen dem Sohn, der von der Mutter gerufen herbeigeeilt war und mit ihr zusammen nachts den alten Mann auf sein Bett gehievt hatte, "tolles Zeug - eine seltsame Art von Kirschsaft, wußte gar nicht, daß es sowas gibt..."

Noch einmal, zu einem runden Geburtstag‘, zog er sich festlich an, riß sich zusammen und gab den angereisten Verwandten und Freunden ihren liebevollen Ehemann, treuen Vater, den älteren Bruder und altersweisen Kollegen - aber wer ihn besser kannte, der wußte: Dies war jetzt eine verbrauchte, beiseite gelegte Rolle. Vermißte er diese Parts - war er erleichtert, sie überwunden zu haben? Seine Nächte gehörten längst den Angstträumen, und in denen spielte offenbar sein bekanntes gelebtes Leben keine große Rolle mehr. War es die frühe Kindheit, die sich in ihm wiederholte, der Krieg, von dem er selten erzählt hatte? Vielleicht war es einfach die übergroße Anstrengung, sich endgültig aus den Verstrickungen hier zu lösen...

Wie weit er schon weg war, wurde dem Sohn klar, als sie beide nach einem zweiten Schlaganfall am Fenster eines Krankenzimmers standen, von dem aus man einen Blick hatte auf Türme und Hochhäuser des vertrauten Wohnviertels, ganz ähnlich dem Blick aus dem Wohnzimmerfenster zuhaus. "Siehst du, da ist der Wasserturm, da das neue Rathaus", erklärte der Sohn, "und bald schon wirst du wieder in eurer Wohnung sein, wo ihr den gleichen Blick habt, und dann kannst du dich dort erholen..." Was man so redet, um sich selber zu trösten. Völlig entgeistert starrte der alte Mann in die Aussicht hinaus, die ihm wohl jetzt erst bewußt wurde: "Ist ja unglaublich, was die einem so vorspiegeln können", erklärte er - "so weit fort, und dann zeigen sie einem noch einmal die Dinge von früher..."

Der endgültige Abschied war leise, der Mensch im Krankenbett, obwohl er noch heftig atmete, fast schon nicht mehr da. Jener Satz aus besseren Tagen, daß Gott uns so lenkt, wie wir's niemals erwarten, stand greifbar im Raum. Ich wußte, daß es mein Vater war, der dort ins Ungewisse aufbrach, und spürte plötzlich das Schwanken der schmalen Bretter, auf denen wir uns ein ziemlich flottes Tempo angewöhnt haben mit unserer Selbstgewißheit, den Gefühlen, mit Wissen, Stolz und der Klugheit. Zieh sie weg, und das Ungewisse bleibt übrig. Ich ging leise aus dem Zimmer und versuchte, etwas davon zu behalten. Was nicht einfach ist, wenn man den festen Boden unter den Füßen spürt...

© Manfred Maurenbrecher 1999

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