No Go

Welt am Durchdrehn

Das ist Kunst

No Go

Vorher

Naumburg

Einer von den 50 Helden

Die Kraft zu verzeihn

Paradies Rüdi

Mond aus Papier

Helles Land

Staubiger Staub

Unveröffentlicht

Anfänge

Alles muss raus

Wissen ist vergessen

Welt am Durchdrehn

Die Welt ist am Durchdrehn,
die alten Wege kann man schon nicht mehr gehn.
Die Welt ist am Durchdrehn, schau in den Himmel,
außer rasenden Wolken ist grad gar nichts zu sehn.

Die Welt ist am Durchdrehn,
und die Erklärungen dafür haben, sind die, die‘s am wenigsten verstehn.
Die Welt ist am Durchdrehn, schau auf den Boden,
wie die Räder sich in den Feuchtsand reindrehn.

Es ist Vollmond heute,
herzzerreißendes Ende,
zentrales Feuerwerk,
gib nochmal deine Hände.
Eine Vollversammlung da draußen,
unglaublich Viele gekommen.
Wenn du fragst, wo die her sind:
das Meer durchgeschwommen.

Die Welt ist am Durchdrehn,
gottseidank, mit den meisten Augen ist sie gar nicht richtig zu sehn.
Die Welt ist am Durchdrehn,
gottseidank, mit den meisten Ohren hört man es nicht so, dies Flehn.
Die Welt ist am Durchdrehn,
die vielen Kinder, die sind wohl ein‘ Moment später schon tot -
keine Sorge, es kommen neue zum Verspekulieren. Man sagte früher mal:
sie wird entweder lebendrot sein oder totrot.

Und es ist Vollmond heute,
herzzerreissendes Ende,
wie ein Gottesdienst da draußen,
nimm nochmal meine Hände.
Eine Vollversammlung da draußen,
die im sicheren Gemäuer
sprechen ihre Beschwichtigungsformeln,
sind sich selbst nicht geheuer.
Und die Welt ist am Durchdrehn.

Die Welt ist am Durchdrehn,
was totsicher war, wirkt so wie Abriss, nur noch so wie ein Versehen.
Die Welt ist am Durchdrehn,
nimmt plötzlich Fahrt auf, verschwindet mit den ganz Vielen
und lässt, wer nicht aufsprang, in einer Staubwolke einfach stehn.

Und es ist Vollmond heute,
herzzerreissendes Ende,
zentrales Feuerwerk.
Gib nochmal deine Hände...

Text & Musik: M.M.

Das ist Kunst

Ich nehm mein Tablett,
mal darauf eine Fratze,
dann kriegt die’n Schwanz,
schon isses ne Katze.

Das ist auch Kunst.
Was ich so nebenbei mach,
wenn ich ne Auszeit brauch im Büro,
mich vom Bildschirm mal frei mach.

Ich stell mein Iphone auf Mute,
such mir das App Okarina,
blas sanft hinein, es macht tut,
ich bin im uralten China.

Das ist auch Kunst!
Wie in den Tönen ich schwimme,
im Ruheraum nebenan, die Praktikantin
kommt vorbei und singt mit mir zweite Stimme.

Mir fällt andauernd was ein,
wenn ich Nerven hab, post ichs,
muss ja nicht gleich’n Roman sein,
irgend’n abgefahrenes Zeugs zwischendurch, gar nichts Großes,

aber irgendwie isses auch Kunst!
Nur, ich fang deshalb kein Geschrei an,
mein kreativer Output fällt während der Arbeit
und quasi wie nebenbei an.

Großmutter sagte immer: „Junge, du kommst durch alle Türen,
aber teil dir deine Kräfte gut ein,
du kannst frühmorgens Lover, spätabends Dichter,
aber tagsüber musst du knallhart und aalglatt und beides gleichzeitig sein.“

Das ganze Leben ist Kunst,
kein Grund, dass man deshalb Wind macht.
Ich hab früher sogar andern richtig was bezahlt
für das Zeugs, dass ich jetzt runterlad oder selbst blind mach.

Jetzt hab ich gehört, da is’n Typ,
der führt mich vor, das ist seine Masche,
der zeigt z.B., wie ich Okarina spiele im Ruheraum
und dabei die Praktikantin vernasche.

Na, ich glaub, den Typ kauf ich mir mal,
der kriegt erstmal ne Abmahnung,
und dann setz ich Klage auf wegen Persönlichkeitsraub,
als Anwalt hab ich von sowas Ahnung.

Ich schau‘s mir an: Und tatsächlich, da ist das Grafiktablett,
und ich zeichne tatsächlich ne Fratze,
und der zeigt es allen, es sieht ziemlich echt aus,
ich denk höchstens: Irgendwann schaffste auch mal ne echt aussehende Katze -

aber das ist doch keine Kunst,
das doch ganz klar mein Leben.
In einer andern Welt müsste dieser Typ mir nicht nur Schmerzensgeld,
sondern sein Leben geben!

Großmutter sagte immer: „Junge, du kommst durch alle Türen,
aber teil dir deine Kräfte gut ein,
du kannst frühmorgens Lover, spätabends Dichter,
aber tagsüber musst du knallhart und aalglatt und am besten beides gleichzeitig sein.

Und das ist die Kunst,
das ist die Kunst“, hat Großmutter immer gesagt.
Das ist die Kunst, und nichts anderes.
So, wolln mal sehn. In dem Prozess setz ich mal vier Millionen Schmerzensgeld ein. Mal schaun, wie weit das trägt...

Text & Musik: M.M.

No Go

Ein Mann mit Behaarung,
eine Frau mit Konflikten,
ein Morgen ohne Workout,
ein Abend ohne Ganzkörperaction:
das ist No Go,
ein absolutes No Go,
dein Urlaub ist zu kurz dazu,
das Leben ist kein Streichelzoo.
Du sagst, ein Lover mit Stress in den Genen ist ein Grund, dass du weinst.
Komm mit in die Kolonien, Baby,
ich weiß, was du meinst.

Partnertausch ohne Flatrate,
ein Hotelstrand ohne Männerstrip,
müdgelachte Animateure,
Crevetten ohne Salsadipp:
Das ist No Go,
ein absolutes No Go.
Entspann dich von der Freakshow -
jeder Kick braucht Risiko.
Du sagst: Ein Schoßhund wird kein Wachhund, auch wenn du ihn im Zwinger leinst.
Hab Spaß in den Kolonien, Baby,
ich weiß, was du meinst.

Hier auf Mykonos ist alles supi,
die Puppen tanzen im Resort,
zum Sonntagsbrunch schrammt die Bouzouki,
die Jungs komm‘ uns so faul gar nicht vor...

Ein Streit über Sozialabbau
und das Unwort Banken,
Langweiler am Nebentisch,
wie lang woll’n die sich noch zanken?
Das ist No Go,
absolut No Go,
der Kellner kommt in Slomo,
guckt blöde wie ein Auto.
Du sagst: Serviert wird aber bitte nur mit einem Lächeln im Gesicht!
Du sagst das grad zu einem Kellner, Baby, der eigentlich Lehrer ist,
nur leben kann er davon nicht.

Und Sonntagvormittag der Wunderheiler,
der jedem Chakra eine letzte Hemmung nimmt,
er praktiziert hier im Hotel, nur leider teuer –
wart einfach, Baby, bis die Drachme wieder kommt...

Das alte Mykonos, alles inclusive,
die Puppen flippen im Resort,
wohl jeder hier lebt über sein Verhältnis -
die Mädels sehn sich so sehr gar nicht vor...

Trinkgelder beim Chillout,
Einheimischenstau im VIP-Bereich,
die ewig weißen Socken in Sandalen
und tristes Politikgeseich –
das ist no go,
absolut no go,
macht einen doch nur unfroh,
man bedauert noch die Klofrau.
Jeder verdient das, was er kriegt, rufst du so, als wenn dus selbst nicht zu glauben scheinst.
Hau rein in den Kolonien, Baby,
ich weiß, was du meinst!

Jetzt schau doch mal. Schau doch mal, wie niedlich die tanzen. So zornig auch. Die machen das gar nicht gerne. Die machen das jetzt schon drei Stunden, nur für uns. Immerzu diesen Sirtaki. Schlappmachen gilt nicht. Wer Geld machen will, soll nicht streiken. Wann ha‘m wir denn mal gestreikt? Streiken ist No Go, absolut No Go. Wir bringen hier die Devisen, na logo. Den Nord-Euro bringen wir. Und wer clever ist, findet sogar nachher das Rettungsgeld wieder auf seinem eigenen Konto... Hey hey hey: Nicht
zurückfallen, ihr da, weiter geht‘s!
sparen sparen sparen
tanzen tanzen tanzen

© M.M.

Vorher

Plötzlich war ein Loch in dem Geplauder,
wie ein Bach, der stoppt vor einem Wehr.
Und sie sahn sich an, und beiden war es
so, als wäre das jetzt schon lange her.

So lang, dass sie Vorher dazu sagten,
weil sie merkten, wie es nachher ist.
Und, sobald sie’s wussten, nichts mehr wagten,
als sich anzulachen: „Bleib so, wie du bist.“

Bleib vorher.
Solang es geht, kein Nachher.

Es gab keinen Brief und keine Email,
Erinnerung sucht Erde auf dem Stein,
und in feste kalte Böden
wirft ein Zufall ein paar Körner rein.
Irgendwann, das Jahr dreht seine Runde,
steht die Bühne an dem gleichen Ort,
leerer Stuhl steht da wie eine Wunde,
und auf einem Zettel steht ein Wort:

Vorher.
Solang es geht, kein Nachher.

Zufallsfoto, im Abgang verwackelt,
überhell, fast keine Farbe mehr,
abgeblitzt zwei Menschen, die grad da war‘n,
Unterschrift: Vorher.

Bleib vorher,
solang es geht. Kein Nachher.
Vorher.

Text & Musik: M.M.

Naumburg

Der Zug bleibt stehn in Naumburg
auf unbestimmte Zeit,
es heißt „Personenschaden“,
die Anschlüsse sind baden
und alle Ziele weit.

Der Zug bleibt stehn in Naumburg,
die Sonne warm und groß,
Altweibersommerspinnen
woll’n jetzt was gewinnen
und lassen Fäden los.

Und alle Passagiere hol’n die Handys raus und reden,
bleibt nichts übrig als zu warten und die Beine sich vertreten
auf den Steinen, auf den Stufen,
man kann träumen, man kann fluchen.

Der Zug bleibt stehn in Naumburg,
jemand starb am Gleis,
Wind kommt auf wie vom Frühling,
der Mond ist wie ein Neuling,
der noch von gar nichts weiß.

Passagiere hätten gern ihre Beschwerden formuliert,
manche wünschten, dass es hagelt, wenn der Zug nur wieder fährt,
doch der Himmel bleibt so freundlich,
eine Stunde unbeweglich.

Später sieht man Blaulicht, eine Plane auf dem Schotter
in der Form von einem Menschen, gleitet leise an dem Gatter
einer Absperrung dahin.

Doch noch steht der Zug in Naumburg,
die Spinnfäden so dicht.
Niemand kann etwas machen,
wir schaun uns an und lachen
und tauchen durch das Licht.

2010 © M.M.

Einer von den 50 Helden

Wenn ich morgen früh hier aufbrech
mit der Schutzhaut auf dem Leib,
mit einem Kuss für alle Lieben,
die Familie, die hier bleibt,
wenn ich auf die Heimat zufahr,
Land und Werk im Morgenschein,
werd ich ganz nah an zuhaus
und ganz weit weg von früher sein.

Werd nur schielen nach den Gärten,
wo das Leben freundlich war,
alles blüht wie letzten Sommer,
nur der Kopf kennt die Gefahr.
Werd am Werkstor niemand anschaun,
als Maskierter geh ich rein
und werd ganz nah an zuhaus
und ganz weit weg von früher sein.

Um die Welt laufen die Bilder
von der Schmelze und dem Licht,
vom Kaninchen ohne Ohren,
von der Schutzwand, wie sie bricht.
Da ganz hinten in den Trümmern,
noch nicht tot, so schnell und klein,
da werd ich ganz nah an zuhaus,
ganz weit weg von früher sein.

Die Kraft zu verzeih'n

Geworfen wie Steine,
gepfercht wie die Schweine,
Herr, lass nicht aus Panik
den Weg gehn ins Dunkel.
Verhöhnt in der Irre,
vor Reizbarkeit kirre,
lass trotzdem nicht Hass sein
in unsern Augen der Funke.
Herr,
gib uns die Kraft,
wie man trotzdem liebt,
wenn man nichts hält und hat,
wie man trotzdem gibt.

Genommen wie Säcke,
gedacht nur für Zwecke,
Herr, lass unsre Fremdheit
das Heilmittel sein,
weitab vom Geschehen
ins Blut soll sie gehen
als der Tropfen Klarheit,
vom Rächen befrein.
Oh Herr,
gib uns die Kraft,
die uns wissen lässt: Nichts
wird einmal Alles.
Die Kraft zu verzeihn.

© M.M.

Paradies Rüdi

Mit den Rosen, mit den Lilien,
Liebespaaren und Familien,
mit dem Weißwein auf den Tischen
und den Kerzen in den Büschen,
mit dem Wasserfall am Felsen
und dem Rotwein in den Hälsen,
mit dem Frohsinn aus den Herzen
und den Pfälzer Winzerscherzen -
dieser Platz hier im Südwesten
unsrer Stadt gehört zum Besten
und Geheimsten, was sie hat.
Bürgersinn geriet zur Tat.
Setz dich nieder und genieß
von Mitte Mai bis in den Herbst,
von fünf Uhr nachmittags bis in die frühe Nacht
ein Paradies.

Freigeharkt von Hundescheiße,
nicht mal schick und trotzdem leise,
wer als Fremder ist gekommen,
hat in Freundschaft Platz genommen
wie Herr Said am Tisch aus Ghana,
Ingenieur und kein Absahner,
wer hier wohnt wie er, hat Geld,
und man kennt sich auf der Welt.
Man fühlt Grün, man sieht nicht rot,
alles andre Grün ging tot,
alle andern Parks versteppen,
weil die Stadtkassen verebben,
und der Staat nur gegen Spenden
noch wird Freundlichkeiten senden.
Hier ist vorgesorgt: Genieß
die Wirkung einer Erbschaft einer reichen Witwe,
die den Nachbarn einstmals hinterließ
dies Paradies.

Frohe Lieder, mit Geschepper
gleichzeitig ein Sattelschlepper,
paar Zigeuner spielen auf,
andre laden Autos drauf,
die dann leise durch die Nacht
zur Umspritzwerkstatt wer‘n gebracht.
„Bürgerwehr“ und „Fremde weg“
ruft mancher da im ersten Schreck,
nur Herr Said, der Käse pickt,
spöttisch in die Runde blickt.
Kauend sagt er: „Bürgerwehr?
Bloß ein guter Wachschutz müsste her,
denn dieser Park, Beete und Rasen
sind doch zu wertvoll für die Massen.
Wer nicht wohnt hier, der soll bezahlen,
die Steppe draußen gehört allen.“

Das ist am Platz ein fremder Ton,
der Schwarze hat noch mehr davon,
„wer gut lebt“, ruft er, „wird oft weichlich,
Privatstadtteile kenn ich reichlich,
sie sind ein Ansporn für die Armen,
und für die Reichen ein Erbarmen.
Privatarmeen in Accra, Rio,
Moskau, demnächst London, Kapstadt, Kairo,
was wäre ohne Privatstrand Thailand?
Der Wachschutz teilt sogar auf Coney Island
das Kulturland und die Brache!“
Alle sind still. Mit trockner Lache
sagt Mr. Said dann: „Ganz Europa
schützt seine Grenzen neuerdings doch so wie ein Privatgebiet.
Warum dann ihr nicht diesen Platz? Den ihr so mögt, wie man ja sieht...‘

Mit den Rosen, mit den Lilien,
Singles, Paaren und Familien,
mit den Bürgern an den Tischen,
die ihre Krümel selbst abwischen,
bleibt der Platz ganz im Südwesten
bisher noch offen und gehört zum Besten,
was die Stadt zu bieten hat.
Also nutz die Stunde und genieß
von Mitte Mai bis in den Herbst,
von fünf Uhr nachmittags bis in die frühe Nacht
dies Paradies.

© M.M.

Mond aus Papier

Dieser Mond ist aus Papier, wenn du zerrst, dann reißt er dir.
Wenn du daliegst, so wie ich, wirft er ein ganz schönes Licht.

Wie ein Sommer kommt der Herbst, wie ein Hemd, das du dir färbst.
Alle Straßen sind bald kalt. Gibt uns unsre Liebe Halt?

All die Sterne, die wir sehn, sind zum Reisen unbequem.
Komm, und freue dich mit mir an dem Mond hier aus Papier.


Helles Land

Ich war in einem hellen Land,
wo Vorsicht sich zur Seite stellt,
und Nachsicht nimmt dich an die Hand,
während Rücksicht aus den Wolken fällt.
Der Tag geht steil, die Sonne brennt,
Wasser wie Staub auf einem See,
durch den ein Fluss nach Norden rennt,
ich schwimme, bis ich untergeh.
Noch fremd in diesem hellen Land
im Kreis von Vortagesgewinnern.
„Das lernst du schon“, heißt es galant.
Es ist so schwer, sich richtig zu erinnern.

Ich war in einem hellen Land,
wo Blicke durch den Schatten glühn,
das Glück malt Muster in den Sand,
gern unterstützt von nackten Zehn.
Das Spiel ist groß, jeder bleibt drin,
die Regel lässt sich leicht verstehn,
doch glaubt man lieber, dass das Chaos herrscht.
Ich passe, und ich pass dort hin,
als kleiner Fisch im hellen See,
im Schwarm von spielverliebten Spinnern.
Ich hör sie noch: „Jetzt gib. Jetzt zieh.“
Es ist so schwer, sich richtig zu erinnern.

Ich war in diesem hellen Land,
von dem es heisst, es sei hier nicht zu machen,
wo man auf einmal alles ist,
halb Gott, halb Tier, halb Mensch, und immer halb zum Lachen.
Der Tunnel, durch den jeder kommt,
lässt uns Vorheriges durchaus vermissen,
doch sind wir durch, ist es vorbei,
wir werden dann ganz andre Sachen wissen.
Die wir geliebt, so nah und frei,
woll’n die Entfernung gern noch mehr verringern.
„Schau bald wieder hier vorbei.“
Es ist so schwer, sich richtig zu erinnern.

 

Staubiger Staub

Ich sang dies Lied und sings gern nochmal,
von einem Land namens Grau in dem Monat April,
auf den Hochflächen draußen, wo der Wind ewig jagt -
wollt ihr wissen, was jeder zu jedem dort sagt?

Machts gut, nett euch zu kennen,
machts gut, war nett euch zu kennen,
machts gut, nett euch zu kennen -
der staubige Staub nimmt uns unser Zuhaus,
und mich treibt er nur weiter raus.

Ein Staubsturm kam und schlug zu wie Donner,
staubte uns über, staubte uns unter,
staubte die Autos ein, das Sonnenlicht -
man rannte nachhaus und sang sehr nachdenklich:

Machts gut...

Wir sprachen vom Ende der Welt, und dann
sangen wir was, fingen nochmal was an,
dann schwiegen wir wieder, ein Stündchen verging,
dann wars diese Zeile, die in der Luft hing:

Machts gut...

Liebende hockten im Dunkeln zum Funkeln,
knutschten und kosten in staubigen Dschunken,
sie seufzten, weinten, schrien laut und froh,
aber statt von der Ehe redeten sie so:

Machs gut...

Das Telefon schellte, es sprang von der Wand
mit Riesenalarm, der Pfarrer war dran,
er rief: „Werte Freunde, kommt vor den Altar
und macht euch bereit, denn das Ende ist nah!“
Die Kirche war voll, voller kann sie nicht sein,
der staubige Staubsturm weht schwarz mit hinein,
der Pfarrer sah gar nichts, jeder Text sich versteckte,
also schloss er das Buch, griff nach der Kollekte, sagte:

Machts gut, nett euch zu kennen,
machts gut, war nett euch zu kennen,
machts gut, nett euch zu kennen -
der staubige Staub nimmt uns unser Zuhaus,
und mich treibt er nur weiter raus.

(Dusty Old Dust‘, Woody Guthrie, deutsche Fassung MM)

Anfänge

Der Küster mit den zwei Gipsverbänden
rennt nachhause in Sturm und Regen,
ein Baguett unter den gebrochenen Armen,
die darf er dabei nicht bewegen.
Das sind so Anfänge, helfen die weiter?
Die Zettel liegen auf der Ablage rum
wie die Sonnenbader an einem windigen See,
ein bisschen fröstelig, erwartungsvoll stumm.

Die Frau schaut aus dem 5.Stock auf die Straße,
denkt: Besser wär vielleicht doch ein Glockenturm,
verlässt die Wohnung zum 1. Mal seit acht Wochen,
und dann draußen der Sturm.
Das sind so Notizen, wohin wollen die weiter,
noch ein Zettel mehr auf die Ablage rauf,
noch ein Sonnenbader am schilfigen Gewässer
mit dem schaukelnden Bötchen drauf.

Küster liegt am Boden, eine Frau, die ihn gerammt hat,
fragt nach dem Schlüssel zum Turm, sie fragt es sehr nett.
Er sagt: Ich kann meine Arme leider grad nicht gebrauchen,
greifen Sie in meine Hose, und Vorsicht mit dem Baguette.

Und das Bötchen schaukelt, der Sturm treibt das Wasser,
die Notizen flattern zum Fenster raus,
die Frau füttert sich und den Küster mit Weißbrot,
dann gehn sie zu ihm nachhaus.

© MM Juni 2010


Alles muss raus (Lichtenberger 2011)

Sie freut sich, als sie mich kommen sieht. Wir stehen am Eingang zum Steglitzer Friedhof, seltsame Trauergäste um uns herum. Ich sage: „Was geht mich dein verstorbener Onkel eigentlich an?“ Sie bläst mir Zigarettenrauch ins Gesicht: „Bin neugierig, ob du dich traust. Was Du für Worte findest dafür.“ Ich zeige auf eine Gruppe fein bemäntelter Herren und abseits davon einen Haufen junger Leute mit rasierten Schädeln und Stiefeln. „Dafür?“, frag ich leise. Sie nickt. Marie, meine Steglitzer Bäckerin, wir haben es ein Jahr lang mit-einander versucht, jetzt hat sie mich gut im Griff. „Guck mal, vielleicht kannst du das in deiner Rede verwenden, an der Friedhofswand“, ruft sie. „Löschwasserentnahmestelle?“ frag ich, aber dann folge ich ihrem Finger und lese: „Was wir sind, waret ihr, was ihr seid, werden wir.“ Naja, dialektisch ist was andres.„Und alles muss raus“, ergänze in Gedanken.

„Ziemlich bunter Hund, mein Onkel Josef“, hatte Marie vor Monaten erzählt, „Geld hat er, jobbt für den Staat, verrät nie, als was eigentlich“ - „Kommt mir vom Berufsbild her bekannt vor“, nickte ich. „Hat viel mit jungen Leuten zu tun“, fuhr sie fort, „ultrarechts - als Beamter, eigentlich unglaublich....“ Paar Wochen später stand dieser Onkel vor der Tür seiner Nich-te, und ich freute mich, dass ich auch grad da war. „Oho, der rüstige Kader aus Lichten-berg“, rief er, ein kleines Männchen, das mir die linke Hand hinstreckte, „viel von Ihnen ge-hört, mit Marx-und Engelszungen wirken Sie auf meine rote Marie ein!“ „Sie kriegt das vol-le Programm, bis auf Stalin“, knurrte ich und fragte gleich, für wen er denn arbeitet. „Nen-nen wir’s ein Beschaffungsamt“, grinste er. „Genauso ha’m wir das auch umschrieben“, gab ich zurück, und wir zwinkerten uns zu.
„Dein Onkel Josef war erstaunlich offen zu mir“, erzählte ich Marie später und drehte ihr ein paar der Zigaretten, die sie am Abend rauchen würde, ich bin ihr gern nützlich. „Er führt V-Leute in der rechten Szene, und als Zweitberuf managt er Künstler.“ „Verrückter Kerl“, sagte sie, „er macht was?“ „Produziert Nazi-Bands.“ Sie schüttelte ihren Kopf: „Muss er die nicht eigentlich auseinandernehmen, als Verfassungsschützer?“ „Du machst dir fal-sche Vorstellungen vom Geheimdienst“, erklärte ich, „man muss eine Szene, die man be-kämpfen will, erstmal aufbauen. Wir z.B. haben noch 89 die ostdeutsche SPD mit hochge-zogen...“ „Da wart ihr aber spät dran“, meinte sie, „also ohne Geheimdienst hätt es die DDR-Bürgerrechtler so wenig gegeben wie heute die Faschos?“ „Will ich nicht behaupten“, räumte ich ein, „aber der Staat wüsste nicht so bescheid.“ „Spar dir dein Zigarettendrehn“, lachte sie, „ich hab noch Schachteln auf dem Balkon.“
An dem Abend bin ich in die alte Wohnung zurückgefahren, meine Enkelin hatte mich an-gefordert. Sie jobbt als Hostess in einem DDR-Nostalgiehotel am Ostbahnhof, und wenn sie manchmal kränkelt, übernehm ich den Job. Wir sprachen nicht viel miteinander. „Alles gut“, rief sie, als ich ankam, ich gab ihr das im gleichen Ton zurück und fügte hinzu: „Appe-tit hast du aber, wie man sieht.“ Ich staunte, wie rund sie geworden war. Jeder schnauzt heutzutage die andern an mit diesem ,Alles gut‘ - wozu dann reden? Hätte sie gesagt: Ich bin schlecht drauf, die Welt nervt mich, hätt ich vielleicht geantwortet: Klar, aber rasend nervt sie, rasende Kellerfahrt, befreite Zonen der Nazis, aber auch Occupy, aber auch kurz vor dem Crash, meine Liebe, irrer als in den Tagen von Krenz - es ist doch großartig, wie die Welt nervt - und wie alles raus muss, alles muss raus... raus raus raus...
Aber so sagte ich gar nichts. Steckte in meine Hosentaschen was von dem uralten leich-ten Geld. Und als ich im Ostalgiehotel das erste junge Pärchen am Wickel hatte, ein spa-nisches, glühend vor Großstadterregung, knallte ich ihnen ein paar dieser Ostmark-Mün-zen als Wechselgeld auf den Tresen. Die wussten gar nicht, was das ist. Ich fragte: „Ar-beitslos, employless?“ Natürlich nickten sie. Ich legte noch fünf Mark nach. „Take that and keep it“, drängte ich, „das ist die Bodenwährung, the bottum of Europe, believe me, darauf fällt demnächst alles zurück. Ostmark und Gemüseanbau. The new Morgenthau.“ Sie lachten, obwohl sie mich garantiert nicht verstanden.
Paar Tage später brach die Informationsflut los über das, was man immer die ,Döner- Mor-de‘ genannt hat. Geplante Taten, die seit anderthalb Jahren in einem Hit einer Faschoband von der Naziszene gefeiert wurden. „Ich glaub, von dem Lied hat er sogar mal erzählt“, sagte Marie beim Tee, „er meinte: Besser, die jungen Leute singen von den Verbrechen, als dass sie sie begehen.“ „Jetzt siehts so aus, als hätten sie beides geschafft“, ergänzte ich. „Und ich glaube“, sagte Marie, „auf dem Amt, wo mein Onkel jobbt, sorgt man dafür, dass eher ein kleiner Gemüsehändler hopps geht als die Insassen eines Luxushotels. Wa-rum hat diese Terrorbande keiner gestoppt?“ „Weil keiner offiziell von ihr wusste“, rief ich, „z.B. dein Onkel wusste davon als Musikproduzent, das schon, aber nicht als Verfassungs-schützer. Als dieser durfte er deshalb aus dem Lied auch keine Rückschlüsse ziehn. Dann hätten seine V-Leute das Vertrauen verloren. Und der Staat hätte noch weniger bescheid gewusst.“ Sie sah mich an wie einen Irren. „Dreh mir ja keine Zigarette“, drohte sie, „und versuch nicht, mir diesen Schwachsinn noch zu begründen!“
Paar Tage später war Maries Onkel dann tot. Selbstmord. Mitarbeiter vom Amt hatten ge-rade bei ihm geklingelt, er hält den Türknauf noch in der Hand, da sieht er die Kollegen, zieht einen Revolver, erschießt sich vor ihren Augen. „Türknauf in der Hand, zieht Revol-ver? - Josef war einarmig, Scheiße!“ Immer wieder ist mir bei Westberlinern dieser ide-alistische Trotz aufgefallen. Nicht abgekocht, diese Leute. „Einarmig war er, dein Onkel“, stimmte ich zu, „aber als Einarmiger bist du auch geschickt. Etwas akrobatische Selbstbe-herrschung, etwas Einfühlung ins Unausweichliche...“ „Ich weiß nicht“, sagte Marie, „redest du so, weil du mich ärgern willst, oder bist du so ein zynischer Miesgram?“
Ich mochte sie schon allein wegen solcher Worte. Und wusste, sie hatte Recht. Marie sieht die Dinge so klar und direkt, wie man sie sehen können muss. Wenn man sie ändern will. Ich sagte: „Ich bin nicht abgekocht. Und wenn, dann sind das alte Relikte. Gib mir eine Chance! Alles muss raus!“

Jetzt stehen die schick bemäntelten Herren um das offene Grab des Onkels auf dem Steg-litzer Friedhof, legen einen Kranz ab, ein Graumelierter spricht schnell ein paar Sätze: Treue zum Amt, musische Hobbies, tragisches Ende. Er macht das leise, denn er will nicht, dass die Glatzen, die ein bisschen abseits bleiben, ihn reden hören. Marie nickt mir zu. Von weit weg seh ich eine junge Frau zwischen den Gräbern, könnte meine Enkelin sein. Vor zwei Stunden hat sie mir telefonisch eine Überraschung angekündigt. Ich hole tief Luft und sag laut zu den Glatzen: „Einer ist tot. Getrauert wird aber um zwei. Die da drüben beklagen den Verlust eines Mitarbeiters ihrer Behörde, Verfassungsschutz. Euch haben sie den Kamerad Josef umgelegt. Schön blöd, wenn man auf Spitzel reinfällt. Blö-der, wenn man sich von den Spitzeln sagen lässt, was man tun soll. Und am blödesten, dass jeder vierte von euch, der hier rumsteht, selbst wieder Spitzel ist. Geradezu großar-tig, wenns nicht so abgrundtief blöde wär.“ Bedrohlich drängen die Nazis in unsere Rich-tung, „hoy hoy hoy“, röhren sie, ich schau in Maries leuchtende Augen und suche nach einem Schlusssatz. Ich denke: Nichts wie raus. Da biegt meine Enkelin um die Ecke. Hat ein Bündel an der Brust. Das Bündel plärrt. Die Glatzen ducken sich vor dem Schwung einer jungen Mutter. Ein paar von ihnen umzingeln jetzt die schick bemäntelten Herrn. Mei-ne Enkelin legt mir das Bündel in den Arm. „Das ist dein Urgroßvater“, erklärt sie ihm. Ich will ihr das eigentlich gleich zurückgeben und stottere: „Ich dachte, du wärst nur schlecht drauf“ - sie grinst: „Opa - schlecht drauf sein ist doch das Beste, was einem passieren kann, oder?“ - weiter weg kommt es jetzt zu einer Schlägerei, „betriebsbedingte Auseinandersetzung“, grinst Marie und steckt sich eine meiner selbstgedrehten Zigaretten zwischen die Lippen. Ich drücke das neue Lebewesen fest an mich. „Wie ein rohes Ei“, denke ich, „das nie abgekocht werden soll.“ Dann wird es nass, weich und warm an mir, und ich weiß jetzt auch meinen Schlusssatz, ich sage: „Lasst. Macht doch nichts. Alles muss raus!“

 

Wissen ist Vergessen (Lichtenberger 2012)

Meine Enkelin riss panisch die Augen auf.
„Wie, du hast die KInderfotos in der Cloud“, rief sie, „hast du die irgendwo liegenlassen? Mann, Opa, ich hab noch nichtmal Sicherheitskopien davon...“
Sie glaubte wirklich, ich hätte die Schnappschüsse von meinem Urenkel verschusselt. Ich weiß ja, dass junge Mütter gerne mal in ihrer eigenen Welt sind. Aber jetzt musste ich ihr allen Ernstes erklären, was eine Cloud ist. „Schau mal“, sagte ich ruhig, „es gibt Datenspeicher, die kannst du einstecken. Die gehn dann manchmal verloren. Aber es gibt auch Datenspeicher, die sind außer Reichweite - ein Pfaffe würde sagen: im Himmel, wir sagen virtuell dazu, in der Wolke, der Cloud...“
„Hör auf!“, rief sie, „ich weiß das alles. Hast du jetzt die Fotos oder nicht?“
Ich fing ganz leise zu singen an. Das hatte ich neulich bei einem Busfahrer so beobachtet - wenn den irgendwas nervte, sang er ganz leise vor sich hin. Auch schon mal lauter, wenn das Nerven nicht aufhören wollte. Meine Enkelin sagte: „Ich weiß doch, was virtuell ist - ich will einfach nur meine Fotos zurück!“ Und ich dachte: JUnge Mutter hin oder her, es ist die Überlastung. Die jungen Menschen werden heutzutage derartig überlastet... „Alles, was ich weiß“, überlegte meine Enkelin, zog dem kleinen Willy eine Jacke über und legte eine Decke in den Kinderwagen, „kann ich irgendwo nachlesen. Also vergess ichs gleich wieder. Was singst du da eigentlich?“ Ich nahm Willy, der ganz still zwischen uns stand, auf den Arm und lachte. „Wissen“, sagte ich, „ist also für dich sich erinnern daran, dass man etwas vergessen hat?“ Sie setzte das Kind in den Wagen, stellte eine Wärmeflasche dazu und machte sich eine Notiz. Ich fürchtete, sie schrieb Willy-Opa-Ausflug, das hat sie sich bei ihrem letzten Job so angewöhnt, auf einer Pflegestation, da galt immer: einen Handgriff tun, dann gleich ein Protokoll dazu anfertigen. Vergreisung, dachte ich, die jungen Leute werden heutzutage konsequent in ihre eigene Vergreisung getrieben, und wir wirklich Alten werden dabei rasant von ihnen überholt. „Also wissen, dass man was vergessen hat, tut doch jeder“, seufzte meine Enkelin, und ich murmelte: „Obama auch?“ Dann griff ich ihren Gedanken auf und fragte: „Das Vergessen gehört also für dich zum Wissen?“ „Weil alles in den Speichern steht, ja, in den Netzen und Clouds. Ich weiß es, also vergess ichs! So ist das doch. Aber egal. Seid bitte bei eurem Spaziergang“, bat sie mich und legte noch eine Decke in den Kinderwagen, „etwas vorsichtiger als neulich.“ Ich nickte schuldbewusst. Es war ja nichts passiert, und keine Ahnung, wie’s gekommen war, ich war nur mit Willy bei Hugendubel gewesen, aber plötzlich mit voller Kraft lauf ich in einen Stapel von unverkauften Sarrazin-Büchern hinein. Muss ich glatt übersehen haben. Und als ich mich festhalten will in den Trümmern, fliegt der Buschkowskistapel gleich hinterher. „Ich räum alles weg“, ruf ich noch, aber die Verkäuferin guckt so, dass wir besser beide sofort verschwinden, Willy und ich. „Was singst du bloß immer“, rief meine Enkelin jetzt und riss mich aus meinen Träumen... Ich sang:

Komm mir immer näher, so wirst du mir fern,
wenn du ganz weit weg bist, hab ich dich wieder gern.

So, wie sie mich jetzt ansah, tat mir diese kleine dialektische Reimnerei aber sofort wieder leid. Die junge Mutter dachte jetzt bestimmt an ihren Lover, den Kindsvater. Ich hatte ihr den bescheuerten Abmahnanwalt nie ausreden können, der seit Jahren davon lebt, dass er die Eltern von Runterlader-Kindern ärmer macht. Und gleichzeitig Beratungen anbietet über Verbraucherrechte im Internet. Wie das zusammenpasst? Prima! Man macht was, richtet was an damit und ruft hinterher: Hey, gegen das, was da angerichtet worden ist, müsste mal einer was machen! Und alle wissen, dass der, der da ruft, auch der Anrichter war - aber weil sie es wissen, vergessen sie‘s. Ich kenn einen, der will sogar Kanzler werden mit diesem Trick. „Hey“, sagte ich in das traurige Gesicht meiner Enkelin, „mit der Masche macht dein Typ doch bestimmt ne Menge Kohle, wieso musst du immer noch jobben?“ - „Er ist nicht mein Typ, der Typ“, antwortete sie, und ich lugte in den Flur der alten Wohnung, sah mein altes Zimmer, das ich vor 2 Jahren für den Gockel geräumt hab. Hatte es fast schon vergessen und fühlte mich jetzt ein bisschen, wie sich vor langer Zeit vielleicht ein Republikflüchtling gefühlt haben mag. Und leise fragte ich etwas, was damals kaum einer von denen gefragt hat, nämlich: „Soll ich zurückkommen?“ Ein Moment hatte ich Angst, sie würde jetzt nicken und zu heulen anfangen, doch stattdessen grinste sie: „Nur, was man vergessen hat, weiß man sicher? Hast du das gerade behauptet?“ Ich wusste: Sie bleibt mein Fleisch und Blut...
„Willy, Zeit zum Aufbruch“, rief ich und hob das Kind aus dem Wagen „ auf und davon, damit du beizeiten lernst, was Zuhause heißt...“ Ihn seh ich nur vorneweg, meinen Uren-kel, schon vom Namen her, keiner trägt heutzutage solch einen Namen, also wird er den Trend einmal setten. ,Es willyt sich aus‘, wird man vielleicht später sagen, wenn jemand ein ungebeugtes, rebellisches Leben führt. „Die Enkel fechtens besser aus! Spätestens, wenn die Bankensystem kracht“, rief ich, „ach, übrigens“, ich legte das Kind jetzt doch nochmal beiseite, „ich halt jetzt manchmal so Vorträge im Alpenland-Seniorenheim in Steglitz, als Keynote-Speaker, wie die das nennen, bisschen so wie früher als Hausbuchbeauftragter, so kleine Schulungen, weißte - über so Themen wie: Euro-Rettung durch Crowdfunding...“ Meine Enkelin schaute mich an und sagte: „Kannst wohl gar nicht so viel kotzen, wie du vergessen musst, was? Irgendwann schreib ich auf deinen Grabstein: Hier könnte Ihre Werbung stehn...“ Und ich sang:

Komm mir immer näher, so wirst du mir nur fern,
erst, wenn du ganz weit weg bist, hab ich dich wieder gern.

Willy quengelte. Kinder haben ein sehr gutes Gespür dafür, wenn Erwachsene sich wehtun. „Jetzt aber los“, drängte die junge Mutter, legte noch ein paar Decken, Termoskannen und Wärmekissen in den Wagen und setzte das Kind obendrauf. „Trödelt nicht“ befahl sie, „ab zum Brandenburger Tor!“ - „Könn‘ wir nicht in der Simon-Dach-Straße ne Pause einlegen“, bat ich, „irgendwo in eine Schlange Wohnungssuchender treten? Ich ruf dann: Ich war Beamter auf Lebenszeit, und er hier, er ist mein ganz später Sohn. Pension und Kindergeld gleichzeitig, mehr Sicherheit geht doch gar nicht. - Nein, du hast Recht“, gab ich nach, „wir bringen die Sachen sofort ins Camp, zum Pariser Platz, liefern sie ab bei den frierenden Demonstranten. Die man Flüchtlinge nennt, nicht im Mittelmeer ertrunken, sondern bis hierher gekommen - und das alles nur, um Europa zum Friedensnobelpreis zu beglückwünschen - Gratulanten sind das doch eigentlich! Ich tu wieder so, als such ich’n Müllcontainer und lass die Decken dabei unauffällig fallen, die sie eigentlich nicht gar annehmen dürfen, Willy flirtet mit den Polizistinnen, und dann singen wir: Kein Mensch ist illegal. Schon gar nicht Unter den Linden, zwischen den Milliarden-Zockern aus allen europäischen Oberschichten, die da ihr Milchpulver hochziehn und aufpassen, ob die von ihnen geschmierten Machtträger auch ordentlich spuren.“ Wir wuchteten den Kinderwagen die Stufen runter, ab gings –. Ich dachte: Was für ein toller Mensch, diese Enkelin, und schleppt sich von Job zu Job. Was für eine erbärmliche Gesellschaft, die die Kraft solcher Menschen vergeudet. Da rief sie mich nochmal zurück. Schrieb wieder was auf einen Zettel - „Die Engel fechtens besser aus“, stand da, „wär vielleicht‘n Vortragsthema für dich“, grinste sie, „ach, und übrigens - hab ich dir noch gar nicht erzhählt: Ich bin wieder schwanger...“ „Von wem“, fragte ich ganz automatisch und unhöflich. „Du, das hab ich - vergessen... Ich weiß aber, dass es ein Mädchen wird...“ „Ich hab auch was vergessen“, stammelte ich und holte aus meiner Jacke die Fotoabzüge, die ich natürlich für sie gemacht hatte. „Wenn es ein Mädchen wird, dann nenn es doch Wolke, apropos Engel“, sagte ich, „hab grad gelesen, das ist als Frauenvorname in Deutschland erlaubt.“ „Opa, du wirst es nicht glauben, aber genau das habe ich vor“, lachte sie, „nur auf englisch: Claud-ia.“
„Nichts wie weg“, rief ich und gab Willy in seinem Wagen einen kräftigen Schubbs:

Komm mir immer näher, so wirst du mir fern,
erst, wenn du ganz weit weg bist, hab ich dich wieder gern.


 

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