Wallbreaker

Schräge Strasse

Weg aus dem Tal

Du kannst es

Unser Lied

Im ICE zwischen Leipzig und Erfurt

Old Kentucky Home

Die Finnin

Unveröffentlicht

Steglitz

Wikileaks

schräge strasse

wie ein plötzlicher gedanke,
und man holt ihn nicht zurück,
sieht man menschen im vorbeifahr’n,
schräge straße, schräger blick.

er war neunzehn, fern der heimat
und vom rumtreiben entzückt,
mazedonien, nah der grenze,
morgens, eh die hitze drückt.

manche grüßten im vorbeifahr’n,
andre hupten hinterher,
hoffte, dass bald jemand ankam
und ihn mitnahm bis ans meer.

hatte spaß dran, wild zu winken,
deshalb lange nicht gesehn
in dem schatten seines rückens
ein fremdes rucksackmädchen stehn.

„willst du auch weg“ fragt er blöde,
beide lachten, war ja eigentlich klar,
saloniki sein ziel, während ihres
irgendwo weit weg in indien war.

„wenn’s der herr will“, sprach sie heiter,
„komm ich heut bis istanbul.“
und er stand und fand den staub
an ihren braunen schultern toll.

sie genoss seine bewunderung,
und er wusste nicht genau,
was das war in ihren augen
wie der himmel, so tiefblau.

über den himmel sprach sie gerne,
licht und ewigkeit im jetzt,
„das entstand am zweiten tage“,
sagte sie, er sagte nichts.

winkte weiter, gab einem alten,
der vorbeizog auf ’nem karren,
eine münze in die ausgestreckte
hand, „die könnt’st du sparen“,

lachte sie und küsste ihn
wie nebenbei auf seine stirn,
„gott hat all das eingerichtet,
und wir sollten es nicht stör’n.“

„gott hat - elend, unrecht?“
sie rief: „schau mich nicht so an,
ob du hier festhängst oder fortkommst,
alles steht in seinem plan!“

„er lässt ganze völker hungern?
vorbestimmung oder so?“
„ach, das muss uns jetzt nicht kümmern,
atme einfach und sei froh!“

und sie nahm sich ihn zum tanzen,
wie die hüften sich erspürten,
war’s in ihm wie tiere, pflanzen,
die ihr eignes leben führten -.

und auf einmal hielt ein auto,
beinah ganz mit sachen voll,
„ein’ platz hab ich“, rief der fahrer,
„ich fahr heut nach istanbul!“

er stieg ein, ohne zu denken,
sah von drinnen sie fest an:
denn ob du dableibst oder fortkommst,
steht ja alles in dem plan.

als sie in der hitze nachlief,
so verwirrt und so verprellt,
schämt’ er sich und wollte plötzlich,
dass der wagen nochmal hält.

doch der raste von der tanke,
winkend blieb sie klein zurück.
und wie ein plötzlicher gedanke
hing an ihm ihr letzter blick.

Text & Musik: M.M.

Weg aus dem Tal

Man steht so eng man kann, schieb mich dichter ran
an das beschlagene Glas,
Bus im grauen Schnee, was ich draußen seh,
eine Stadt, die zu wärmen vergaß.
Menschen reden in verschiedenen Sprachen,
von denen ich keine versteh.
Schwitz bis unters Hemd, so allein und fremd,
die Gebirgsfahrt ist kein Spaß.

Der Mann neben mir flog von Spanien her,
wo er 50 Wochen Steine schlug,
will nachhaus zur Frau, ist so glücklich blau,
nimmt den Restschluck Wodka im Ruck.
Menschen lachen über so viele Dinge,
selten, dass ich mich nicht mitfreu’n trau,
bin gequetscht gehemmt, so mir selber fremd,
erstes Mal, dass ich denk ‚genug‘.

Aus den Boxen kommt Musik für den Fahrer,
Ton für Ton entdeck ich sie,
eine Stimme,die immerzu klarer wird,
wie aus Sonne eine Melodie.
Zu nah daran würd ich brennen,
doch hier hör ichs wie zum ersten Mal:
Bitte sing mir vor, direkt in mein Ohr,
sei mein Weg aus dem Tal.

In dem fremden Land Hotels am Wegesrand
heißen Komsomol und Patriot,
aus der alten Zeit, klingt nach Geborgenheit,
doch der Glaube daran ist längst tot.
Menschen machen viele Versuche
zum Besser-Glücklichsein.
Auch ich fuhr deshalb los, was passiert hier bloß,
diesmal bin ich allein.

Aus den Boxen kommt Musik für den Fahrer,
Ton für Ton erkenn ich sie,
eine Stimme, die jedesmal wahrer ist,
wie aus der Sonne eine Energie.
Zuhaus würd ich wohl davor rennen,
doch hier ist es wie zum ersten Mal:
Bitte sing mir vor, direkt in mein Ohr,
du bist mein Weg aus dem Tal.

Text & Musik: M.M. 2010

Du kannst es

Du kannst es. Guck nicht so müde, du weißt es auch. Die von vor den Kulissen sind hinter dir. Das passiert selten, so populär wie du werden wenige. Da stört nicht mal Dein ewiges Also zwischen den Sätzen, oder dass Du manchmal den Faden verlierst beim Reden: Dann denken die von vor den Kulissen, Du bist einer wie sie. Dazu das vorgereckte Kinn, die nervös verschränkten Arme, genau die richtige Mischung aus Verkrampftheit und Trotz, Streitsucht und Pfeifen im Walde. Das alles empfinden die auch. Kleine Angestellte, tief verunsicherte Lehrer, geleaste Bauarbeiter, frisch insolvente Boutiquenbesitzerinnen. Wer halt noch glaubt, was zu verlieren zu haben. Zahlen und Reizworte, das genügt, dazu dein knurriger Ton mit jedem, der widerspricht: ‚Sind Sie blöde? Ha’m Sie überhaupt promoviert?‘ Da reihen sie sich dann begeistert hinter dir auf und fühlen sich in deinem Schatten klug wie du. Angeekelt vom Pöbel. Und sooo mutig. Du lebenslanger Beamter - sooo mutig.
Sah lange aus, als könntst du das auf Dauer nicht verbergen, dass du die Menschen nicht magst - die meisten jedenfalls, also dich selber schon, aber sonst... Man hatte gedacht, das müssten die eigentlich spüren - aber sie waren ja keine Hartz-IVler, die prima von Plastikfraß leben aollen, waren ja keine Kopftuchmädchen, die Obstkarren bis zur Zwangsheirat schieben, oder Gutmenschen-Trottel, die Ehrenämter annehmen. Umso schärfer fanden sie deine Sprüche. Der Praxisarzt mit dem geschrumpften Einkommen. Der Sozialingenieur mit dem Burn-out-Syndrom. Die Hotelfachfrau mit keiner Chance mehr auf einen tariflichen Arbeitsvertrag. Die brauchen dich. Bzw.: Wir brauchen dich, damit du sie ablenkst. Deshalb bin ich hier.

Führ du die Lichterkette an, mach du die Spitze der Bewegung,
irgendwer ist dran damit, es geht nicht weiter in der alten Richtung,
die alte Garde schafft es nicht, wir brauchen freie Fahrt und Vollgas für den Aufschwung -
mach du die Drecksarbeit, du kannst es, wagst dich aus der Deckung.

Du bist nicht unsre Idealbesetzung, aber dir macht das Ganze Spaß, und das ist das Wichtigste. Das wirkt überzeugend. Was hier grad abläuft, ist doch nur ein Anfang, und das weißt du auch, oder? Da sind jetzt überall so kleine Feuer aufgestellt, die glühn noch jedes für sich, aber das bleibt natürlich nicht so. Die Tariflöhne weg, gesetzliche Krankenkassen weg, Kündigungsschutz und offene Bildungszugänge weg, Gewerkschaften - was waren sie nervend ein Jahrhundert lang -, noch ist das Zukunftsmusik, aber da muss jetzt nur mal ein richtiger Wind dran, dann kommen diese Feuer sich alle gegenseitig besuchen. Und dann muss einer da sein, dem die Leute vertrauen. Den sie für unbestechlich halten. Und der dann auf die krassesten Verlierer zeigt und sagt: ‚Die sind schuld. Solang wir die mit uns rumschleppen müssen, wirds uns allen mies gehn.‘ Das turnt an. Mehr als jedes einschüchternde Gerichtsurteil, Wut ist immer besser als Angst. Das bringt echte Leistung, dann schuften die Leute wieder, auch wenn sie keinen Horizont mehr sehn. Bloß kein Versager sein - damit kriegst du sie zu jedem Scheiß. So wie jetzt schon zu dieser erbärmlichen Freundlichkeit an allen Verkaufstresen. Der Westerwelle hat die Richtung ja schon mal vorgegeben, aber der fand einfach den Ton nicht. Der kippt dann immerwieder über in so ein tuntiges Gebelle, dem glaubt man einfach nicht, dass er rechtschaffen ist. Dir glaubt man das - ja, jetzt müssen wir beide grinsen, aber - du weißt es selbst, du giltst für unbestechlich, du Verwaltungskarrierist, ja: ist doch so...

Führ die Lichterkette an, mach du die Spitze der Bewegung,
irgendwer ist dran damit, es geht nicht weiter in der alten Richtung,
die andern trau’n sich nicht, mach du die Auslese, sorg für die freie Fahrt zum Aufschwung -
mach du die Drecksarbeit, du kannst es, komm noch weiter aus der Deckung.

Wenn du nur nicht so angespannt wärst. Das war doch gar kein Fehler, das mit dem Juden-Gen, das war dein purer Instinkt. Ich weiß, dein Kopf hat dicht gemacht dabei, aber genau das war gut. Sei locker, sei du selbst. In einem deutschen Interview einfach mal „die Juden“ sagen, das ist die pure Souveränität. Das macht dich zum Rebellen. Natürlich heulen die Profi-Korrekten dann auf, aber achte mal auf die jüdischen Islamgegner: Du darfst. Für die gute Sache! Man schmeißt dich aus deinen Ämtern? Dann darfst du doch noch mehr! Bisschen blöd war höchstens, dass du gleich deren Rente angenommen hast, da schlug die kleine Beamtenseele dann doch wieder durch. Da musst du dich jetzt mal entscheiden: Wir bieten dir auf Dauer viel mehr! Wer wir sind? Bleib cool: Wir sind viele. Du weißt doch, dass in der NPD-Führung z.B. zur Hälfte der Verfassungsschutz sitzt. Und in den andern Parteien?Sei dir ganz sicher, es sitzen überall, in allen Institutionen, Fraktionen, fast allen Parteien welche rum mit der festen Überzeugung, dass es zuendegeht mit unsrer politischen Klasse hier und dass es - zum Schutz der Verfassung und natürlich der Wirtschaft -, sehr praktisch wäre, wenn bald einer kommt und die Menschen einschwört auf eine Kampfzeit, ganz zivilisiert, aufklärerisch, bürgerlich, der Initiator einer Protestbewegung gegen die Fremden und Armen (die FDP wird das nicht mehr sein, das ist schon mal klar, und einen richtigen Charismatiker können uns ja so schnell nun auch nicht backen) -, aber wer immer das hinkriegt, der hat nachher zumindest ausgesorgt. Also, ich will dir jetzt keine Milliarden versprechen - nur eins: Dass, wenn du still hälst, irgendwann mal kein Hahn mehr nach dir kräht - und das, schätz ich, würd’st du nicht aushalten, dass irgendwann mal kein Hahn mehr nach dir kräht, du Bestsellerautor, du selbstverliebter Phrasendrescher in ner Mischung aus Ekel Alfred und Professor Unrat, also komm -

führ du die Lichterkette an, mach du die Spitze der Bewegung,
irgendwer ist dran damit, es geht nicht weiter in der alten Richtung,
sag du, wer unwert ist und wer dazugehören darf beim nächsten Aufschwung -
mach du die Drecksarbeit, du kannst es, komm noch weiter aus der Deckung.

(Ja, okay, Haider sah besser aus als du... aber ich hoff doch, du fährst besser Auto als Haider... und du bist nicht allein, du hast Mitkämpfer, Alice Schwarzer z.B., - die ist auf ihre Art so zäh wie du - und wandlungsfähiger - nicht so deine Stärke, du bist mehr so der Pfennigfuchser und Zahlendreher, ich weiß - aber okay, die Leute lieben dich so, wie du bist, also was solls, du kannst es... )

2010 © M.M.

Unser Lied

Das Bad ist verrammelt,
Mondlicht überm See,
springt mit den Wellen,
erstarrt im Schnee.
Hast da vorne gesessen,
am heißen Strand,
hast gesagt: Grab mich tief
er, beide Beine im Sand.

Und keines der Worte wird diese Nacht wiederbringen.
Wenn so unser Lied geht, dann will ichs so singen.

Musik ging zuende
beim Feuerwehrball
am anderen Ufer,
im Feuerwerksknall.
Der Strandwächter hinkte
in sein Dunkel hinein,
du sagtest: Grab tiefer,
grab mich ganz ein.

Und keines der Worte wird diese Nacht wiederbringen.
Wenn so unser Lied geht, dann will ichs so singen.

Zu zweit in der Hitze
der Mitsommernacht,
einmal und nie wieder,
gemeinsam erdacht.
Ich wühlte mich tiefer,
dann wieder heraus,
du bliebst im Sand liegen,
ich hielt es nicht aus.

Jetzt ist das Bad verrammelt,
der Schnee extra tief,
war nicht deine Stimme,
die mich hierher rief.
Sind auch nicht deine Arme,
die ich winken seh
aus der frostigen Erde,
auf der ich steh.

Und keines der Worte wird diese Nacht wiederbringen.
Wenn so unser Lied geht, dann will ichs so singen.

Text & Musik: M.M. 2010

Im ICE zwischen Leipzig und Erfurt

Übliches Einstiegsgedrängel, ich wuchte mein Gepäck vor einen Zweierplatz, versichere mich, dass unreserviert ist, streife kurz die Mitreisenden mit einem Blick, sehe Spielzeug verteilt auf einem Tisch schräg links vor mir, dann lass ich mich in den Sitz sinken, entsperre das Handy und genieße rückwärts gleitend die Aussicht auf den wüsten Rangierbahnhof Leipzig. Immer mal wieder höre ich ein Kinderstimmchen vom Einkaufengehen erzählen, dass die Tür zu ist, jemand kommen muss und sie aufmacht, ‚das spielt aber lebhaft‘, denke ich und meine, dass an dem Tisch mit den Bilderbüchern und Teddies vorhin ein Kind saß, jetzt schau ich nicht nochmal hin, sondern lese zwei Nachrichten, die inzwischen eingetrudelt sind. „Der kann doch nicht raus“, ruft das Stimmchen, „der kommt doch nicht aus der Wohnung“, ich denke: ‚Das hat aber eine rege Phantasie‘. Sms-Tippen fällt mir immer noch schwer, wiedermal nehm ich mir vor, nach einem Handy zu suchen, auf das man die Nachrichten auch einfach sprechen kann. Wie telefonieren, nur ohne Dialog. Manchmal sieht man ja Leute mit kleinen Schlaufen vor den Lippen, die reden so in das Weite hinein, so könnte man doch mit passender Maschine auch schreiben, glaub ich, jedenfalls solche Kleinigkeiten wie meine Antworten zu den zwei Fragen, die mir hier grad gestellt worden sind. „Nein, Mama, du musst hin, der braucht Nahrung, der Harry verlässt doch die Wohnung nicht mehr.“ Das klang jetzt drängend dramatisch. Ich richte mich auf. Am Tisch schräg links vor mir sitzt wirklich ein kleiner Junge, er spielt in sich gekehrt mit einem Lastwagen in einer Plastikachterbahn. Der hat bestimmt nichts gesagt. Ihm gegenüber sitzt eine junge Frau, hager, ein abgemagertes Girlie in mädchenhaftem Kostum, an dem das Frischeste noch sein Blüschen, das Röckchen und die Westernjeans drunter sind. Sonst faltig vor Dürre und mit einer Schlaufe vor den Lippen und einem Knopf im Ohr. „Ja, Mama, ich kann dir den Schlüssel per Nachnahme schicken, gleich nachher, wenn wir in München sind, dann hast du ihn morgen.“ Sie rappelt ungeduldig mit den Knien gegen die Tischkante und fegt mit den Händen den Teddy von der Platte. „Mama, pass doch auf“, murmelt der Junge. „Ich mach Sachen, ich mach Sachen“, ruft die Mutter zwischen Lachen und Schluchzen, dann hebt sie den Teddy vorsichtig wieder hoch. Sie klingt jetzt ehrlich erstaunt. Von ihr kommt dies Stimmchen.
Später - die Erinnerung an den eingeschlossenen Harry ist verblasst - spielt sie nett und ein bisschen streng mit ihrem Sohn. Dann lehnt sie sich wieder zurück und telefoniert nochmal. „Ja, ich dich auch“, haucht sie mit geschlitzten Augen, „und wir sehn uns, wenn ich zurück bin, ganz bald.“ Dann übergangslos, ohne eine Spur von Gefühl: „Und tschou tschou...“

Als ich aussteige, fragt sie den Sohn grad: „Mit was holt der Pappa uns nachher in München wohl ab, was meinst du?“ Das Kind fragt tonlos zurück: „Mercedes?“ Die Ansage eines Zugbegleiters, jeder Anschluss werde in Erfurt doch noch erreicht, verhindert, dass ich die richtige Automarke erfahre. Vielleicht wird es auch ein Hubschrauber sein.

2010 © M.M.

Old Kentucky Home

Noch‘n klein‘ Stachelbeerwein,
bin um die Ecke und fühl mich fein,
schieß in die Vögel im Kirschbaum rein,
mit meiner Knarre hol ich sie heim,
hab’n Feuer im Bauch
und‘n Feuer im Kopp,
immer höher hinaus,
bis der Tod mich stoppt.

Adelheid im kurzen Kleid,
wuchs nicht hoch, sondern breit,
Mama sagt, sie’s ehrlich, so wie Mütter sind,
Papa denkt, sie’s hübsch, aber er’s fast blind,
lässt sie nicht viel raus, im Dunkeln nur,
mir is’ wurscht, ich kann nichts dafür...

Wo die Sonne scheint
auf das Haus am Rand der Mark,
und das Jungvolk springt über‘n Teer,
wo die Sonne scheint
auf das Haus am Rand der Mark,
harte Zeiten, kommt hier ja nie her!

Bruder Klaus hängt den Fiesen raus,
zu sagen hat er nüscht,
hat ne kleine Frau, die er jede Nacht stößt,
doch jetzt ist ihm entwischt.
Letzte Nacht im Suff
kickt er Mama von der Treppe,
aber mir gehts gut, mir is wurscht.

Wo die Sonne scheint
auf das Haus am Rand der Mark,
und das Jungvolk springt über‘n Teer,
wo die Sonne scheint
auf das Haus am Rand der Mark,
harte Zeiten, kommt hier ja nie her!

Noch’n klein’ Stachelbeerwein,
bin um die Ecke und fühl mich fein,
schieß in die Vögel im Kirschbaum rein,
mit meiner Knarre hol ich sie heim,
hab’n Feuer im Bauch
und‘n Feuer im Kopp,
immer höher hinauf,
bis der Tod mich stoppt.

Musik: Newman/Foster, Text: Newman

Die Finnin

18 Uhr 12 Abflug Casablanca,
18.15 Abflug Reikjavik,
es gibt Reisende, die warten seit Stunden,
andern reicht der letzte Augenblick.
Und noch andere halten die Koffer
so fest wie Kinder, nicht wie Gepäck.
Stehn eine Weile mit an den Schaltern,
gehn leise seitwärts, bleiben zurück.

Flugplatz Tegel, die Abflughalle,
Reiseträume am Tor zur Welt,
und zum Verstecken die Zwischenräume,
wenn kein Plan mehr hält.

Sie wirft den Mantel um ihre Schulter,
winkt einem fitten Sporttaschenherrn,
bittet ihn um Zigarette und Feuer,
und einer Dame gibt er es gern.
Sie ist gelandet und hier geblieben,
wann und warum, es ist ihr passiert,
der Polizist, der grad fragt, ob denn alles okay ist,
meint nicht Glück oder Leid, sie wirkt auf ihn nicht verwirrt.

In der Abflughalle, vor den großen Reisen,
man kann verschwunden sein im Geschehn,
kann untertauchen auf viele Weisen
in dem Kommen und Gehn.

Jemand bohrt ihr den Blick in den Rücken,
sie spürt es im Glas einer Schönheitsboutique,
schielt im Windschatten von fremden Schultern
in diese Augen, die sie kennt - ein Riesenschreck.
Jetzt einfach weitergehn, hinter ihr Schritte,
schneller laufen, plötzlich abdrehn,
sie kennt sich gut aus in den Seitengängen,
und niemand folgt, es ist gar nichts geschehn.

Flugplatz Tegel, die Abflughalle,
ein Schatten löst sich vom Tor zur Welt,
hier fliegt man los, hier geht man nicht in die Falle,
wenn kein Plan mehr hält.

„Hier ist ihr Foto, hab sie gesehn grad,
ich bin ihr Arzt dort, wo sie eigentlich lebt: Und jetzt nennen Sie mir einen Grund, warum man den Wunsch ihrer Angehörigen missachtet und diese offenbar gestörte Frau nicht gleich jetzt zurück in meine Obhut gibt!“

20 Uhr 17 Abflug Barcelona,
20:20 Abflug Helsinki,
sie sieht den Zeiger, wie er im Kreis läuft,
den leeren Schalter, und sie denkt: Nie.
Oder was denkt sie? Beim dritten Anlauf
gaben die Behörden sie dann endlich heraus.
„Das hier ist doch die Fremde“, sagte der Seelenarzt, der sie abholte,
„das hier ist die Fremde, aber jetzt geht’s nachhaus.“

Ich find ja, sie wäre eine gute Ehrenbürgerin
für unsere gastliche Stadt Berlin.
Die Finnin

2010 © M.M.

Steglitz (Lichtenberger Nr. 10)

Neuerdings dreh ich morgens früh oft ne Runde. Weil mir langweilig ist. Meiner Enkelin gehts genauso, nur zieht sie stundenlang durch die Nacht. Morgens begegnen wir uns im Flur. Ich frag: „Na, wiedermal Mitleids-Kreise gedreht?“, und sie sagt „Falls du jetzt midlife-crisis sagen wolltest, die kommt viel später. Das merkst du dann gar nicht mehr. Dann bist du schon voll dement.“ Nette Worte.
Draußen hupt die Alarmanlage eins dieser Monsterfahrzeuge, die neuerdings hier im Vier-tel auftauchen. Wie früher die Nachtwächter geben sie alle fünf Minuten ihr Warnsignal ab. Während der neureiche Fahrer mit Schlafmaske seinen Rausch auspennt.
„Na, einen Coffee to go“, fragt die Aushilfe in der Eckbäckerei und löst einen Plastikbecher vom Halter. „Malventee“, sag ich leise, weil ich weiß, dass es Tee noch in Tassen gibt. „Und ein paper to read“, ich zeig auf den Zeitungsständer, aber das versteht sie nicht. Mein Englisch ist ja mit jedem elektronischen Gerät, das ich hatte, besser geworden. Ich mach ein Foto von ihr mit dem Smartphone, dann zieh ich weiter zum Rodeliusplatz, Finanzamt für Körperschaften, die fangen immer noch im Morgengrauen an. „Was sind eigentlich Körperschaften“, frag ich den Pförtner, der sagt: „Sehn Sie was?“ Ich schüttle den Kopf. „Na sehn Sie - Gespenster sind das, Gebilde und Zahlen, meist rote...“ „Na, das woll‘n wir aber auch hoffen hier in Lichtenberg“, nick ich verständnisvoll und mach auch von ihm ein Foto. Im Weitergehn fällt mir auf, dass ein junger lockiger Mann ihn anspricht, der Pförtner wehrt ab. War diese Locke nicht schon in der Bäckerei?
Je mehr man sich Richtung Rathaus und Ringcenter vorarbeitet, desto mehr stülpt sich die internationale Fremde über unser Viertel. Fahrradrikschas, Ciabatta-Happen, Werbezettel-punks, solarbetriebene Dachgeschosse. Die neue Stadt wie ein Riesendampfer, der seine Wellen voraus wirft. Nichtmal den Ostalgieramsch gibt es noch, was davon ist noch meins? Ein Schild ‚Freiheit für alle‘ - mein eigener Handytarif. Der Verkäufer, den ich unter seiner Parole fotografiere, läuft mir dann nach. Zeigt auf den Lockigen, der in der Menge verschwindet. „Wissen Sie, was dieser Herr grad gefragt hat: Ob er Sie in meinem Namen wegen des Rechts am eigenen Bild abmahnen dürfte?“ Ich versteh kein Wort. Weiß nur, dass ich weg will.
Irgendwo ganz nach innen, um wieder raus zu sein.
Irgendwo in die Fremde, um wieder zuhaus zu sein.
Paar Tage später sitzt dieser Lockige bei uns zuhause und frühstückt. Meine Enkelin hat ihn aufgelesen. Ich fotografier ihn und frage dann: „Ist jetzt die Abrechnung fällig?“ Er lacht verlegen: „Abmahnung. Dafür gehts mir heut früh zu gut. Da will ich nicht gleich beruflich werden.“ „Was sind Sie denn? Sowas wie’n Knöllchen-Polizist?“ „Ich bin Anwalt. Und uns Anwälten gehts wie den Taxifahrern, wir sind zu viele.“ „Und nur die cleversten kommen ans große Geld“, sag ich verständnisvoll, „wie bei den Ärzten, wo die begabtesten ja au-tomatisch zu Schönheitschirurgen werden, weil man nur damit Kohle macht. Aber jetzt wird das Gesundheitssystem so umgebaut, dass auch der Schönheitschirurg sich mal was anderes leisten kann, bald wird ein Blinddarm so lukrativ sein wie ein fettabgesaugter Arsch...“ „..und der Mediziner kann wieder dem Volke dienen“, ergänzt der Lockige ernst, „so wie wir Anwälte, dank der Abmahnjobs. Der Staat sorgt für uns.“ “Wo stehst du poli-tisch, Junge!?“, frag ich. „Ich war früher Maoist, später Grüner, jetzt bin ich mehr für mich selbst...“ „Klingt nach ner logischen Entwicklung“ sag ich, „aber du meinst es ernst?“ Er streckt mir die Hand hin: „Ja. Und so heiß ich auch.“
Zwei Tage später nimmt mich meine Enkelin beiseite und meint: „Ich glaub, es wird ernst mit Ernst.“ „So schnell?“, frag ich etwas beunruhigt. „Opa, was lange währen soll, muss doch schnell gehn - hast du immer gesagt...“ Manchmal nerven mich meine eigenen Sprüche. „Nur ein Zimmer ist jetzt zu wenig“, stellt sie fest, „Ernst kann seins ja schlecht mitbringen aus Steglitz.“
Steglitz. Ganz Westwestberlin. Ich schau mir das erstmal auf Google Earth an. Stoße mich vorsichtig ab bei uns, die Weltkugel wird kurz ganz klein, und dann lande ich in diesem fremden fernen Steglitz. Nicht, dass ich Berührungsängste hätte, ich war nur nie da. Sieht auf street view gar nicht mal übel aus, Heese-Ecke Südendstraße, schick überhaupt nicht. „Die Leute rauchen dort auf der Straße“, sagt Ernst angewidert, „und sie trennen keinen Müll.“ „Er kämpft für ein rauchfreies Europa“, erklärt meine Enkelin stolz, und ich denke: Vielleicht doch gar nicht so übel, dies Steglitz. Wir sitzen beim Abendbrot. Ernst sagt: „Ich muss auf Arbeit“, er hat ein handygroßes Messgerät in der Hand. „Er sucht jetzt nach offenen w-lans“, sagt meine Enkelin, „mit dem Gerät findet er die Halter, die mahnt er dann ab. Offene w-lans sind nämlich verboten“, erklärt sie, „wegen der Pornografie und so...“ „Gut, dass bald alles verboten ist, zumindest im Internet, nur das Schnüffeln danach bleibt erlaubt“, sage ich, „ich dachte, das hätten wir hinter uns.“ „Was wir hinter uns haben, ha’m wir auch vor uns, sagst du doch immer...“ Ich mach ein Foto von den beiden und geh auf die Reise.

Von dem kleinen Balkon in Ernsts Wohnung in Steglitz schaut man auf eine Bäckerei, die mit Glühwürmchenlicht um sich wirft, wenn es dunkel wird. Drinnen steht: Bon Apetit, Dol-ce Vita und Carpe Diem. Nichts Englisches. „Drushba würde noch passen“, sag ich der schmalen Verkäuferin, die eine Zigarette hinter’m Rücken versteckt. Sie bringt mir Filter-kaffee in einer Tasse. Kaffeesahne ist aus. Ich fühl mich daheim wie daheim. Hab kaum Zeugs mitgenommen, wohne im Leeren, es gefällt mir so. „Ich bleib weg“, schreib ich dem jungen Paar, meine Enkelin simst zurück: „So schnell?“, aber ich antworte nicht. Ich erkunde die Gegend, laufe durch die selbständige politische Einheit. Es ist wie vor 30 Jahren, das alte Westberlin, wo keiner Angst haben musste, ganz unterzugehen. Wie damals bei uns. Es war der Pfahl im Fleisch, unser liebster Feind, und deshalb jetzt viel näher an mir dran als der moderne Riesendampfer, der natürlich auch hierhin vom Zentrum her vor-dringt. ‚Rauchfreies Europa - ganz großes Tennis‘ sims ich dem jungen Paar und druck alle Fotos aus, die ich bisher gemacht hab. ‚Abgemahnte Gesichter‘ könnte die Ausstel-lung heißen.
„Was war das für tolle Musik gestern nacht“, fragt mich die schöne Bäckerin am nächsten Morgen. „Oh, meine Ernst-Busch-mp3s, wars zu laut?“ Sie wohnt unter mir. „Überhaupt nicht. Erinnerte mich an zuhause. Mein Vater war Fahrdienstleiter bei der westberliner S-Bahn. ‚Du bezahlst Ulbrichts Stacheldraht‘ schrieben die Nachbarn an unsre Wohnungstür. Und jetzt“, ruft sie, schließt den Laden einfach ab und hat mich eingehakt, „ zeig ich Ihnen unsere Schlossstraße, die ist so hässlich, es schüttelt einem das Herz vor Glück.“ Wir betrachten ein leerstehendes Hochhaus, das Kreisel heißt, prächtig in seinem Asbest-verfall, staunen über die Restruine vom Kaufhaus Wertheim. Dann dreht die Bäckerin mich an der Schulter, hält mir die Augen zu, ruft ‚Überraschung‘ - und zwischen Würstchen-buden und einer Schnellstraßenbrücke seh ich - den Bierpinsel. „Das hätten sie auch bei uns bauen können“, ruf ich fassungslos. „Ich vergleichs immer mit Neuschwanstein“, jubelt sie, „als ich noch beim Finanzamt war, kam ich täglich im Morgengrauen hier vorbei, und so schlecht ich auch gelaunt war, dieses Monsterbaby hat mich jedesmal zum Lachen gebracht.“ „Finanzamt?“, frage ich. „Finanzamt für Körperschaften am Funkturm.“ „Was sind Körperschaften“ - ich schau die Bäckerin an. „Na, dazu ist es jetzt noch zu früh“, lacht sie, „von der Uhrzeit her, und vom Kennen. Wir siezen uns schließlich noch.“
Abends hören wir dann Musik und löffeln Rumtopf. „Was denkst du“, fragt die Bäckerin. Ich sage:
„Manchmal muss man wohl durch ne Krankheit, um wieder auf Posten zu sein, und manchmal muss man wohl ziemlich weit westlich, um wieder im Osten zu sein.“ Aber dann tutet die Alarmanlage von einem dieser Monsterautos draußen. Na, mach dir nichts vor, denk ich. Und sie sagt: „Lass deine Sprüche mal stecken.“

2010 © M.M.

Wikileaks

Nachricht, die das Schweigen bricht,
was versteckt war, kommt ans Licht,
was verschwiegen, wird gesagt,
obs wen stört, wird nicht gefragt.
Lügen, die ein Scheckbuch deckt,
Hass, der lächelnd sich versteckt,
Abgründe des neuesten Kriegs -
all das zeigt uns Wiki-Leaks.

Wiki-Leaks, Wiki-Leaks,
all das zeigt uns Wiki-Leaks.

Westerwelle aggressiv,
arrogant und doch naiv,
kein Bock auf Außenpolitiks,
all das zeigt uns Wiki-Leaks.

Ganz Irland steht zum Sparen an,
die Banken gut verdienen dran,
die Feier ihres kleinen Siegs
verdirbt bestimmt bald Wiki-Leaks.

Wiki-Leaks, Wiki-Leaks,
all das zeigt uns Wiki-Leaks.

Hunderttausende Datein,
zieht sich das denn jemand rein?
Such du die Nadel, die da piekst
im Heuhaufen von Wiki-Leaks.

Was abgetan als Phantasie
und Verschwörungstheorie,
wers besser wusste, der verschwiegs:
jetzt steht es bei Wiki-Leaks.

Erzähl ruhig dem US-Konsul,
wer versoffen, doof und schwul.
Wenns dich betrifft, dann wägs und wiegs,
denn weiter reicht es Wiki-Leaks.

Wiki-Leaks, Wiki-Leaks,
all das zeigt uns Wiki-Leaks.

Die Fussballwelt mal einig war,
gar keiner will nach Katar,
doch der Scheich jubelt: Ja, ich kriegs!
Warum, steht bald bei Wiki-Leaks.

Wiki-Leaks, Wiki-Leaks...

Die Bourgeoisie liebt den Verrat
und hasst Verräter - ein Spagat
für Assange und seine Freaks
von der Plattform Wiki-Leaks.

 

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