Biografische Baustellen

BIOGRAFISCHE BAUSTELLEN
(Skizze von 1996)

Als Kind im Westen Berlins gut Freund mit sämtlichen Kohleträgern, weil sie so wunderbar dreckig sein durften.
Lieblingsspiel: Eisenbahn – nicht fahren, sondern selber eine sein, quer durch die Wohnung und bis zur Kohlenhandlung.
Mit 9 aus der elterlichen Bibliothek eine überdimensionale Brücke gebaut und dabei den Roman „Fluß ohne Ufer“ von Hans Henny Jahnn in die Finger gekriegt: erstes Vorbild.
Mit 15 beim Wettauchen in der Havel von DDR-Grepos aus dem Wasser gefischt: „Nu, Jungchen, diss iss de Stootsgränze!“ Seither von späterer Wiedervereinigung überzeugt.
Mit 17 höllisch verliebt in die Tochter einer der Kohlenträger – radikale Weltbildveränderung, nicht nur gegenüber diesem Berufsstand.
Ein Jahr später erstes selbstverdientes Geld als Rudi-Dutschke-Double. Von Embryo im Bauch einer Mitdemonstrantin deutlich als „mieser Altachtundsechziger“ beschimpft – schwere Selbstzweifel.
Auf den Spuren des verschollenen Komponisten G. A. Horn in den Wäldern Nordkanadas, Nebenerwerb als Charlie-Chaplin-Double. Von selbstgeführtem Axthieb verletzt in einen Krankenwagen verfrachtet, dessen Fahrer auf den Serpentinen der Rockies derart in Trance geriet, daß er durchbrauste bis an die südliche Westküste der USA. Endgültiger Maschinenschaden in Malibu. Inspirierte Sommernacht mit Bob Dylans Gärtnerin. Zweite Liebe, zweites Vorbild.
In den Siebzigern Literaturforschung und erstes Lied: „Ich wäre so gerne ein Zug“. Unvergeßliche Auftritte zwischen Havanaghila und Cocaine. Erste selbstproduzierte LP „Rotz und Räume“. Kurz darauf von dem österreichischen Trommler Schreckenegger für das Labyrinth der Profi-Unterhaltungsbranche entdeckt. Angebot als Faßbinder-Double gnadenlos abgelehnt.
Aus einem Interview jener Tage: „Warum singen Sie manchmal so dreckig?“ – „Das ist eine Kohlefrage.“
Mit der Tochter eines Heizöllieferanten ein halbes Jahr auf der Insel Kreta. Dann begann die tägliche Arbeit.
Neulich in der U-Bahn die deutliche Stimme eines Embryos aus dem Bauch einer Mitfahrenden: „Du wirst mir mal sehr viel bedeuten.“