Ende der Nacht

Ende der Nacht

Liebe (kann man lernen)(2004)

Reise nach Binz (2002)

Besser dran (2004)

Wie für immer (2004)

Nicht früher (2002)

Ende der Nacht (2004)

So gut tut das Leben (2003)

Der Verfall (2003)

Hochbegabtentrakt (2002)

Kleine Dose (2003)

Herrlich traurig (2001)

Liebe kann man lernen (2003)

 

Ende der Nacht – Auftragstexte und Unveröffentlichtes

Neues Lied (2001)

In der Nachbarschaft 3 (2002)

Urpferde (2002)

Der Meisterbrief (2002)

Hochwasser (2002)

Leistungsträger (2002)

Segelt fort (2002)

Es geht (2003)

Mr. Parkinson (2003)

Hammer-Song (2003)

Ich leg ’ne Line (2003)

Nichts bleibt steh’n (2003)

Zeit (2004)

Schlimm (2004)

In diesem Land (2004)

Regierender Klaus (2004)

Gesine (2004)

Brooklyn Promenade (2005)

Ich will dich so quälen wie ich’s tu (2005)

Marie (2005)

Kleines Eiland (2005)

Whou (2005)

 

Liebe (kann man lernen)

Wenn niemand dich mehr findet
und treu ist nur der Schmerz,
mit festem Knoten bindet
Erinnerung dein Herz –
vier Wände sind behangen
mit ferner Zeiten Glück,
sie halten dich gefangen
und bringen nichts zurück.

Doch Liebe kann man lernen,
von den Schatten zu den Sternen
wie von den Nächsten zu den Fernen.
Liebe kann man lernen.

Diese Weite drückt dich nieder,
dein Weg ein kleiner Kreis
aus Zahlenkettengliedern,
der nichts von Zukunft weiß.
Bist so dankbar zu vermissen,
willst in den Sturm nicht gehn,
wo fremde Lippen küssen
und dich zwei Augen sehn.

Doch Liebe kann man lernen,
von den Schatten zu den Sternen
wie von den Nächsten zu den Fernen.
Liebe kann man lernen.

Und was dir vorher immer nah war,
wird dann vielleicht herrlich fremd und klar.

Liebe kann man fangen
vom coolen Blick bis zum heißen Verlangen,
von den Schatten bis zu den Sternen.
Liebe kann man lernen.

Musik: M.Maurenbrecher, Text: Andreas Albrecht / M.Maurenbrecher

 

REISE NACH BINZ

Leere Geschäfte, Flaute am Bau,
Ämter und Kassen zocken wie Sau,
der Dax testet die Marke von 2.500 Punkten.
Ein Mann sagt zu seiner Frau: “Ich war am Boden und bin noch gesunken.”

Nur in Binz auf Rügen
lebt es sich schön,
in Binz auf Rügen
gibt’s ein Wiedersehn,
Da lacht die Kellnerin: “Was soll ich denn mit den Groschen Trinkgeld?
Ist mir eher unbequem auf der Hand , das ganze Kleingeld,
geben s’es doch dem Bäcker, der braucht sowas, ich jedenfalls lass das liegen…”
Glückliche Menschen in Binz auf Rügen.

Bahn läuft Amok, Lufthansa sackt ab,
Telekom, Mobilcom, alles schlapp,
die Bfa schreibt sich selbstständig eine Entlassung.
Frau sagt zu ihrem Mann: “Wenn ich abtauch gleich, trag’s mit Fassung.”

Nur in Binz auf Rügen,
da flutet das Licht.
In Binz auf Rügen,
da sorgt man sich nicht.
Da kommt der Koch aus der Küche: “Mein Salat soll nicht gut sein, mein Lieber, was muss ich hören? Hör’n se mal, das ist mein Chefsalat, den mach ich seit 30 Jahren so, immer’n paar Möhren, paar grüne Blätter, n’bißchen Huhn. Meditier’n Sie mal drüber: Mehr woll’n Sie ja gar nicht kriegen…”
Heiteres Treiben in Binz auf Rügen.

Hausbank streikt, verweigert Kredit,
verweist aufs Leihhaus, das gehört ihr gleich mit.
Auf einer Parkbank singt ein ukrainischer Opernstar Lieder.
Mann sagt zur Frau: “Ziemlich dunkel hier unten, erkennst du mich wieder?”
Strand im Mondschein, Wellen enorm,
der Kurdirektor joggt sich in Form,
denkt auf der Mole: “Das Universum ist ziemlich weit oben.”
Frau sagt zum Mann: “Hast du auch das Gefühl, wir wer’n doch noch mal hochgeschoben?”

Ja, in Binz auf Rügen
gibt’s ein Wiedersehn,
in Binz auf Rügen,
da lebt es sich schön.
Da kauft der Liebhaber seiner Liebhaberin den Bernstein und legt ihn ihr gleich an, 2000 Euro, “na klar geht das bar”, sagt er voller Elan, und sein Wachsgesicht auf dem Weg zum Geldautomat möchte lügen.
In Binz auf Rügen.

Da schaut der Kurdirektor ins Wasser und denkt: „Was’n das, so völlig hilf – und atemlos, bestimmt noch ohne Kurtaxe gezahlt zu haben, und so völlig nass?“
Und dann nähert er sich langsam dem Mann und der Frau, die wie Strandgut
da liegen –
herzlich willkommen in Binz auf Rügen.
Herzlich willkommen.
Im Paradies.
Ostseebad.

Musik & Text: M. Maurenbrecher

 

Besser dran

Zwei Wochen Urlaub, Taxi steht bereit,
Gepäck gestapelt, knapp die Zeit,
die Straßen voll, der Fahrer ein Jongleur,
der weiß, ein Auto fliegt nicht,
doch der Glaube fällt ihm schwer.
Einfahrt zum Flughafen, Vorfahrt gradeaus,
es schießt von rechts ein zweites Taxi raus,
kurze Wettfahrt und dann bremsen, eh es kracht,
da hat der Fahrer nur entspannt gelacht:

Es ist immer einer da, der’s besser kann,
immer einer da, der ist jetzt besser dran,
wenn du selbst so werden willst, dann fang jetzt besser an,
doch garantiert ist einer da, der das noch besser kann.

Madame beim Check-In, Cocktail in der Hand,
mit ihrer Weste polyglott und elegant
sagt einem Herrn bei dem In-der-Schlange-stehn
direkt auf deiner Höhe ohne herzusehn:
“Vielleicht weiß niemand hier so gut wie ich
bescheid in Ihrem deutschen Steuerrecht”.
Du kamst dir mächtig mutig vor mit deiner Kontoführung,
jetzt hörst du stundenlang von Subventionsverlustaddierung.

Es ist immer einer da, der’s besser kann,
immer einer da, der ist jetzt besser dran,
wenn du selbst so werden willst, geh etwas kesser ran,
doch garantiert ist einer da, der das noch besser kann.

Verhangener Nachmittag, karibischer Hafen,
Gepäck nicht ausgepackt, den halben Tag verschlafen,
erster Spaziergang über pittoreske Felsen,
Kinder mit Waffen von den Zeh’n bis zu den Hälsen,
gejagt von Banden, dievon Menschenrechten sprechen,
man hat den Eindruck, diesen Text würd’n sie erbrechen.
Der Trupp mit Totenkopf – Regierungsbattaillon,
und der mit Strumpfmasken als Opposition.

Denn es ist immer einer da, der’s besser kann,
immer einer da, der wär jetzt besser dran,
wenn du wirklich dahin willst, fang mit nem Messer an,
doch garantiert ist einer da, der das noch besser kann.

Gedrückte Stimmung, willst ihr nicht erliegen,
eine Dame des Hotels signalisiert: Du kannst mich kriegen,
du lädst sie ein, alles machst du schön,
es gefällt dir so wie ihr, sie lacht sehr angenehm.
Dann sagt sie: “Niemand hier weiß vielleicht so gut wie ich
bescheid in Ihrem deutschen Steuerrecht.”
Ihr hört von draußen,wie die Schüsse peitschen.
Du sagst: “O ja. Das könnt’ mich reizen.”

Zwei Wochen Urlaub, Rückflug wie gehabt,
zuhaus am Rüdi aus der U-Bahn rausgetrabt,
der ferne Bürgerkrieg, alles gut gegangen,
nur kurz vor deinem Haus ha’m deine Füsse sich verfangen
in nem Klumpen Blätter, nem Haufen Hundescheiße.
So endet auf der Notaufnahme deine Reise.
“Beinbruch”, sagst du und klopfst auf Holz.
“Und Halsbruch auch”, keucht dein Bettnachbar ganz stolz.

Es ist immer einer da, der’s besser kann,
immer einer da, der ist jetzt besser dran,
wenn du’s selbst erleben willst, dann häng dich besser ran,
doch garantiert ist einer da, der das noch besser kann.
Immer einer da, der’s besser kann,
immer einer da, der ist jetzt besser dran,
bis der nächste kommt und geht noch etwas kesser ran –
wenn du das weißt, bist du schon mal etwas besser dran.

Musik & Text: M. Maurenbrecher

Wie für immer

War der erste Moment gleich,
unter den Tamarisken,
wo ich wusste: Es wird nicht einfach,
aber das – das muss einfach werden.
Ich seh unser Tavlispiel, wie um ein Leben,
und dann hör ich ein Telefon klingeln
zwanzigmal neben dem Bett,
auf dem wir uns lieben
(auf dem ich zwei Stunden vorher gesagt hab:
„Oh – sind wir nicht nur Freunde?“).
Es haben ganz andere Telefone geklingelt,
kamen ganz andere Jahre.
Ist so, als wären das völlig verschiedene Menschen,
die beiden, an denen wir kratzen müssen,
bis du und ich daraus hervorgehn.
Jetzt räum ich die Gläser weg,
mische die Neigen im Abfluss,
5 Meinungen zu Hartz 4 –
jetzt, wo der Besuch weg ist,
die zivile Eskorte,
entscheidet sich, wie die Nacht wird.
Gehn wir jeder zu sich?
Rennen wir gegen die Wand?
Oder finden wir diese verborgene Tür,
die sich nach da öffnet,
wo wir nach tasten?
Sich für uns öffnet manchmal,
für die paar Spiele,
wie um ein Leben,
für deine Stimme in meinem Ohr –
wie für immer.

Musik & Text: M.Maurenbrecher

Nicht früher

Wo am Ende der Straße das Brachland beginnt,
Stahlrohre rosten,
wo, was in ihnen floss, in den Erdboden rinnt,
und Gifte mosten,
wo ein Stahlrohrsofa mit den Sprungfedern winkt:
Komm lass dich nieder –
wart ich und schau in die Sonne, die sinkt.
Und es wird nicht früher.

Hier war der Ort aus Licht, Marmor und Glas,
die große Passage,
wo du mich ansprachst, den Gutschein mir gabst,
und dein Blick war Rage.
Hab dich niemehr gesehn, das Gebäude fiel ein,
Spötter und Sprüher
gaben schon damals die Widmung dem Stein:
Es wird nicht früher.

Hier war der Ort für Tricks, Handel und Glück,
mitten im Leben –
wofür zog sich das von uns heimlich zurück,
was soll es geben?
Wo am Ende die Straße dem Boden sich neigt,
aufhört dafür,
fahre ich unter der Sonne, die steigt.
Und es wird nicht früher.

Musik & Text: M. Maurenbrecher

 

Ende der Nacht

Bin zwischen Cottbus und Halle
in nem Kastenmobil,
die Zigaretten sind alle,
und die kosten so viel.
Die Pappe verloren,
die Heizung verreckt,
den Motor um die Ohren,
und die Zeit rennt mir weg.
Es ist der 24.12.,
die Hoffnung war groß,
doch diese Ladung Blautannen,
werd ich die jetzt noch los?

Ob langsam oder ob schnell –
am Ende der Nacht
wird es doch wieder hell.

Das Geld, das hier drin steckt,
kommt noch nichtmal von mir,
und der Reservekanister
ist für die Rückfahrt von hier,
und der Förster von Gorzow,
der will auch seinen Schnitt,
hab ihm versprochen: ein Wireless
Lan bring ich mit.
Ich muss so schnell wie möglich nach Halle,
hab mich irgendwie vertan,
hab geglaubt, erst am Wochenende
fängt Weihnachten an.

Ist die Zeit auch ein wunder Gesell –
am Ende der Nacht
wird es doch wieder hell.

Da ist ne Stromschnelle vor mir,
wie in nem Fluss,
vor dieser Baustelle staut sich
nur, wer es muss.
Jungs, ich komm in die Parkbucht,
nehm mir heute nacht frei,
genug Holz für ein Feuerchen
hab ich dabei.
Manche Laster stehn friedlich,
andre wippen im Takt –
da holt sich wohl jemand
sein Weihnachtsgeld ab…

Ob Parkplatz oder Hotel –
am Ende der Nacht
wird es doch wieder hell.

Die Sonne weckt alles,
der Himmel so klar,
ein Denkmal aus Blech,
wo mein Lastwagen war.
Neue Freunde am Feuer,
mal warm und mal kalt,
ha’m zusammen gesungen
vom Blautannenwald.
Nur ein Reifen blieb übrig,
ich roll ihn durchs Gras –
bergauf ist es mühsam,
bergab macht es Spaß.

Ob langsam oder ob schnell,
ob traurig oder ob grell,
allgemein oder speziell –
am Ende der Nacht wird es doch wieder hell.
Am Ende der Nacht wird es doch wieder hell.

Musik & Text: Andreas Albrecht & M. Maurenbrecher

 

So gut tut das Leben
(Gracias a la Vida)

So gut tut das Leben,
hat mir die Augen gegeben,
die für mich wie zwei Sterne
schaun in die Nähe und Ferne,
auf das Schwarze und Weiße,
all die Farben dazwischen,
auf das Helle und Trübe,
Himmel nachts, aufgerissen,
Blicke unzähliger Menschen,
und die von dem, den ich liebe.

So gut tut das Leben,
hat mir zu hören gegeben
Glocken an frühen Tagen,
Regen und Türenschlagen,
Grillen, Bellen und Surren,
das Geheul der Motoren,
Wasserfall, Lederhiebe,
nächtliches Schluchzen und Gurren,
flüsternde Stimmen von Fremden
und auch von dem, den ich liebe.

So gut tut das Leben,
Worte und Töne, die geben
Halt meinen klaren Gedanken,
dass die mich führ’n und nicht wanken,
wenn ich das Gute und Böse
sehr getrennt seh und nicht löse,
nicht zueinander es schiebe,
nicht das Licht mildre und trübe,
klares Licht dem, den ich liebe
und dem Weg seiner Seele.

Ich danke dem Leben,
hat diesen Gang mir gegeben,
Schwung meiner müden Füße,
durch die Städte und Wüste,
über steinige Scharten,
durch die Pfützen zur Küste,
die wollten nie lange warten,
kamen durch so viele Türen,
kamen durch noch mehr Straßen,
streiften dein Haus und Garten.

Und so gut tut das Leben,
hat mir das alles gegeben,
Weinen und auch das Lachen,
um mir dies Lied hier zu machen,
Trauer und Glück für’s eine,
gemeinsam und doch alleine,
ob ich jetzt ging oder bliebe,
ein Lied von allen genommen
für alle, oder für keine,
und auch für den, den ich liebe.

Musik & Text: Violetta Para –
Eigene dt. Fassung: Manfred Maurenbrecher

 

Der Verfall

Ein liebreizender Oktobertag. Ich hatte einen Gutschein für ein Doppelzimmer, Wochenende im Romantik-Hotel, Wellness und Frühstücksbufett, ich hatte Heike dazu eingeladen, die isst gern mal romantisch, und ich kenn sie seit immer, obwohl sie wohl auch nicht mehr die tolle Schalmeienspielerin ist, die ich im Traum manchmal in ihr seh.

„Dieser Gutschein war letzten Monat gültig – ist also praktisch verfallen,
und eine Nachricht ist auch nicht für Sie da, soweit ich’s überblicken
kann“, sagte der Mann an der Rezeption, ich sah mich selbst hinter ihm in einem Spiegel, kristallen – und da war noch jemand mit im Raum, der schaute mich grüßend an und sagte:

„Von hier aus bis ins All,
mein Name ist Verfall.“

Keine besonders angenehmen Empfindungen, die dieser Name zunächst bei mir auslöste, ich dachte an den japanischen Yen, das Solidarprinzip oder auch Afghanistan, ich dachte natürlich auch an mich, und von meinen Impulsen war der, einfach wegzugehn, erst einmal der größte, doch dann sah ich die Kraft und die Ruhe in den Augen dieses geheimnisvollen Fremden, und ich fing langsam zu verstehen an.
Dieser Mann sagte sehr liebenswürdig: „Meine Tätigkeit mag Sie vielleicht am Anfang erschrecken – ich räume um. Schon, wenn alles sich erst entfaltet, bin ich dran. Auch das sehr Schöne und das ganz Stabile könn’ sich durch mich
erst entdecken – und wenn Sie glauben Sie wären am Ende, dann fängt Ihre Reise erst an.
Entschuldigen Sie, wenn hier im Romantik-Hotel vielleicht etwas pathetisch werde, aber:

Für die Harmonie im All
überall Verfall!“

Ohne Vorwarnung geht die Türe auf, und Heike rauscht rein, völlig unverstellt, mit ihrer Schalmeienbrosche auf der Brust ist sie heute halb Dame, halb Abenteurerin. Mit offenem Mund starre ich auf ihre Lippen, die sie in gespieltem Ernst schamhaft verschlossen hält, und ich wollte es nie, aber weiß doch, dass ich ihnen schon längst verfallen bin.

„Von hier aus bis ins All:
Meine Name ist Verfall
Für die Harmonie im All
überall Verfall!“

Er gibt nie auf und wirft nie hin,
scheut nicht zurück und flüchtet nicht,
kennt keinen Zweck und keinen Sinn,
fragt nicht nach Arsch oder Gesicht.
Gibt nie groß an und nie klein bei,
lässt sich von keinem Protz bestechen,
braucht nur sich, nie Zauberei
um einen Widerstand zu brechen.
Was fest sitzt, das macht er frei,
wie nebenbei aus alt mach neu.
Von hier aus bis ins All:
Es regt sich der Verfall!

Musik: Andreas Albrecht & M. Maurenbrecher, Text: Joachim Ballert, &
M. Maurenbrecher

 

HOCHBEGABTENTRAKT

Drüben am Abhang,
bunt vor Dreck,
roh und wild wie andre in dem Alter,
jetzt laufen sie weg,
ja, das sind zwei davon,
frei im Gelände,
man sollte meinen: Ganz normale Straßenjungs,
doch der eine komponiert im Kopf wahrscheinlich grad ne Fuge,
und der andre denkt den Satz von Freiheit und Notwendigkeit zuende.

Und da das popelnde Mädchen,
schmal wie ’ne Dachlatte,
in ihrer linken kleinen Faust n Böller,
in der rechten kleinen Faust ne Ratte,
seit vier Stunden ist sie draußen ohne Anregung,
hat schon ein Rentnerpärchen umgelegt,
und doch beim Drehen ihrer Runden der These einer prästabilisierten Harmonie der Welt ein weitres Argument hinzugefügt.

Wir wissen das alles,
wir lesen hier ihre Gedanken,
und was so wirken mag wie Wildwuchs,
ist das Erlernen von Schranken.
Könnte unsre Welt nicht doch besser sein,
wenn sie ihr Fortschreiten stoppte?
Als eine Antwort fiel uns dies Gelände hier ein,
eine Neue Schule für Hochbegabte.

Und wir sehn die Last so vieler schwerer Tage
eintauchen leicht in die Nacht.

Zum Beispiel dies Rollenspiel an der Dönerbude,
original aus Südbrandenburg nachgebaut,
zwei Skins, eine orientalische Bedienung,
die Szene wie aus einer Sozio-Dokumentation herausgeklaut.
Wir unterrichten hier eine spätere Machtpolitikerin reinsten Wassers
und zwei mögliche Wirtschaftsbosse, die vor ihr stehn,
und woll’n aus den drei’n einfach mal das Gefühl rauskitzeln,
ob nicht bestimmte Dinge, die man vom Leben will,
auch ganz ohne jeden Karriereaufwand gehn.

Jedes Land hat seine Ordensschulen, Militärakademien,
und es war immer ein natürliches Bedürfnis der Eliten,
sich dem Mob zu entziehn.
Wer von unten bis ganz oben aufsteigt,
der erlebt dabei die Pracht der wachsenden Macht –
wir schicken die jungen Genies in das Leere rein,
dass vielleicht irgendwann einmal keiner mehr was macht!

Sehen Sie z.B. da, dieser gutmütige lange Lulatsch,
wohnt wie bei sich zuhaus hier in ner Wellblechhütte,
und wie bei sich zuhaus macht er gern mal mit seiner kleinen Schwester rum,
für die beiden ist das Sitte.
Der rechnet Ihnen blitzartig alle Kernspaltungs-Eckdaten hoch, wenn man ihn lässt,
wir lassen ihn manchmal, nicht immer.
Was denkt er grad, sehn Sie:
„Lutsch nochmal“, das steht da, das denkt er grad,
und weiter – komm’ Sie näher ran, hier auf dem Bildschirm –
ich lese:
„Der frühe Vogel fängt den Wurm“, das denkt er,
„aber die zweite Maus kriegt den Käse…“

Und wir sehn die Last so vieler schwerer Tage
eintauchen leicht in die Nacht.

So komm, ich roll mal einen. Die Sonne geht schon unter. Mach den Zoo dicht
für heut. Ah komm, lass sie schreien, gehört mit zum Programm, gehört
zum Training. Ja, lass sie toben, lass sie schrein – komm zieh, und dann gib
weiter.
Guck mal da, n’letzter Rest Sonne – grad noch zu sehn.

Musik & Text: M. Maurenbrecher

 

KLEINE DOSE

In jener Zeit ging es mir gut,
schlenderte oft ohne Eile
durch die Stadt, und Langeweile
war mir fremd.
Sah zum Park die Leute gehn,
Spiel und Tanz auf allen Wegen,
wagt’ es, mich dazuzulegen,
ungehemmt.

Und zog dich, kleine Dose,
aus dem Hemd oder Hose,
hatt dich damals gern lose
bei mir.
Machte Plopp, kleine Dose –
ab ging’s ins Schwerelose,
und ich trank auf die Rose
mit dir.

Du machtest vielen Menschen Mut,
man konnt’ dich so gut zerpressen,
konnte dabei leicht vergessen,
wer man ist.
Trat dich gerne gerne mal im Zorn,
und das wird jedermann begreifen,
es sei denn, er ist ein Streifen-
polizist.
Schau da, das Punkerpaar im Park,
haben grad heftig gestritten,
lieben sich jetzt, wie sie litten,
kleine Zauberin und böser
Anarchist…

Doch was fehlt, ist die Dose
für ihr Glück, die Pfandlose,
Glas und Plastik sind wie Rosen
aus Papier.
Bist aus Blech, kleine Dose,
hattest Pech, Politik wirft dich weg,
oh, ich träume von dir.

Ja, ich hatte dich so gern,
dieses Zisch in meinen Ohren,
das den Krach aller Motoren
mir verbarg.
Die Epoche ist bald fern –
warf dich vom Dach gewaltbereit los,
und glaubte doch, du wärest zeitlos
wie die Mark…

Jetzt sag ich tschüss, kleine Dose,
und aus Hemd oder Hose
zerr ich Plastik, und ich trinke den Schnaps pur.
Träume süß, kleine Dose,
auf dein Grab eine Rose,
oh mir ist, als stürb mit dir ein Stück
Natur.

Musik: Andreas Albrecht, M.Maurenbrecher, Text: Joachim Ballert, M.Maurenbrecher

 

HERRLICH TRAURIG

An einem grauen Regentag auf dem Polenmarkt. Ein Mann hat Gartenzwerge aufgebaut, die er verkaufen will. Ein kleines Wachsfigurenkabinett: Marylin Monroe mit wirbelndem Rock, ein Exhibitionist mit weit aufgerissenem Mantel, in einer Rotte fahlgrüner Aliens Miles Davis mit seiner Trompete, und direkt neben dem Verkäufer eine barbusige Nixe. Leider sind bisher kaum Kunden aufgetaucht – aber eigentlich ist das dem Verkäufer auch ganz egal, er fühlt sich heute so wie in Trance, wie in einer Mangel drin, die sich angenehm dreht, und seinen Figuren geht es genauso…
Denn direkt nebenan, am nächsten Stand, werden CDs verkauft, selbstgebrannte mit Hits, und das junge Pärchen, das dort jobbt, kifft und knutscht seit dem frühen Morgen. Und weil sich so wenig tut, haben sie den CD – Player auf Repeat gestellt, und weil der Chef ihnen gesagt hat: Lasst tagsüber aber kein’ Techno laufen, läuft jetzt Enya, tierisch laut, seit 3 Stunden Enya Enya Enya…

Hier komm ich, dir zur Freude,
gestern wie heute:
Herrlich traurig.
Sing mit mir diese Töne,
ist ja das Schöne,
weiter brauchts nichts.
Wir sind doch beide gern bereit
für eine kleine Traurigkeit,
bei all den Bildern unsrer Zeit,
mich macht das selig, tut mir leid.
Und deshalb sing mit mir die drei Töne hier,
warte nicht auf vier,
ich tu’s auch nicht.
Jetzt komm und glaube mir, deiner Melodie,
bitte vergiss mich nie:
So herrlich traurig.

„Ist das aber schön!“, ruft eine Dame, die sich grade noch mit ihrem Begleiter gezankt hat, und starrt dabei auf den Exhibitionisten. „Nur keine falsche Scham“, höhnt ihr Typ, aber sie schüttelt den Kopf und lacht: „Ich meine doch die Musik, Holzbock.“ – Der Verkäufer sagt verlegen: „Ich hab natürlich auch andere Objekte.“ Er schiebt die Aliens ein bisschen vor. „Gibt’s hier auch andere Musik“, fragt der Begleiter der Dame plump und reisst sich den obersten Kragenknopf auf, „das hier, das ist ja, puh…“ – „Das ist das Paradies“,
sagt da plötzlich Miles Davis und staunt selbst, dass er nicht mehr in der Sprache der Gartenzwerge redet – „Das hält man ja im Kopf nicht aus, das Gesülz“, entgegnet der plumpe Typ, und Miles nickt begeistert: „Das Paradies, sag ich ja, wer würde das im Kopf aushalten?“
Da bemerkt der Verkäufer, wie jetzt alle lächeln und wieder in Trance verfallen, die Aliens, Miles, die Nixe, aber auch das Paar, das sich gestritten hat. Ihm fällt ausserdem auf, dass um den Stand herum doch auch noch andere Kunden im Kreis stehen geblieben sind, so starr und freundlich alle – er weiß garnicht, waren die vorher schon da, sind die grade erst gekommen? – jedenfalls spielt die Musik und spielt und spielt…

Ich brauch nur die paar Töne,
ist ja das Schöne,
mehr brauchst du auch nicht.
Hier bin ich, deine Melodie,
komm, und vergiss es nie:
So herrlich traurig…

‚Ja, scheiß dämlich‘ – da marschiert plötzlich eine ziemlich üble Rotte von jungen Männern über den Platz. Sie haben mal wieder nichts vor, sie fühlen sich mal wieder reingelegt, alle weichen ihnen aus – typisch, hier ein Tritt mit dem Stiefel, keiner mag mich – „hey kuckt ma da, Zwerge und Bimbos, laß uns da ma hin, die warten nur auf uns…“ – und irgendwie schon mühsamer schleppt sich der Tross zum Stand mit den Figuren, gerät in den Dunst der Musikwolke, läuft in das Lied rein:

“Ich und du, kleine Melodie,
fick dich doch selbst ins Knie,
jedenfalls ich machs auch nich,
jetzt komm und sing mit mir die drei Töne hier,
was issn das für ne Scheisse?”

‚Sie laufen wie in einen Lichtkegel‘, denkt der Verkäufer, und Marylin ruft: „Hey Jungs, relaxt, schaut doch erstmal mich an!“ Eigentlich ist ihre Befriedungsaktion aber gar nicht nötig. Die jungen Männer fangen von selber an zu grienen, ein bisschen dankbar, ein bisschen treu-dumm, ’wie sie wahrscheinlich auch sind, diese Nervensägen’, denkt der Verkäufer und gesteht sich zum ersten Mal, dass hier etwas passiert, das er gar nicht richtig begreift. Die Rotte der jungen Männer jedenfalls ist glücklich erstarrt. ‚Man könnte die CD jetzt vielleicht abstellen‘, denkt der Verkäufer, ‚das knutschende Pärchen drüben würd‘ es wahrscheinlich gar nicht merken, und für’s Geschäft wärs doch gut…‘
Da hat sich der schmalste der Aliens fortgeschlichen. Keinem ist es aufgefallen, weil er dermaßen schlanke Bewegungen macht, dass sie wie Sonnenlicht wirken.
“Ich nähre mich ja auch von Sonnenlicht”, murmelt der Außerirdische, “und möchte deshalb endlich von jemand gekauft werden, den ich unterweisen
kann in der Kunst der Hungerns. So kauft mich doch hier nie jemand.” Schon
ist er bei dem knutschenden Pärchen, stellt den CD-Spieler auf Stopp, reibt
sich die winzigen Händchen…
„Mongos. Bimbos“, knurren die jungen Männer und wachen sofort wieder auf. „Nur keine falsche Scham“, höhnt der plumpe Begleiter und will seine Dame gegen den Exhibitionisten schubbsen. „Halt“, ruft der Verkäufer und schielt hilfesuchend zu Miles und Marilyn – aber beide zeigen überhaupt keine Reaktion mehr – Gartenzwerge, Plastikware billigster Machart, noch nichtmal richtige Wachsfiguren sind das. ‚Oh nein‘, denkt der Verkäufer…
Aber da, weiter weg, vom übernächsten CD-Stand kommt wieder das Lied. Irgendwer auf dem Polenmarkt spielt es immer. Der süße Nebel. Die Mangel, die sich so angenehm dreht. Alle Anwesenden erstarren sofort wieder in Trance. „Ich sollte sie“, denkt der kleine Verkäufer, „vielleicht alle als meine Wachsfiguren anbieten, allles meine Waren…“ – Er findet sich gerade sehr clever – da hört es endgültig in ihm zu denken auf.
„So ist das Paradies“, sagt Miles Davis, „genau so!“

Und deshalb folge mir, deiner Melodie,
bitte, verlach mich nie,
das wär schaurig.
Stattdessen sing mit mir die drei Töne hier,
und warte nicht auf vier,
ich tu’s ja auch nicht.
Wenn einer fragt, wie’s war,
dann sag: Wunderbar,
und was noch besser war:
Herrlich traurig.

Musik & Text: M. Maurenbrecher

 

Liebe kann man lernen

Moni war Vernunftkind, die Eltern 68ger,
die ihr mit fünfeinhalb schon sagten, dass sie sexy wär.
Am meisten mochte Moni damals Mamas Freundin Isabell,
doch die zog weg und lachte: Kleine, sowas wie mich vergisst du schnell.
Geld war nie wirklich ein Problem, wenn es auf der Kommode lag,
man sagte: Nimm, es liegt ja da dafür – peinlich ist nur, wer fragt.
Doch Mamas neue Männer war’n oft ziemlich grell und blöd,
während Daddy jeden zweiten Tag vorlas, was in der Bibel steht.
Da war sie selbst längst draußen, stand am Markt, wo Wind über
das Pflaster weht,
und sang zwischen den Punks und Pennern ihr erstes eignes Lied:

„Liebe kann man lernen,
von den Schatten bis zu den Sternen
wie von den Nächsten bis zu den Fernen.
Liebe kann man lernen.“

Da kamen Leute dran vorbei, die ha’m nicht im geringsten zugehört,
ha’m sich nur satt gesehn an ihr –
sie hat das nicht gestört.
Es war der Winter des Alleinseins, Kant Ecke Uhland, Mitte der Achtziger,
die Eltern auf Polartrip der westberliner Atomkraftgegner,
es war ihre Zeit mit Marco, dem jungen Ledermantelmann,
der sagte: Moni, singen kannst du, aber kalkulierst du auch? Darauf kommts an.

Sie strahlte ab, keiner bekam den inneren Krieg zu sehn,
sie würde unberührt und gradeaus auf jede Bühne gehn,
würde sich drehn zu einem Playback unter den Kameras für den Grand
Prix –
sie hatte sich ganz nackt gemacht – erreicht hatt’ sie sich nie
(sie würde singen):

„Liebe kann man lernen,
von den Nächsten bis zu den Fernen,
wie von den Schatten bis zu den Sternen.
Liebe kann man lernen.“

Und als der Preis gewonnen war,
saßen Millionen Menschen still,
denn diese Welt war ein Moment so wunderbar,
wie eine junge Frau das will.

„Liebe kann man fangen,
vom heißen Blick bis zum coolen Verlangen,
man kann die Liebe
nur niemals zwingen,
kann ihr nur Demut entgegenbringen.“

Und was in einem Jahr hochschießt,
stürzt in dem anderen ab –
für Moni blieb nichts mehr, was es noch
zu entdecken gab.

Die Container im Frankfurter Flughafen sind im Juli besonders schlimm,
da in der Hitze warten abgeschobene Flüchtlinge wochenlang und sehn in
nichts mehr Sinn,
da sind die Folterer, Dealer, Bestecher, die Anwälte und die Vermittler,
da ist grad eine Messerstecherei, ein Schwarzer mit Schlagring preist Hitler,
zwei reissen ihn runter, ein Arzt flöst was ein und misst sein Herz,
jemand winkt ab, eine Nonne drängt sich vor und beugt sich seitwärts,
sie steckt dem Gefangenen einen Zettel mit der Nummer von einem Anwalt zu,
dann geht sie freundlich beiseite. Ey das Lied, das sie pfeift – das kennst du:

„Liebe kann man lernen,
von den Schatten zu den Sternen
wie von den Nächsten bis zu den Fernen.
Liebe kann man lernen.
Liebe kann man fangen,
vom coolen Blick bis zum heißen Verlangen…“

Musik & Text: M. Maurenbrecher

 

NEUES LIED

Die CD ist fertig, doch es fehlt darauf ein Lied,
eins, zu dem es nicht mehr kam, eins, dass man übersieht,
weils nie einer zu brauchen oder zu vermissen schien,
nicht das vollständigste Archiv mit Liedern aller Zeiten hats mit drin.

Wär dieses Lied ein Mensch, an dem würde der Spruch wahr,
daß kein Wesen ganz auf sich gestellt jemals lebensfähig war.
Ich stell mit manchmal gerne vor, daß dieses Lied schon existiert,
aber nie hat es jemand gesungen, nie hat es sich jemand angehört,
und doch ist es für sich da – als etwas, das da klingt,
ich hoff ja immer, daß es, wenns gebraucht wird, einmal ‚Hier‘ schreit
und sich dann selbst vorsingt…

An dieses Lied hat vielleicht (bis auf mich) überhaupt nie einer gedacht,
es kommt auch nichts darin vor bisher, wird nicht geweint oder gelacht,
es fällt niemandem ein, wenn man zusammensitzt und sich fragt,
‚Was könnten wirn jetzt mal singen?‘, und keiner hatn Vorschlag,
außer ‚Wir lagen vor Madagaskar‘, aber dazu hat nie einer Lust,
oder ‚Norwegian Wood‘, aber die Melodie hat dann keiner gewußt –
dies Lied ist auf gewisse Weise wie ein Menschenrechtsfall,
in der puren Existenz negiert, Herausforderung total.

Ich stell mir Leute vor, die behaupten, für das Recht
von diesem Lied würden sie Länder bombardieren,
und andere, die daraus schließen, in diesem Lied müsste mindestens
was mit Pipelines und Weltmärkten passieren…

Aber ich will nicht ausweichen, auf andere Themen übergehen:
Das Recht von diesem Lied, dabeizusein, sollte außer Frage stehn,
grad eben noch ein Embryo, für eine Abtreibung zu dick,
– was man an Mühe reinsteckt, heißt es, kriegt man an Liebe ja zurück -,
ich muss mich also aufraffen, das abstrakte Ding mit Leben füllen,
denn ob dies Lied gesungen wird, hängt leider ab von meinem Willen,
und dieser Wille, ihm, dem Lied, die nötige Kraft zu schenken,
hängt wieder ab von der Kraft, mir dies Lied jetzt endlich auszudenken

und dann zu singen bei Gelegenheit, auf die CD kams ja nicht rauf –
zu singen bei Gelegenheit,
zu singen bei Gelegenheit –
vielleicht ist das ja grad passiert – und deshalb höre ich gleich auf.

IN DER NACHBARSCHAFT (3te Fassung)

Der Brief flattert vom dritten Stock in den Hof,
„wenn ihr das lest, bin ich endgültig fort“, steht da drauf,
und einer Frau am Toreingang wird das Herz schwer,
und wieder steht eine Wohnung mehr leer
in der Nachbarschaft.

Freitag is’n Totschlag, Samstag is’n Fest,
‚Hinterm Horizont gehts weiter‘, summt der Streifenpolizist
und fängt dem Skinmädchen vom Rechtshilfeverein
ihr kleines zahmes Frettchen mit der Stiefelspitze wieder ein
in der Nachbarschaft.

Da tobt ne Skaterralley um den geschlossnen Handyshop,
und an der Taxenhalte spiel’n sie seit Tagen Doppelkopp,
nur die Pfarrerswitwe fährt wie täglich rüstig mit dem Rad
ihre gleiche alte Strecke in das herrlich leere Hallenbad
in der Nachbarschaft.

Paar sehr junge Damen trampen in die Innenstadt,
der Imbißmann kriegt einen einen Schein zum Wechseln, den er noch nie
gesehen hat,
und die paar Abendsterne, die grad eben aufgehen,
die sind zum Bleiben zu düster, aber zum Fortgehn zu schön
in der Nachbarschaft.

‚berliner Sparfassung‘ für das MF-Programm im März
02

Gesang der drei Westberliner Polizei-Urpferde

Kurz nach dem Krieg wars,
und schwach Mensch und Tier,
zwei Regierungen gab es,
die Aliierten war’n vier,
und ich trabte mit vielen
auf einen Platz vorm Reichstag,
wo ein heiserer Mann
den einen Satz geschrien hat,
er rief: ‚Pferde der Welt,
schaut auf diese Stadt!‘

H: Anfang der Sechziger
war’s für mich schön –
am Schloß Bellevue
in einer Sommernacht stehn,
zum großen Empfang von John F. Kennedy,
direkt neben mir eine Stute aus Old Tennessie –
Jungs, diese Nacht,
die vergesse ich nie.

B: Ich traf die härteren Kaliber,
sag ich mal so,
z.B. die Christiane F,
auf ihrem Weg zum Bahnhof Zoo,
und ich schaute kurz mal zu ihr rüber,
hab wohl ihr Elend gesehn,
doch es war für mich ein Teil der Arbeit,
so wie der Abend mit dem Schah von Persien,
67 vor der Deutschen Oper –
es war nicht alles nur schön.

alle: So viele Namen,
ein Kommen und Gehn,
von Willy Brandt
bis zu Franz Amrehn,
von Walter Sickert
bis zu Marilyn…
H: … oder auch Helga Goetze,
die seh ich immer noch da stehn,
an der Gedächtniskirche wie vor dreißig Jahren…

M: Unter den Linden
und hoch zu Ross,
quer durch die Menge
vor das neue Stadtschloss,
und mit dem neuen Stadtschlüssel
in die preußische Akademie…
wenn dieser Tag erstmal gekommen ist,
dann vergess ich den nie…

B: … wenn dieser Tag erstmal bezahlt ist…

H: Solche Tage wirds nicht mehr geben. Es ist kein Pfennig Geld in den Kassen.
Für Schlösser nicht, für Stadtschlüssel nicht, und schon
gar nicht für Pferdehalfter. Wenn wir diese Stadt wirklich mögen,
dann sollten wir uns freiwillig schlachten lassen, im Ernst…

B: Aber hallo…

M: Also ihr seid ja drauf… Da könnten wir doch einfach auch weggehen
– zum Beispiel der Ronald Reagan, bei seinem zweiten Besuch hier, da hat der
mich mal ganz nett beiseite genommen und hat mir ins Ohr geflüstert: Wie
wärs denn, du kommst mit mir mit auf meine Prairie, mein Kleiner – Ach
der Ronald Reagan, das war ein toller Pferdeflüsterer… Was macht der
jetzt eigentlich so? Hab ich vergessen…

H: Oder der Boris Jelzin, der hat mich mal mitnehemen wollen in die Tundra…
Der roch irgendwie ganz ähnlich wie der Landowski, der Borsi Jelzin…

B: Oder Prinz Charles. Der hat mich ja mal gefragt, ob ich mit ihm Polo spielen
wollte in England…

H: Eine schöne Idee. Oder in Neuseeland…

M: Geht auch Australien?

B: Ja, sicher. Aber eins, das ist ja klar

alle: Wohin wir auch laufen,
wohin wir auch ziehn,
das Schlimmste von allem,
Berlin bleibt Berlin.

März 2002, mit Horst Evers und Bov Bjerg

Der Meisterbrief
( ‚Hombug‘ von Procul Harum)

Da schwebt ein Ton im Kirchenschiff,
der flüstert: Wo bist du?
Der Küster fegt den Beichtstuhl aus
und schlägt die Bibeln zu.

Die Bilder der Verzweiflung
im Fenster hinter’m Altar,
sie legen eine Spur ans Licht,
wo grad noch dein Schatten war.

Aus Stunden werden Jahre,
aus Morgen – Abendrot.
Auch Leben ist nur ein Handwerk,
und den Meisterbrief schreibt der Tod.

Ein letzter Schluck als Abendmahl,
es riecht nach nassem Stein,
die Kerze flackert dir noch nach,
der Organist schläft ein.

Ist er hier, nahmst du ihn mit dir fort,
den Blick, so ängsteschwer?
Das Tor, das uns nach draußen führt,
geschlossner als vorher.

Aus Stunden werden Jahre,
aus Abend – Morgenrot.
Auch Leben ist nur ein Handwerk,
und den Meisterbrief schreibt der Tod.

Frag mich, wo ich hin will,
und dann frag mich, wo ich wohn.
Engel haben manchmal Heimweh,
doch sie fliegen nie davon.

© Ballert & Maurenbrecher Juni 02

 

HOCHWASSER (High water)

Hochwasser schwillt an, schwillt bei Tag und Nacht,
alles, was du greifen kannst, wird nicht mehr bewacht,
der Chef vom alten Hauptbahnhof sieht am Dom den Fluss
und weiß: Nur eine Handbreit noch,
nichts bleibt auf trocknem Fuß.
Den Fahrplan dreht er um.
Hochwasser drumherum.

Hochwasser schwillt an, bis Autos Klumpen sind,
Versicherungsleute flüstern lange Zahlen in den Wind,
und eine alte Mutter schiebt die Tochter unter’s Licht:
„Du tanzt, mit wem du’s gesagt bekommst,
oder du tanzt gar nicht.
Und guck jetzt nicht so dumm.“
Hochwasser drumherum.

Die Ärztin kommt im schnellen Boot, der Fahrtwind färbt ihr Wort:
„Hey Junge, schwing dich rüber, wirf die Plünnen über Bord,
wir fahr’n am alten Schloss vorbei, ich schreib dir ein Gedicht,
dass stärkste Kerle umhau’n könnt, doch ich schreib es für dich.
Und frag mich nie, warum.“
Hochwasser drumherum.

Hochwasser schwillt an wie der Reporterchor,
hält Nachbarn, die sich helfen, Scheinwerfer und Mikros vor
an irgendeinem Beckenrand, der mal Wohnzimmer war:
Jetzt gib dem alten Mann die Hand, denn sonst ertrinkt der ja –
Bildstörung, Sendung um.
Hochwasser drumherum.

Der Kanzler kommt in Stiefeln, sein Konkurrent schlapp hinterher,
verspricht den blauen Himmel, Geld und andre Wunder mehr,
beschwört den Charme des Neuanfangs, die Jugend am Sandsack –
„Hör’n Sie sich auch mal selber zu?“, das wird er da gefragt
und dreht sich lächelnd um.
Hochwasser drumherum.

Der Reiher ist ein stolzes Tier, der Geier fliegt was tiefer,
und wer die Zukunft austeil’n darf, das ist der Wirtschaftsprüfer.
Wenn der Plündrer nachts loszieht, da ist die Bank noch dicht,
und wenn man ihn morgens gefasst hat, macht der Kassierer da drin grade Licht
und fragt: „Brauchst du Kredit?“
Hochwasser hält ihn fit.

Irgendwann mal nimmt es ab, die letzte Welle rollt,
jemand, der sich für Gott hält, ruft: „Das hab ich nicht gewollt!“
Ein Popsänger in Döbeln wird vor den Fluten interviewt
und denkt: „Was für die meisten schrecklich ist, ist für manche
doch auch ganz gut.“
Da rekelt sich der Fluss nochmal und sagt sowas wie: Komm.
Hochwasser drumherum.
Hochwasser ist nicht dumm.
Hochwasser drumherum.

LEISTUNGSTRÄGER
(Let’s spend the Night together)

Da wapp da wapp da wapp da wapp ((3mal))
Mein Saab ist alt und meine Frau ist jung, oh wei
Da wapp da wapp da wapp da wapp
so’n Risiko kriegt keine Förderung, oh wei
da wapp da wapp da wapp da wapp
ich wohn in nem Schloss, das mir nicht gehört
mir nicht gehört
meine Exfrau hat den Traum zerstört,
doch jetzt bin ich frei frei frei

Komm spend für Leistungsträger,
komm stärk die Neiderreger,
komm spend für Leistungsträger,
wow.

Da wa da wapp da wapp da wapp (2mal)
Ich seh mein Kind nie, doch ich setz es ab, au wei
Da wa da wapp da wapp da wapp
bürokratische Fesseln bring’ mich ins Grab, au wei
mein Grafiker, zehn Jahre dabei
zehn Jahre dabei
ich sag ihm: Steh auf, und dann setz ich ihn frei,
und der Staat tut nix –

Komm spend für Leistungsträger,
komm stärk die Neiderreger,
komm spend für Leistungsträger.

Wo wär’n die kleinen Leute,
ahuhh
dieses Sozialstaats Beute,
wo all die Schornsteinfeger,
und auch die Fliesenleger?
ahuhh
Du gingst längst baden, Meute,
baut Barrikaden, Leute,
und nennt uns Neiderreger,
wir sind die Leistungsträger,
hier komm’ die Leistungsträger, wow…

Da wa da wapp da wapp da wapp (2mal)
Ich reit auf meiner Mühle immer schneller rein in die Stadt
komm spend dem Leistungsträger
will sehn, ob nicht noch irgendwas da drinnen Wachstum hat
verpiss dich, Steuerjäger
Mein Betrieb ist so gut drauf, den liebt die Bank
die liebt ihn blank
die liebt nur mich nicht –das macht mich krank
Komm spend für Leistungsträger
Ämter und Vorschriften.
Verpiss dich, Steuerjäger
Und der Staat steht dabei und tut nix.
Beschütz den Neiderreger
15 mal Übergangsgeld?, könnte knapp werden –
Komm spend dem Leistungsträger
drei Millionen? – na damit find ich mich dann meinetwegen ab.

Wo wär’n die kleinen Leute,
ahuhh
dieses Sozialstaats Beute,
wo all die Schornsteinfeger,
und auch die Kammerjäger?
ahuhh
Du gingst längst baden, Meute,
baut Barrikaden, Leute,
kämpft für den Neiderreger,
rettet die Leistungsträger,
hier komm’ die Leistungsträger, wow…

Da wa da wapp da wapp da wapp
Aber n richtiger Startup wär natürlich schöner gewesen.
Da wa da wapp da wapp da wapp
Und natürlicher auch. Wachstum, wie in der Natur. Alles blüht, alles
öffnet sich.
Da wa da wapp da wapp da wapp
Aber für so’n Risiko macht sich hier natürlich keine schlappe
Hand stark –
na, meine Frau ist jung, nur mein Saab ist alt…

 

Segelt fort (Sail away)

In Amerika ist es ein Genuss,
nicht so wie hier in dem Dschungel, nicht so nackt und bloß,
sondern man singt dort von Jesus und dazu trinkt man den Wein,
es ist ne ganz große Sache, Amerikaner zu sein.
Gibt nicht die Löwen und Tiger, giftiges Schlangenversteck,
gibt süße Wassermelonen, leckeres Hafergebäck,
jeder ist glücklich dort drüben, wie man es nur sein kann,
jetzt springt an Bord, kleine Hüpfer, gleich fängt die Reise an.

Segelt fort. Segelt fort.
Kommt mit mir quer übers Meer, bald sind wir dort.
Segelt fort, segelt fort,
wenn die Bucht von Charleston naht, dann sind wir dort.

In Amerika kann jeder sich frei traun,
sich um sein eignes Zeug zu kümmern und was aufzubaun,
ihr werdet froh sein wie die Affen in dem Affenbrotbaum,
ihr werd’ ein Teil sein von dem amerikanischen Traum.

Segelt fort. Segelt fort.
Kommt mit mir quer übers Meer, bald sind wir dort.
Segelt fort, segelt fort,
wenn die Bucht von Charleston naht, dann sind wir dort.

Sail away. Sail away.
We will cross the mighty ocean into Charleston Bay.
Sailaway, sail away,
we will cross the mighty ocean in to Charleston Bay.

Dt. Text: MM (nach ‚Sail away’ von Randy Newman 1974)

Es geht

Ich trinke niemals vormittags,
ich trink auch nie allein,
doch wenns so trüb ist wie heut früh,
sag ich mir: Nie soll man nie sagen –
Ich setz mich vor den Flatscreen,
schalt die Lampe ein
und träum, ich ging über die Grenze
weit in die Ferne rein.
Ich war fast erwachsen mit siebzehn,
bin Ende Zwanzig einmal beinah durchgedreht,
jetzt, wo die Straße so breit ist,
weiß ich: Es geht, es geht, es geht, es geht…

Meine Frau hat’n Job bei der Kirche,
Multikulti bleibt ihr Traum,
sie hat’n Segelboot, den Vorstand bei ‚Kinder in Not’
und jede Menge Raum.
Ich schreib an meinen Artikeln,
als hätt ich die Welt gesehn,
meine Meinung gilt, in mei’m Büro hängt’n signiertes Schild

’Shit happens, Wunder geschehn’. R.Augstein

Ich war fast erwachsen mit siebzehn,
bin Mitte Dreißig einmal beinah rausgeweht,
jetzt, wo kein Schiff und kein Sturm ist,
weiß ich: Es geht, es geht, es geht, es geht…
Ein Freund von mir ist Kommentator beim Radio,
erklärt mir lang das Problem, in dessen Zeichen sein Kommentar heute steht,
ich frag ihn: „Wieviel Zeit hast du dafür?“ Er: „O:45“,
ich: „Schaffst du nie“, und er sagt: „Du hat ja recht, aber…
wirst sehn, es geht…“

Gestern traf ich mich mit einem Lehrer,
wie tolerant soll man eigentlich noch sein,
die mussten nie raus in die Wirklichkeit, die sind unkündbar,
nichtmal Leistungskontrollen hat der Verein.
Aber war der Klassenlehrer von meinem Jüngsten,
deshalb musst ich etwas freundlicher sein,
und ich glaub auch nicht, dass das stimmt, dass den kein Gymnasium mehr nimmt
mit seinen Zensuren. Meinen Sohn? Nein…

Ich war fast erwachsen mit siebzehn,
bin Mitte Vierzig einmal komplett quergedreht
und weiss seitdem: Es ist eine Frage der Klamotten,
wie kalt der Wind eindringt, der von vorne weht…
Treff einen Kollegen aus der Redaktion nachts um eins vor dem Cinemaxx
und starr auf die junge Mitarbeiterin aus meinem Büro, die bei ihm steht.
Was hat mich mehr irritiert: Ihr Flirt oder dass sie vielleicht was gegen mich
aushecken?
Ich sag nur kurz im Vorbeigehn: „Die Welt ist klein. Wie man sieht.“


Man muss gefühllos sein, wenn man den Druck nicht wahrnimmt,
sie schicken dich mit einer kleinen Abfindung aufs Land:
’Zeitungssterben’ – alle Spatzen pfeifen es von den Dächern,
und all meine Kollegen springen hoch und hätten gern die Spatzen in der
Hand…

Ich trinke niemals vormittags,
ich trink auch nie allein,
doch wenns so trüb ist wie heut früh,
hilft mir der dunkle Wein.
Ich denke an den Schlag auf den Irak,
es wär so schick, mit all den Promis jetzt zu sagen: Nein –
und es ist nicht nur der Scheck in meiner Jacke mit der hohen Zahl,
der mich schreiben lässt: „Aus Selbstachtung des Westens –
es muss sein…“

Ich war fast erwachsen mit siebzehn,
bin vor einem Jahr noch einmal beinah abgedreht,
weil ich gespürt hab, dass da etwas drinnen in mir feststeckt –
jetzt weiß ich: Es geht stattdessen, ja, es geht, es geht, es geht…

Text: MM März 03, nach dem Modell von ‚Der Altlinke’, 1977

Mr. Parkinson

Wir glaubten viel zu lange, die Welt ist ungerecht,
wir sahn, das Glück ist gar nicht fair verteilt,
und uns lähmte der Gedanke, jeder Mensch ist schlecht –
doch was früher war, das ist schon längst verheilt.

Denn dann kamst du, Mr. Parkinson,
setzt den Hobel an und machst uns froh,
who who who,
kennst kein Tabu, Mr. Parkinson,
zeigst uns, relativ sind Freud und Weh,
hey hey hey…

Der Klaus war unser Klassenclown, kein Kind von Traurigkeit,
und Lachen war bei ihm schon garantiert,
doch ganz im Innern hielt er sich für eines nur bereit:
Den Freund, den man im Leben nicht verliert.
Für Anna waren Männer schon immer viel zu kalt,
nach Liebe stand ihr Sinn zu jeder Zeit,
mal wollt’ sie lieber sanft sein und mal liebte sie Gewalt,
das Schicksal hielt für sie auch was bereit.

Denn da kamst du, Mr. Parkinson,
schüttelst dich nur kurz und sagst ’Hallo’,
who who who,
sie sagt: ’Juchhu, Mr. Parkinson,
ich zeig dir jetzt im Heim mein Separée,
hey hey hey…

Text: Achim Ballert & MM, Musik: ’Mrs. Robinson’
(Paul Simon)

Hammer – Song (If I had a hammer)

Gebt mir nur’n Hammer,
ich bring ihn in die Studios
von Sabine Christiansen
und Pfarrer Fliege auch,
ich hau ihn in die Kameras,
die formatierten Radios
der Gedankenschrottmacher,
Ideentotlacher –
von Jauch bleibt kein Hauch

//Dafür hammer einen Hammer //
Das wär’n echter Hammer,
voll drauf auf die Quoten,
statt Gejaul und Gejammer:
’Hämmer die Idioten’:
Ich hämmerte zu Sirup
den Clement und den Rürup,
ich hämmerte von hinnen Elmar Brandt,
Kai Pflaume und von Sinnen
oh ho –
//Dafür hammer einen Hammer //

Ein Moment von schlichter Ergriffenheit in der Johannes–B-Kerner
–Show heute abend. Ein weit über 70gjähriges Rentnerpärchen
hat soeben am Moderationstischchen Platz genommen, er an Gedächtnisschwund
leidend, sie von Inkontinenz geplagt. In einfachen Worten, vom Moderator zupackend
befragt, erklären die beiden: Ja, sie seien bereit, bei vollem Bewusstsein
zu sterben, zu einer vom Ted ermittelten gemeinsamen Lieblingsmusik, aus dem
Leben zu scheiden, und zwar jetzt gleich, als Vorbild und Beispiel, um der Gemeinschaft
aller Versicherten willen, und um sich selbst zu erleichtern, zur Kostendämpfung…
Ernst nicken der JU-Vorsitzende Mißfelder, Grünenvertrerin Scheel,
Superminister Clement und Philosophiedesigner Sloterdaik in die Runde: So sieht
er also aus, der neue eigenverantwortliche Typ Übermensch. Während
er noch mit dem Päckchen Tabletten spielt, das er gleich weiterreichen
will, sagt Johannes B. Kerner gedankenverloren: „Über solch eine
Konsequenz jetzt zu lachen, also das fände ich tödlich“…
Superminister Clement hält es nicht mehr in seinem Sessel: Mit diesen Beiden,
ruft er aus, schaffen wir den Durchbruch vom Museumswärter des alten Europa
zum Schulterschluss auf Augenhöhe mit dem jungen Amerika –
Aber was ist das? Plötzlich greifen sich die Gäste an ihre Köpfe:
Sie sinken darnieder, sie zerbröseln, in tausend Pixeln,einer nach dem
andern…

Einfach nur’n Hammer,
der schafft schon was weg,
und dazu noch ne Sichel
für den Dreck auf’m Weg.
Sichel, schau, wer steht da,
ist das nicht der Schröder?
Hammer, schau, was duckt da vorn?
Breuer, Kopper und Mehdorn.
Oh ho.

//Dafür hammer einen Hammer //
Und dann hörn wir eine Glocke,
weit weg, für gute Ohr’n,
ist da das Ziel, bei der Glocke?
Nee, n’Anfang nur von vorn.

Mit dem Hammer Hand in Hand
geht ein feiner Ton durchs Land,
und der Ton ist ein Lied
vom Hammer, von Victor und von Pete:
Dafür hammer einen Hammer
gegen Räuber wie Stoiber
Dafür hammer einen Hammer
gegen Ferkel wie Merkel
Dafür hammer einen Hammer
und den Schundt von Hundt
Dafür hammer einen Hammer
auf die Bälle Westerwelle
Dafür hammer einen Hammer
und den Koch ab ins Loch
und auf Pinochet
Dieser Schlag kommt nie zu spät
und ein Schlag geht quer
auf Tony Blair
und die Welt gibt den Tusch
zu dem Hammer auf Bush
und jetzt wer’n wir selbst zum Hammer

Auf ’If I Had a Hammer’ (von Pete Seeger authorisiert)
Dt. Text MM & Diether Dehm, Sommer 03

ICH LEG NE LINE

„Ich find es schwierig, auf der Welt zu sein,
es macht mich traurig, und ich bin allein,
und wenn ich ehrlich bin wie jetzt, macht mich das klein –
muss nicht so sein, ich leg ne line.

Mein alter Hochschullehrer sagte zu mir: Du,
du bläst viel heiße Luft, doch alle hör’n dir zu,
du könntest glatt ein Meinungsführer sein –
leg dich ins Zeug, ich leg die line.

Wer hat mein armes Herz denn so verstellt?
Es träumt von Tugend, doch es denkt an Geld
und glaubt, es wär der Mittelpunkt der Welt –
ich möchte schrein, ich brauch ne line.

Der Tag war hart, mein Talkgast dumm,
der eitle Lafontaine, am Ende war er stumm,
doch ihr, ihr Täubchen im Hotel, ihr müsst nicht schüchtern sein

die Nacht wird fein, ich leg ne line.

Warum ich ausgerutscht bin, hat man mich gefragt.
Weils draußen glatt war, hab ich nicht gesagt,
sondern: Jetzt kommt die Zeit zum öffentlich Bereun –
was eigentlich? Egal – ich spürte nur, es musste sein.

Doch es ist schwierig hier auf dieser Welt,
die Leute hör’n nicht zu, und nur die Pose zählt,
nur der Brillante merkt, wenn ein Brillanter fehlt.
Fehl ich euch nicht? Jetzt lasst mich wieder rein…“

Du hörst ihn reden, und du denkst nicht viel,
das Fernsehn auszumachen, ist das erste Ziel,
und dann was singen, wird das beste sein,
irgendwas, das nichts damit zu tun hat,
z.B. ’I walk the line’:

„I keep a close watch on that heart of mine,
I keep my eyes wide open all the time,
I tie the ends up from the ties that bind,
because you’re mine, I walk the line.“

T: MM, Musik: I Walk the Line (Johnny Cash)

 

 

Zeit, Zeit, Zeit

Zum Kommen und Gehn
Zeit Zeit Zeit
Zum Hören und Sehn
Zeit Zeit Zeit
Garnichts auf der Welt wird ewig dauern
Um etwas zu drehn
Zeit Zeit Zeit
Was Fremdes verstehn
Zeit Zeit Zeit
Selbst Wind und Wasser brechen Mauern

Ein jedes Ding hat seine Zeit
Was ich anfing braucht seine Zeit
Nimmt mir die Furcht aber auch meine Zeit
Ne andre Welt ist doch nicht ewig weit

Um aufzubaun
Zeit Zeit Zeit
Schutt wegzuhaun
Zeit Zeit Zeit
Was sich entlädt war lange Zeit Verlangen
Um zu verehr’n
Zeit Zeit Zeit
Verehr’n verwehr’n
Zeit Zeit Zeit
Was groß da steht hat winzig angefangen

Ein jedes Ding hat seine Zeit
Was ich anfing braucht seine Zeit
Nimmt mir die Furcht doch auch die Zeit
Ne andre Welt ist nicht so ewig weit

Die Ernte hat
Ihre Zeit
Wie jegliche Saat
ihre Zeit
Was man auch macht, es muss vorher bedacht sein
Das nächste Gefecht
Hat seine Zeit
Ein Menschenrecht
Hat seine Zeit
Und was gedacht wird, will dann auch gemacht sein

Ein Fingerschnick, und es war Krieg,
Nur Gegenmacht hält Macht zurück,
nimm deine und nutz meine Zeit:
Ne andre Welt ist dann nicht ewig weit.

Musik: Pete Seeger, Text: Dehm/Maurenbrecher

 

Schlimm schlimm schlimm

Pinkeln im Stehn –
schlimm schlimm schlimm,
mi’m Kopftuch gehn –
schlimm schlimm schlimm.
Es macht von uns ein’ jeden so
betreten.
Ein sexistisches Lied –
schlimm schlimm schlimm,
is wohl’n Antisemit? –
schlimm schlimm schlimm.
Uns ist das alles unwahrscheinlich
peinlich.

Die Welt wär so schön,
wenn alle verstehn,
dass die wichtigsten Dinge
nur auf eine Art gehn.
Beim Freiheit schenken
dem Andersdenkenden
sag ich: Die Freiheit
geht nie zu weit.

Im Krieg Männer hau’n –
schlimm schlimm schlimm,
besonders folternde Frau’n,
schlimm schlimm schlimm,
Da zeigt der Krieg die hassende Grimasse.
DDR SED –
schlimm schlimm schlimm,
und Rauchen per se –
schlimm schlimm schlimm,
Wer Zigarettenstummel befummelt, auch Menschen verstümmelt.

Die Welt wär so schön,
wenn alle verstehn,
dass die wichtigsten Dinge
nur auf eine Art gehn.
Beim Freiheit schenken
dem Andersdenkenden
sag ich: Tja, Freiheit
geht nie zu weit.

Wenn nur noch Geld zählt –
schlimm schlimm schlimm,
Reformwille fehlt,
Sschlimm schlimm schlimm,
über Idealisten lästern ist plötzlich
Von gestern.
Das Haushaltsloch quillt –
schlimm schlimm schlimm,
das Ozonlich, es schwillt –
schlimm schlimm schlimm,
keine Parteien mehr, keine Klassen, nur Brüder
und Schwestern.

Die Welt ist so schön,
weil jetzt alle verstehn:
Es ist ja One World,
and we all want the same.
Es ist ja One World
And it carries our name,
You and me, me and you,
All the same
All are we
One and the same are we –
But the right of this,
and the name,
God bless You -:

© – Maurenbrecher & Dehm.

In diesem Land

Breite Auffahrten, Staus auf den Straßen,
Erwartung wie’n Segel gespannt:
eigne Kraft, eigner Strom, blüh’nde Gärten
in diesem Land.
Durch die Regeln von gestern gespalten,
mit paar Träumen ins Leere gerannt,
jetzt vereint in der Angst um die Zukunft
in diesem Land.
Jetzt sind alle am Jammern,
ausgebremst, wie gebannt,
wo ist Hoffnung?
In den Schatten der Wand.

Ich zieh los, seh mir alles genau an,
geh so langsam und freundlich ich kann,
soll’n die Stressprediger drohen und mauern
ohne Verstand.
Hol mir Kraft aus dem Chaos der Freude,
schau den Fußspuren nach da im Sand,
fanden Kinder grad ’n paar neue Wege
in diesem Land.

Ladung Spaß, Ladung Hass, Ladung Wunder,
auf die Festplatte runtergebrannt,
Vorhang zu, Glotze an – so sieht Flucht aus
in diesem Land.

Und im wirklichen Elend:
Flucht zum Tod, an den Rand.
Wo ist Hoffnung?
Man sagt: Durchgebrannt.

Ich zieh los und seh’s mir ganz genau an,
dunkle Hasskrakel an weißer Wand,
geb den Aufhetzern nicht eine Chance mehr
in diesem Land.
Hol mir Kraft aus dem Chaos der Freude,
Schau, die Rauchsäule – im Ufersand
liegt ein Liebespaar, wärmt sich am Feuer
Gesicht und Hand.

Mach der Fremden neben dir einen Platz frei,
wurde fast aus dem Kreis hier verbannt,
frag sie mal, wie sie heißt, sie sagt: Hoffnung…

Ich zieh los, ich geh ohne Bedauern
Geh so langsam und freundlich ich kann,
seh im Spiegel die Blicke von andern,
schon so entspannt.
Hol mir Kraft aus dem Chaos der Freude,
Schau,h die Sternschnuppen, die abgesandt
heut nacht hell war’n, frei für uns alle
in diesem Land.
Ich geh los und geh ohne Bedauern…

Sept.-Nov.04, mit Katja Ebstein

Der regierende Klaus

Wer steht da so traurig zwischen Fenster und Flur
und starrt auf den Parkplatz raus,
mit einem Ausdruck im Blick wie ein leeres Papier?
Das ist der regierende Klaus.

Zwischen Sydney und Frisko kam er kurz rein,
schon jagt ihn sein Pressemann raus –
Schulzusammenlegung am Friedrichshain.
Noch sowas hält er nicht aus.

Im Traum ist er nochmal in Singapur,
verkleidet als bayerischer Jäger,
singt fröhlich und schnappt nach ner Wurst anner Schnur,
greift dann einer Frau an den Träger.

Jetzt leider zurück hier bei Mangel, Missglück
und Vorwurf, als könnt er was ändern.
Arbeit ist nicht alles, und alles fließt –
Die Aula besprüht an den Rändern.

Bei den weltweiten Conferencen in den Varietes,
da stand er nie mausgrau daneben,
sondern warb für Berlin, und für Desiree,
und seinen Freunden wollt er was geben.

In dem echten Leben da in der weiten Welt,
musst er prosten und manchmal auch reihern.
Hier streiten sie, wie lange ein Haushalt hält
und wollen einfach nicht feiern.

Er schuddert und lächelt und tanzt an der Wand,
Zwei Jungs beäugen ihn scheel,
der regierende Klaus mit etwas Luft in der Hand,
und träumt sich, es wäre die Gayle.

Dez.04, für ‘Jahresrückblick’

GESINE

Ich traf sie ohne Grund
beim Wahlkampf in Stralsund,
Gesine,
sie war so cool,
kein Wunder, ihr Friseur ist nicht schwul.

Sie nahm mein Herz im Sturm
In Frankfurts Oderturm,
Gesine,
Kühnheit im Blick,
unanständig schick,
verzückt die Republik.

Ich sehs dir an,
da schlummert ein Vulkan,
du steckst so voller Liebe,
musst uns nur führn,
lass uns nur all das spürn,
was bisher keiner sah.

Ich traf sie kaum verhüllt
am Sommerstrand auf Sylt,
Gesine,
sprach ins Telefon:
„Umgarne die Fraktion,
Liebe ist der Lohn.

Musikanten herbei,
Mein Herz ist heut so frei,
bei Musik, Wein und Shit
mache ich alles mit.
Whou whou whou…“

Ich traf sie früh am Tag
bei Sekt und Kaffee Hag,
Gesine,
nahm sich noch ein Glas,
verließ die Viadrina zum Spaß.
Damit man dich mehr kennt,
werd doch Präsident,
Gesine,
erst konnt es keiner ahn’,
doch als wir sie dann sah’n –
du mein lieber Schwan!

Ich sehs dir an,
da schlummert ein Vulkan,
da explodieren Triebe,
musst es nicht erklärn,
musst einfach nur rauskehrn,
was jeder sich so träumt.

Warst nur kurze Zeit
in der Öffentlichkeit,
Gesine,
und das war eins a:
noch eh es nervig war,
warst du schon nicht mehr da.

“Doktoranden herbei,
mein Kopf ist wieder frei.
Der Dingsda ist jetzt gewählt,
guckt mal, wie er sich quält.
Whou whou whou…“

Punk und Bürgerin,
der Chefarzt und der Skin,
Gesine,
jeder ruft im Saal:
Das war ne tolle Wahl.
Nochmal nochmal nochmal.
Das war voll das Signal.
Nochmal nochmal nochmal.
Mit dir durch Berg und Tal.
Nochmal nochmal nochmal.
Das Ganze noch einmal.
Noch mal noch mal noch mal…

cha cha cha

Dez.04, mit Bov Bjerg, Hannes Heesch, Horst Evers und Christoph Jungmann für ’Jahresrückblick’

 

Brooklyn-Heights – Promenade

Yoko Ono geht vorbei. Graue Schiebermütze, graues Flannelhemd,
breite graue Arbeiterhosen. Schlendert die Promenade lang, haut sich den Lärm
der Schnellstraße um die Ohren, genießt den Blick auf Manhattan und Freiheitsstatue.
Keiner beachtet sie. Vielleicht ist sie es gar nicht. Oder alle tun so cool
wie ich. Genau wie dieser überhagere, überangestrengte junge Mann, der jetzt
das dritte Mal hier entlangjoggt und dabei anklagend etwas ausruft, vielleicht
ja gar kein beichtender wiedergeborener Christ ist, für den ich ihn halte, sondern
ein Schauspieler, den alle kennen, sie lassen es sich nur nicht anmerken. Auf
dieser Promenade springt man nicht einfach hoch und schreit: Yoko, jetzt guck
doch, da drüben walkt olle Yoko. Ich hätte das fast getan. War nur keiner da,
der mir zugehört hätte. Das wäre einem echten New Yorker wahrscheinlich sogar
egal ­ aber wegen einer Prominenten so eine Aufregung? Hab mich grad noch bremsen
können. Ich bin ja fremd hier, aber mach mir natürlich auch meine Gedanken:
In meinen Augen macht dieser anklagend rufende Jogger z.B. sich grad innerlich
fertig für den Draft-Counter, das Armee-Anwerb-Büdchen, das an einigen Ecken
der Stadt rumsteht, bald wird er an den Schalter treten und sagen: Okay, I am
ready, im Namen Jesu, nehmt mich bitte, nach Abu Graib will ich, mich läutern
lassen.

Typisches Europäer-Klischee. Kein Wunder, dass sie so streng
sind mit ihren Einreisekontrollen.

Aber jetzt bin ich drin. Und die Aussicht ist wirklich prächtig,
von hier auf South ­ Manhattan und Freiheitsstatue. Das mit dem World Trade
Center fällt überhaupt nicht auf. Protzig genug, dieser Riesen-Aufbau. Ich kenn
Einheimische, die nennen dir sofort zwei, drei weitere hässliche Bauten, die
sie den Terroristen empfehlen würden. Einheimische, die dürfen das. Aber dieser
Blick ­ schon gewaltig. “This land is your land”, sing ich der Frau mit dem
Kinderwagen vor und den Händen voll Gesundheitsnahrung, sie geht einfach weiter.
Ich wollte nur freundlich sein ­ aber die Frau macht das Richtige, sie bringt
mich den Sitten der Stadt etwas näher.

Denn mit sich selbst reden wirklich viele hier. Angefangen
bei den alten Hobos, die Mühe haben, in ihrer Innenstadt noch was zum Sitzen
zu finden. Nachts liegen sie auf dem Marmor im Bankenviertel, um viertel sechs
heißt es aufstehn. Bis hin zu den schizomäßigen Volksrednern. Manchmal merken
zwei gar nicht, dass sie sich gegenüberstehen und eigentlich mitten in einem
Gespräch sind. Oder umgekehrt: Zwei unterhalten sich, einer geht, und der andre
spricht einfach weiter. Bleibt ja vielleicht wiedermal jemand stehn. Man muss
natürlich als Fremder auch aufpassen ­ die eindrucksvollsten Redner haben ein
Headset um und telefonieren nur grade. Einmal sah ich einen auf einem Balkon
stehn über dem Eingang zu einem Schiki-Lokal, beide Ärmel aufgekrempelt, mit
strahlendem Blick in die Ferne, der hielt eine Volksrede voller Hoffnung, unten
hatte sich eine kleine Menge versammelt, es war mitreissend, Horizont kam auf,
Verzückung, goldene Zukunft ­ bis der Redner eine Taste in Brusthöhe drückte
und am Ohr was umschaltete. “He hung up”, sagte eine schwarze Frau traurig.
Er hatte sich natürlich nicht aufgehängt, sondern sich nur ins Innere des Lokals
zurückgezogen. “He’s left”, sagte jemand. Ich lass mir doch nicht einreden,
dass as ein Linker gewesen ist’, dachte ich und ging dann weiter.

Sogar manche Jogger hier auf der Promenade telefonieren.
Diese so ganz den eigenen Bewegungen hingegebene Schöne eben, auch sie ein Headset
um, überbringt ihre grade gemachten Erlebnisse irgendwem. 1 zu 1. Ihrem Psychiater
vielleicht, der ihr erzählt, sie sollte doch mal versuchen, ganz bei sich selbst
zu bleiben. “Wie geht das”, keucht sie aus dem entferntesten Lungenwinkel heraus,
und er sagt: “Baby. Vergiss einfach alles. Sogar, dass du läufst. Und dann erzähl
es mir.”

Woody Allen soll gar nicht so weit weg von hier wohnen. Und
Norman Mailer lebt wirklich um die Ecke. Im Moment sind diese beiden wie Europäer
für mich, aus einer sehr viel älteren Schicht. Die hätten auch Schwierigkeiten
bei der Einreise als Ausländer. Nicht ganz so wie Cat Stevens vielleicht, der
ja immerhin getextet hat: ‘Baby baby, its a wild world.’ Das glaubt die oberste
Regierung hier auch. Kämpfen bis zur Erschöpfung ist ihr Motto für die Bevölkerung.
Wozu wollt ihr eine Krankenversorgung? In der Bibel steht: Sie säen nicht, sie
ernten nicht, jetzt glaubt doch mal, dass das gut geht. Und was heißt hier:
Bildung für alle ­ wer ein Buch lesen will, soll es kaufen, lass Angebot und
Nachfrage den Rest regeln ­ vielleicht will ja mal wieder eine Mehrheit lernen,
dass Gott die Welt in 7 Tagen gemacht hat. Dann lehren wir das.

Ein neuer Minister von Bush hat geplaudert, als Kind Sex
mit Tieren getrieben zu haben. Das sei normal auf dem Land. Dann sei ihm Jesus
begegnet, jetzt wisse er, dass das Sünde war. Ich murmele, dass ich so einen
Typ zumindest interessant, vielleicht sogar mutig finden könnte, aber damit
ernte ich bei unsern Freunden keine Sympathie. Bush finden sie eine Katastrophe.

“Was hörn wir denn andres in den Nachrichten als über den
Michael-Jackson-Prozess”, fragt Judy, unsere Gastgeberin, einen alten Herrn
in der U-Bahn, mit dem sie ins Gespräch kam, “hören wir auch was vom Irak oder
der Korruption?” Er war vorher sehr freundlich gewesen, jetzt rückt er sichtbar
ab, dreht sich weg. Ich denke kurz eine Zahl: 33.

Yoko Ono kommt wieder. Leicht und entspannt walkt sie dahin.
Hinter ihr die beiden schwarzen Rap-Jungs haben bestimmt keine Ahnung, wer das
ist. Sie sind so ausgelassen und fett, dass es Spaß macht, zuzusehn. Der eine
tuckert den Rhythmus, der andre predigt. Hosenarsch in der Kniekehle. Yoko geht
direkt an mir vorbei. Oder ist sie es doch nicht? Ich kann mich nicht bremsen,
ich rufe: “Excuse me, Lady, I only want…” Sie bleibt kurz stehn und beschaut
mich mit einem Blick, der nun wirklich beides bedeuten kann: Klar bin ichs,
du Idiot, weshalb quatscht du mich an ­ oder: Nee, mein Lieber, nicht mit der
Nummer…

Nur einmal noch hab ich mich so bescheuert und so zum Lachen
gefühlt. Da saßen wir in einem Starbucks, zusammengekauert eine halbe Stunde,
ohne irgendwas zu tun oder nachzubestellen (was eigentlich wie verboten ist
in diesen Dingern), und eine flinke blonde Geschäftsfrau fragte mich beim Rausgehn
versiert nach irgendwas, das ich überhaupt nicht verstand. Ich sagte: “Sorry,
but we are strange.”
Und sie lachte mit einem Blick, der bedeutete: Ja. Und genau so seht ihr auch
aus.

MM Mai 05

Ich will dich so quäl’n wie ich’s tu

Ich verließ die Kinder,
verließ auch meine Frau,
werd auch dich verlassen, Liebste,
ich weiß es ganz genau.
Alle weinten an dem Abend, als ich ging,
Na, beinah alle jedenfalls –
Mein kleiner Junge nahms so schwer,
ich setzte mich
und sagte, seinen Arm um meinen Hals:

Söhnchen, ich will dich so quäl’n, wie ich’s
tu,
ich will dich so quäl’n, wie ich’s tu,
ich will dich so quäl’n, wie ich’s tu,
ja, ich gebs zu, ja, ich gebs zu, ja, ich gebs zu.

Hätt ich einen Wunsch frei,
einen Traum, der Wirklichkeit wird,
dann spräch ich gern einmal zu allen Menschen auf der Welt,
einmal, ich würd da hochklettern, rauf auf diese Plattform,
natürlich würd ich erst was singen, ein zwei Lieder, ist doch klar,
und dann – ich sag euch, was ich tät.
Ich würde rufen: “Alte Welt, kalte Welt,
na, ihr wisst ja,
die Dinge sind nicht immer so, wie man sie sich plant,
doch da ist eins, das haben wir gemeinsam,
und das verbindet uns, wir haben’s längst geahnt –
und jetzt alle auf der Welt, singt mit mir:

Ich will dich so quäl’n, wie ich’s tu,
ich will dich so quäl’n, wie ich’s tu,
ich will dich so quäl’n, wie ich’s tu,
ja, ich gebs zu, ja, ich gebs zu, ja, ich gebs zu.

August 05, nach ’I want You to Hurt like I Do’ von Randy Newman

Marie

Warst wie ne Prinzessin, als wir uns sahn,
dein Haar hochgesteckt,
ich denk immer daran.
Ich bin jetzt betrunken,
anders ging es nicht,
wie sonst könnt ich sagen,
was ich empfind für dich ­

ich lieb dich seit der ersten Sekunde
und wird immer so bleiben, Marie.
Ich lieb dich seit der ersten Sekunde
und wird immer so bleiben, Marie.

Bist das Lied, das ein Baum singt, wenn Wind weht,
bist eine Blume, ein Fluss, der zum Quell geht.
Manchmal bin ich irre,
na, das weißt du jetzt,
ich bin faul und bin träge
und hab dich verletzt.
Und wenn du was redest, ich hör nicht hin,
und bist du in Not, ich werd weitergehn.

Doch ich lieb dich, lieb dich seit der ersten Sekunde
und wird immer so bleiben, Marie.
Ich lieb dich seit der ersten Sekunde
und wird immer so bleiben, Marie.

September 05, nach ’Marie’ von Randy Newman

KLEINES EILAND

Blut gab mein Land, zwei Kriege lang,
der Welt für alle Schutz zu sein,
die Jahre durch, ganz vorn im Kampf,
zu lang, und so allein, zu lang allein.
Und dann am Schluss gewonn’ne Schlacht,
wir fragten nicht nach Lohn,
das Reich zerfall’n,
zwei Menschenalter war’n zu Blut und Staub,
die Besten weggeraubt,
die Besten Staub.

So manche Jahre zogen hin,
die Zeiten fremd,
der Feind erhob sich neu,
da steht er rittlings auf der Welt,
sein Traum vom Sieg jetzt ganz erfüllt.

Kleines Eiland, kleines Eiland,
Pracht verweht mit dem Dunst der Zeit.

Rache kommt für was geschah,
für uns, die jung gestorben sind.
Rache kommt für was geschah –
kleines Eiland, kleines Eiland,
kleines Eiland.

Sept.05, nach ’Little Island’ von Randy Newman

Whou

Die Sonne geht auf,
und ich liebe mein Land
auf der Brücke zur Hauptstadt
aus Krawall und Palästen.
Mein Chauffeur drängelt hart
und hält doch Abstand –
der weiß, was Regier’n heißt:
Druck lindern, Druck testen.
Großartige Menschen,
jeder auf Position.
Du setzt einen Impuls,
und sie verändern sich schon.

Es geht langsam voran
hier am Ende vom Stau,
ich sag: “Ab mit Signalhorn,
raus aus der Enge.”
Blicke der Bewunderung,
ich kenn sie genau,
ist, als joggte ich nochmal
quer durch die Menge.
Großartige Menschen,
in der Konsequenz frei,
ein Jahrzehnt der Veränderung,
und wir war’n dabei!

Wir ha’m Kriege geführt, ha’m die Umwelt geliebt,
ha’m über Schuld philosophiert und den Markt durchgesiebt.
Wir war’n erst blöd wie die Kinder, oh ja, ich weiß es genau –
aber schau, wo wir jetzt sind – whou.

Kaum eine Spur noch von denen,
die wir unterwegs verloren,
eine meiner Freundinnen ist neunzehn,
spricht manchmal wie Playback.
Sie sagt: “Petra Kelly?
Ich glaub, ich hab was an den Ohren,
Die wollte nie anc die Macht,
Und wer die aufgibt, ist eh weg!”
Ich antworte: “Du bist toll, bist großartig,
kannst meine späten Stunden würzen,
aber Süße, wenn du eine eigne Zukunft willst,
musst du mich alten Rock’nRoller erstmal stürzen…”

Wir ha’m an der Härte gelitten, uns ins eigne Fleisch geschnitten,
ha’m auch mal Kriege vermieden aus unsrer Liebe für den Frieden,
mixten das Gute und Schlechte, verdealten Menschenrechte
und war’n naiv wie die Kinder, oh ja, ich seh es genau –
schau, wo wir jetzt sind? –
whou.

Die Sonne geht auf,
und ich liebe mein Land
von den frühen Barrikaden
zu den Fahnen, die wehn.
Wofür haben wir gesorgt?
Zähl es auf an der Hand:
Saubre Energie, gute Nahrung
Und die Schwulenehen.
Aber – großartige Menschen,
ihr wisst: Da war mehr.
Kommt, wir setzen uns ans Feuer
und erzählen – kommt her:
Wir ha’m Kriege geführt,
die Heimat neu gepolt,
ha’m über Unschuld geplaudert,
sogar paar Bullen versohlt.
Soziale Netze zerschnitten
an Diffamierungen gelitten
vergeben vergessen
in Verlierer verliebt
bei den Gewinnern gesessen.
Wir war’n erst blöd wie die Kinder,
oh ja, ich weiß es genau –
aber schau, wo wir jetzt sind –
whou.

Oktober 05, zum Abgang von J.Fischer