Kakerlaken

Kakerlaken

Kakerlaken (1992)

Super billig (1993)

Anerkennung (1994)

Der Dicke hat Geburtstag (1990)

Wo Adler schrein (1994)

Haut ab! (1993)

Den einen mehr (1991)

Magdeburg 92 (1992)

Günter (1994)

Meine Fee ist da (1994)

Alles geht zur Neige (1993)

Das Land (1990)

 

Kakerlaken – Unveröffentlichtes und Auftragstexte

Kleiner Fidschi (1993)

Hier im Mittleren Westen (1993)

Socke in Rot (1994)

Ich warte (1994)

Die schwarze Katze (1994)

Lebenslauf, 2te Phase (1994)

Liebe und Leid (1994)

Sag dem Wind (1994)

Nacht der Welt (1994/95)

Vera (1995)

Stolze Lady (1995)

KAKERLAKEN

Es fing an in Bogota –
in einer Wellblechsiedlung am Stadtrand.
Die kleinen Lebewesen, von denen ich erzähle,
hatten dort alles erobert,
da war kein Widerstand mehr.
Sie waren so viele, es ging so leicht.
Es geschah nicht aus Not,
eher aus Wanderlust – jedenfalls:
‘Raus’, dachten die Zähesten unter ihnen,
und wie auf Kommando zogen sie los,
nordöstlich.

Durch den Asphalt ging die Reise,
durch den Stahl und das Glas,
der Sand der Wüsten war Speise,
der Müll der Städte war Spaß.
Spürten nicht Kälte noch Hitze,
fuhren per Flugzeug und Bahn
und machten andauernd Witze,
und nichts hielt sie an –

Kakerlaken
durchfressen die Welt,
Kakerlaken,
bis alles zerfällt,
Kakerlaken,
auch wenn sie’s selbst nicht verstehen,
ha’m uns längst in der Tasche,
ihre Welt wird sich drehn.

Man weiß, was mit Mexico-City passiert ist –
und L.A., San Fransisco?
Okay, es lief grundsätzlich etwas schief,
und die Menschheit hat weißgott
keinen Mangel an Plagen und Schrecken.
Aber meine Cousine in New York City,
die schwört, sie sei fünfzehnmal umgezogen,
von Loft zu Loft, und:
“Jedesmal mach ich den Müllschlucker auf
oder den Schlafanzug meines Lovers und –
man kommt einfach nicht mehr an gegen diese …
Tierchen …”

Kakerlaken …

Wenn du sie teilst, sind sie doppelt,
wenn du sie brätst, bleibt ein Rest,
mit tausend Giften gemoppelt,
für die ist Starkstrom ein Fest,
und nasses Wasser am Kühlturm,
das finden die einfach nur feucht,
spül’n sich ab und geh’n weiter –
Ja, dann wird die Welt leicht..

Reden wir nicht von
siffigen Rastafarivierteln in London
oder von Anschwemmlagern
frierender Flüchtlinge in Rostock und Bari –
gehn wir direkt ins Zentrum der Festung Europa,
in das stocktrockene Brüssel,
wo die Erwählten zu Gast sind,
eine Creme unterm Kuppeldach –
wo eben der Präsident
einer führenden Industrienation
eine Pause gestaltet in seiner Rede,
sein Manuskriptblatt wendet, zurückschreckt, stottert –

Kakerlaken
durchfressen die Welt,
Kakerlaken,
wer hat die bestellt?
Kakerlaken,
auch wenn sie’s selbst nicht verstehn –
Sie werden lesen und faxen,
träumen und aufrecht gehn,
sie werden wachsen und wachsen
und sich im Tanze drehn …

Kakerlaken,
bis alles zerfällt.
Kakerlaken –
ha’m uns längst in der Tasche –
für die ist alles so praktisch,
unsre Welt macht die glücklich
und soll sich lange noch drehen!

1992 © M. Maurenbrecher

SUPER BILLIG

Ich hab ‘n Tee in der Glocke und ‘n Lolly im Ohr,
aus dem plärrt eine Stimme, mit der sing ich im Chor,
ich hab ‘ne Kontaktnummer und Kredit in der Tasche,
und ich find meinen Weg mit meiner Einwegflasche.

Ich sing:
super super billig billig,
was mir gefällt auf der Welt, das will ich, will ich,
die erste Rate wird immer erst später fällig,
ich hab ‘n Draht, und der glüht,
damit fühl ich, fühl ich –
oh ho ho,
der geht mir direkt ins Herz.

Ich hab ‘n Muskelaufpuster und noch einen daneben,
und ‘ne Videowand für dieses doppelte Leben,
hab ‘n Bett, das vibriert bei der BTX-Flirtshow,
meine Hausbar, die fand nur noch ‘n Platz auf’m Klo.

Doch die war super super billig …

Ich hab ‘n Knüppel am Koppel und ‘n Phone ohne Stecker,
und ich tucker durch den Dreck mit meinem Landrovertrecker,
wenn das Glück mal nicht so lacht in der Spielhöllennacht –
meine Einwegflasche hat mich immer heimgebracht.

Die macht das super super billig…

Oh, Herr Minister, es tut mir so leid,
ich leb von Pump und Stütze, und ich find, es wird Zeit,
daß ich mal blank vor einer der Kassiererinnen steh,
ihr ganz lange in die Augen seh…

Dann sing ich super super billig billig…

(na komm, ‘n Scherz is ‘n Scherz… )

1993 © Text: M. Maurenbrecher

ANERKENNUNG

Ich bin schon Bunjee gesprungen
und hab Schlager gesungen,
hab die Straßen gefegt
und Brände gelegt,
hab mit ‘nem Gott gesprochen,
schwarze Fahnen geschwenkt –
ich krieg ununterbrochen
weniger, als man denkt.

Ich will doch nur ‘n bißchen Anerkennung,
‘n bißchen bißchen bißchen Anerkennung –
nur ‘n kleines Stück, ich geb es auch zurück…

Ich bin schon Grüner gewesen,
hab Josef Stalin gelesen,
hab ‘n paar Alte gepflegt
und ‘ne Jungfrau zerlegt.
Bin durch Atommüll gekrochen,
hab so viel Liebe verschenkt –
ich krieg ununterbrochen
weniger, als man denkt.

Gib mir bitte ‘n bißchen bißchen bißchen Anerkennung,
‘n bißchen bißchen bißchen Anerkennung,
nur ‘n kleines Stück, du kriegst es auch zurück…

Häng mich an die Decke,
peitsch mich aus,
du mußt mir nur versprechen,
ich komm nachher wieder raus –
und dann bitte ‘n bißchen Anerkennung.
Jeder Mensch braucht Anerkennung.

Ich hab den Hauswart erstochen,
hab seinen Collie ertränkt,
ich krieg ununterbrochen
weniger, als man denkt.

Ich tu’s doch nur für ‘n bißchen bißchen bißchen Anerkennung,
ein kleines kleines bißchen Anerkennung,
nur ‘n kleines Stück…

Häng mich an die Decke,
peitsch mich aus,
du mußt mir nur versprechen,
ich komm lebend wieder raus,
und dann bitte: ‘n bißchen Anerkennung!

‘n bißchen bißchen bißchen…

1994 © M. Maurenbrecher, A. Ballert

DER DICKE HAT GEBURTSTAG

Zurück von der Insel,
zurück von den Vulkanen,
wieder hier im Parklückenkrieg,
bei den Abgasfahnen

Ich stell dir das Gepäck hin,
zieh du das Baby um,
nach so ner langen Reise will ich gar nichts –
komm, ich mach das Fernsehn an.

Das Auto hat’n Platten,
und im Hausflur is’n Loch –
ah, diese Stadt mit ihrem Kriegszustand
schafft mich leider immer noch.

Und da ist Gorbatschow im Abspann,
und Maggie Thatcher löst sich auf in Rauch,
doch wenn du wissen willst, was Freude ist –
komm her, da staunst du auch:

Der Dicke hat Geburtstag,
er sticht die Torte an,
man sieht ja, wie er glücklich ist,
weil er so viel fressen kann.
Er schüttelt 3000 Hände
mit seiner einen dicken rechten Hand.
Der Dicke hat Geburtstag,
er frißt das ganze Land.

Zueück von der Insel,
aus dem schönen Bungalow,
sag mal, sind wir jetzt ‘n bißchen entspannter
oder tun wir nur so?

Gestern abend am Meer,
da hatte Max seinen Mund voller Sand,
und ich dachte: toll, wenn du das durchhältst, Junge,
dann sehn wir morgen noch ‘n Stück vom Strand
in deinen Windeln.

Und jetzt schau mal, Kleiner,
der große Mann da auf dem Bildschirm,
der macht’s genau wie du,
wo immer es was zu holen gibt, da langt der zu!

Der Dicke hat Geburtstag …

1990 © M. Maurenbrecher

WO ADLER SCHREIN

Ich träumte einen Traum,
wo es hieß, wir müßten fliehn
noch heut, bei Nacht und Nebel,
so, wie die Wolken ziehn.

Wir fürchteten uns kaum,
ließen alles gehn und stehn,
wir stiegen in die Berge,
dem Morgen zu, dem ersten Glühn.

Und da, wo die Felsen sind,
wo Adler schrein,
da in dem kalten Wind,
da sollt’ es sein.

Wir fürchteten uns kaum,
wir beide bauten dort ein Haus
mit Garten und mit Brunnen,
ein Kind lief rein und raus,

Wir schauten auf die Welt
und auf die lange Zeit hinaus,
die Jahre so wie Stunden,
im Tal das Geld, Applaus, der fehlt –

doch da, wo die Felsen sind,
wo Adler schrein,
da in dem kalten Wind,
da sollt’ es sein.

Und da, wo wir heute sind,
was ist denn wahr,
an Tagen, vor Eifer blind?
Jetzt komm ganz nah:

Denn da, wo die Felsen sind
und wo die Adler schrein,
nur da in dem kalten Wind
ist glücklich sein.

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So war’s in meinem Traum,
als es hieß, wir müßten flieh’n,
noch heut, bei Nacht und Nebel –
so, wie die Wolken zieh’n …

1994 © M. Maurenbrecher

HAUT AB!

Die Ältesten dreizehn, die Jüngsten grad acht,
sie sammeln sich am Hafen seit der letzten Nacht –
was ist da los?
Aus ihren Videozimmern, aus dem Parkhausversteck,
alles, was wir hören, ist ihr ‘weg weg weg’,
sie erklären’s nicht groß.
Es sind die Braven dabei, die Straßengangs,
wir haben’s nicht geahnt, doch sie vertragen sich längst.
Die Kinder unsrer Stadt sind einig zu verschwinden –
man ist fassungslos. Was ist da los?

HAUT AB!
Vielleicht gibt’s noch ‘ne andre Welt,
HAUT AB! Oder wofür habt ihr das Schiff bestellt?
HAUT AB!

Erregte Volksvertreter von jeder Fraktion
rechnen sich die Fehler vor und werden davon
ganz regungslos.
Die älteren Brüder ziehn zum Hafen und schrein:
“Was wird mit der Randale, laßt uns jetzt doch nicht allein,
hey kids, was ist mit euch los?”
Doch sie stehn an der Mole, kleine Türken und Skins,
ihr Krieg scheint zuende, sie vergessen uns längst.
Ein Vater fragt sein Mädchen, ob er mitreisen darf,
und sie sagt: “Du bist zu groß,
und jetzt laß mich los …”

HAUT AB! Vielleicht gibt’s noch ‘ne andre Welt.
HAUT AB! Oder wofür habt ihr das Schiff bestellt?
HAUT AB!
Vielleicht gibt’s noch ‘ne andre Welt…

1993 © M. Maurenbrecher

DEN EINEN MEHR, DEN ANDERN WENIGER

Er war die rechte Hand verschiedner goldner Reiter,
fuhr mit der linken auf den Märkten hin und her,
wenn eine Börse crashte, war er längst schon weiter,
und wenn es seine war, sah’s aus, als wenn es keine wär.
Bekannt in Tokio und Rom, auf den Antillen,
ging auf Gazellenjagd mit Lothar Späth,
er war im Rundfunkrat, sein Lieblingswort war Willen,
er setzte Jelzin auf ein Trimmgerät.

Nur ich, ich kenn ihn von ganz früher –
mit einem Kettchen seiner Mutter um den Hals.
Sie stand am Bus vor unsrer ersten Klassenfahrt
und gab ihm eine Stulle Schmalz.
“Er ist mein Einziger”, rief sie, “Gott soll ihn schützen.
Ich geb ihn nur mit schwerem Herzen her!”
Der Lehrer murmelte: “Was soll das nützen.
Gott schützt den einen mehr, den andern weniger.”

Ich hab ihn neulich noch erlebt auf einer Talkshow,
er sprach vom Gleichgewicht, er kam grad aus Nahost:
Hilfsgüter von Mercedes-Benz für ein Uno-Friedenscamp,
“the human factor, that’s the cost”.
Sein zweites Lieblingswort war der globale Nutzen,
es gibt ein Foto mit Kim Wilde auf seinem Knie,
aber nur wenige, die etwas davon wußten.
Er sagte: “Risiko? Das ist Philosophie.”

Und ich, ich muß noch manchmal drüber lachen,
er mit dem Kettchen seiner Mutter um den Hals.
‘Du bist ein Glückskind’, stand da drauf,
‘bitte paß doch dich auf,
iß immer deine Stulle Schmalz.’

“Du bist ihr Einziger”, schrien wir,
“Gott soll dich schützen,
sie gibt dich nur mit schwerem Herzen her” –
Wir dachten damals schon: ‘Was soll das nützen,
Gott schützt den einen mehr, den andern weniger…’

Und gestern, las ich, ist er umgekommen
auf einem Rastplatz zwischen Frankfurt und Berlin.
Nach drei ausgeraubten Polen
wollte die Gang sich noch was holen
und machte ihn beim Pinkeln hin.

Ich seh ihn immer noch zwischen den Zelten,
ein Schmalzbrot in der Hand und ziemlich breit,
er sagte: “Endlich bin ich mal weg von meiner Alten.”
Wir waren jung damals, schön war die Zeit.

Und dies, mein Sohn, ein Tip zum Überleben:
am Ende gibt man alles wieder her,
doch bis man gibt, wird man am Leben kleben,
der eine mehr, der andere weniger.

“Er ist mein Einziger”, rief sie, “Gott soll ihn schützen.
Ich geb ihn nur mit schweren Herzen her.”
Ich dachte damals schon: was soll das nützen?
Gott schützt den einen mehr, den andern weniger.

1991 © M. Maurenbrecher

MAGDEBURG ’92

Sie ist eine, der niemand die Butter vom Brot nimmt – schmal, gewandt und verschwiegen. ‘Unser bestes Pferd im Stall’, pflegt der Chef zu sagen, ‘unser Verkaufs-Ass’.
Jetzt ruft der Chef: “Meine Herr’n, meine Dame, Glückwunsch, die Abschlüsse waren 1 a.” Sie stehen beisammen auf dem Bahnsteig und frieren. Es gibt keinen Flugplatz in Magdeburg, sonst wären sie schneller wieder weg. Die Herren prosten sich zu, nur die Dame hält sich etwas abseits, wo es windiger ist als sonst schon.

Sie steht in Magdeburg am Bahnhof,
in fünf Minuten geht ihr Zug,
von dem, was kommt, hat sie noch keine Ahnung,
doch ihr ist wie im Flug

“Superkunden hier drüben, was, meine Herr’n, meine Dame”, lacht der Chef halblaut, “ich meine, wenn die Verträge erst mal wirksam sind, hilft denen kein Gericht mehr… ”
‘Kann ich mir diese Versicherung denn überhaupt leisten’, hört sie eine dunkle Stimme gestern vormittag auf der Messe fragen und sich selbst müde antworten: ‘Nehmen Sie einen Kredit auf, mein Lieber.’ Zu dieser Stimme gehörte ein Mann…
“Wo sind Sie eigentlich abgeblieben gestern spätabends”, fragt grad der Chef und lächelt. “Ich hab noch eine Betriebsbesichtigung gemacht”, grinst sie, und er weiß Bescheid. So könnte sie es auch ihrem zynischen Tausendsassa verkaufen, heut abend daheim in Darmstadt, den sie mit durchfüttert …

Sie steht in Magdeburg am Bahnhof …

Fünf Minuten Bedenkzeit,
die nötig ist, über das, was war,
fünf Minuten, dann rein in die geschenkte Zeit –
sie denkt: “Ja”.

Sie läßt ihren Koffer auf dem Gepäckwagen, ohne Gruß geht sie durch die Halle, holt die zerknüllte Serviette aus ihrer Tasche mit dem Namen und der Anschrift drauf. “Taxi”, ruft sie, und es hält.
Über den Platz mit den Buden, durch die düstere Prachtavenue, in die Kopfsteinstraßen mit den schwankenden Trödlern darin – ‘immer noch Ausland’, denkt sie. Dann muß sie lachen, denn vor dem Haus, wo sie hinwill, verkauft grad jemand Blumen. Sie zahlt, läuft die Treppe hoch wie im Flug, zögert und erkennt alles wieder.

“Ich wußt’ es, aber ich hab’s nicht geglaubt”,
sagt der Mann, der ihr öffnet, “jetzt komm schon rein.”

1992 © M. Maurenbrecher

GÜNTER – NUR DARUM

Günter zieht die Sportschuhe an,
das gehört zum Fitnessprogramm,
und die Ringelsocken,
das gehört zum Joggen,
das muß er jeden Morgen so ha’m,
er dreht ne Runde im Park,
er fühlt sich völlig autark,
da sieht er vor sich zwei Beine
und zwei Augen so wie keine,
und ist gar nicht mehr stark.

Denn so bekloppt ist keiner,
der auf der Erde war,
daß er nicht irgendeiner
frech in die Augen sah.
Und so verrückt ist niemand,
der mal bei einer schlief,
daß er nie mehr da hin fand,
wo ihn die nächste rief.

Taxi auf dem Weg zum Flugplatz,
tickets für die upper-up-class,
am Horizont Geschäfte,
adrenaline Säfte,
die Pumpe keucht wie’n Rennpferd – ach was:
der Fliegen geht um halb zehn,
er will jetzt wirklich nichts sehn,
schon gar nicht zwei Beine
und so Augen, so wie keine –
und schon bleiben sie stehn.

(Refr.)

Abendessen Viertel vor Sieben,
der letzte Skat ist ausgereizt,
der alte Schwerenöter
greift kräftig in die Räder
für die Schwester, die mit gar nichts geizt –
er reißt den Rollstuhl herum
und wirft das Nachtgeschirr um …

Überfall auf Wolke Sieben,
Engel flattern wild umher,
der rüde Engel Günter
steckt wieder mal dahinter,
er trifft auf müde Gegenwehr.
Die Götter lachen sich krumm:
“Was fummelt der hier herum?”
Und das nur wegen zwei Beinen
und zwei Flügeln, so wie keinen,
nur darum!

(Refr.)

1994 © M. Maurenbrecher / mit Gerulf Panach

MEINE FEE IST DA

Da steht ein Mädchen in der Türe
dieser überfüllten Bar,
unter dem Arm trägt sie Gedichte
und ein Sternzeichen im Haar.
Die Leute gröhlen von der Freiheit,
halten sich den Fluchtweg frei,
und dieses Mädchen läuft durch alles
wie durch Luft und lacht dabei.
Kann es sein: sie war ein Raubtier
und ich ein kluges Reh
in einem längst vergangnen Leben,
und wir taten uns nicht weh?
Hat sie mich früher schon verzaubert,
was ist das, was uns lockt –
Ich mein: wir sollten aufhör’n, uns so anzustarr’n,
selbst ihre Bücher sind geschockt …

Meine Fee ist da

Ich seh die Linien ihres Körpers
in dem Zwielicht kalt und klar,
ich könnte schwör’n, sie kommt direkt dort her,
wo uns’re Liebe schon mal war.
Jetzt küßt ein Typ sie auf die Stirn
und ruft, daß er ihr Sternbild kennt –
vielleicht ist der ein Superhirn
unter der Brücke, wo er pennt.
Gleich geht hier irgendwas zu Boden,
und die Freiheit schwimmt im Bier,
ich hör den Rauch, ich seh den Krach,
doch ich bin eigentlich nicht hier.
Da ist das Mädchen mit Gedichten,
ihr Blick geht an und aus…
Ich denk: bist du’s, dann tu’s –
dann zaubre uns hier raus!

Meine Fee ist da

Tschuldigung – darf ich mal durch?
Weißt du, was du da geschrieben hast, das bringt mich
an einen verwunschenen Ort meines Lebens zurück.
Das wollt ich dir nur mal sagen. Übrigens: ich schreib selbst
manchmal Gedichte … Zum Beispiel dieses hier:
‘Trennung. Verzweifelt klammerst du dich an jenen Spiegel,
den ich warf nach dir.’ Ist das ein Angebot?

Meine Fee ist da

1994 © M. Maurenbrecher

ALLES GEHT ZUR NEIGE (Sommer 55)

Über dem Schwimmbad schwebten schwarze Vögel schon seit Stunden,
schauten auf uns und diesen trägen Tag herab,
es war so heiß, kein Schwimmer drehte seine Runden,
und du sangst mit mir ein Lied, das ich bis heut behalten hab.
Das war im Sommer 55, ich hab geglaubt, die Welt bleibt stehn –
doch dann hast du mich ganz seltsam angesehn:

Alles geht zur Neige,
so steht es im Plan,
alles geht zur Neige
und fängt doch grad erst an.

Auf unsrem Heimweg war ein Paar so wie ein Knäuel in einem Schatten
mit einem Gegenstand aus Glas und einem Gegenstand, der sticht,
ich war zu klein, ich wußte nicht, warum sie schrien und was sie hatten,
ich roch die Spannung, und die sprang mir ins Gesicht.
Das war im Sommer 55, jemand rief: “Hier kommt die Stunde Null!”,
und wir versteckten uns – ich fand, das Spiel war toll…

Alles geht zur Neige,
so steht es im Plan,
alles geht zur Neige
und fängt doch grad erst an.

Zuhause angekommen gab es kühlen Saft und eine Stulle,
wir waren Vater, Mutter, Kind in unsrer Nische in der Zeit –
da sitz ich immer noch, versuch’s mit deiner Rolle
und schau dir nach, mit diesem Wunsch nach Ewigkeit.
Wie in dem Sommer 55, die Welt war schön, ich rief ihr zu: “Bleib stehn!” –
Ah, ich glaube schon, daß wir uns hör’n und sehn.

Alles geht zur Neige,
so steht es im Plan,
alles geht zur Neige
und fängt doch grad erst an.

1993 © M.Maurenbrecher

DAS LAND

Ich hab ein Land für dich
aus leergetobten Städten,
wo wir gleich Wohnung hätten,
sobald die andern fliehen.
Lies aus der Hand für mich
von Feldern, die nur blühen,
unsinnig das Bemühen,
und Wäldern, die verglühn.

Du wirst zufrieden sein
auf Booten in den Flüssen,
vor Denkmälern, die grüßen
wie unbehau’ner Stein.
Und da wird Frieden sein
mit fahrenden Gesellen,
die an den Ufern rappen,
an ihren Feuerstellen,
und laden uns mit ein.

Komm und sag Ja dazu –
ein Land nur zum Verschwenden,
nimm es aus meinen Händen
und sag: Es soll so sein.

1990 © M. Maurenbrecher

KLEINER FIDSCHI

Kleiner Fidschi, komm,
schau selbst: die Straßen sind ganz frei heut nacht,
dir wird kein Haar gekrümmt,
also stell dich nicht so an.
Na gut, du hattest Grün,
und jemand fuhr voll in dich rein,
das muß nicht Absicht sein,
der wollte bloß ganz schnell wohin –

wollt zu dem Platz, wo wir heut demonstriern,
wir halten Kerzen in den Wind,
und wir schwören, daß wir wirklich nichts als Menschen sind.
Jeder hier ein Fremder, jeder hier zu Haus.
Kerzen gehn zu Herzen, es sieht bezaubernd aus.

Kleiner Fidschi, sing,
du siehst, du bist nicht ganz allein auf dieser kalten Welt,
es stehen andre für dich ein.
Kleiner Fidschi Bing,
die vielen Leute hinter dir, die eint ein großes Ziel,
die wolln zu dir wie Brüder sein –

wolln zu dem Platz, wo wir heut demonstriern,
wir halten Kerzen in den Wind,
und wir schwören, daß wir wirklich nichts als Menschen sind.
Jeder hier ein Fremder,
jeder hier zu Haus.
Kerzen gehn zu Herzen,
es sieht bezaubernd aus.

Kleiner Fidschi, renn
nicht fort von uns, siehst du: wir achten dich
mit deinem Mut und deiner Angst.
Kleiner Fidschi, brenn
dir auch für uns ein Streichholz an,
jetzt zeig auch du mal Toleranz –

komm zu dem Platz, wo wir heut demonstriern
wir halten Kerzen in den Wind,
und wir schwören, daß wir wirklich nichts als Menschen sind.
Jeder hier ein Fremder,
jeder hier zu Haus.
Kerzen gehn zu Herzen
und irgendwann mal aus.

© Januar 93, für ‘Die Phrasenmäher’ (nach ‘Candle in the Wind’)

HIER IM MITTLEREN WESTEN

Marion sagt: “Es ist fast noch gemütlich
in unsrer kleinen Einfamilienhausstadt –
da, wo die Arbeit ist, gibt es Glück auf Kredit,
und wo keine mehr ist, wird man immer noch satt.”
Marion sagt: “Hinter ‘m Rathaus die Schule,
auf der ha’m wir uns alle mal den Arsch abgezappelt:
unsre paar Linken für Randale zu cool,
und unsre Rechten ha’m noch nichtmal ein Asyl abgefackelt.

Hier im mittleren Westen ist das Klima am besten,
nur ein Hauch von der Krise, die Autos am größten,
und die Leute schauen ruhig auf den kommenden Tag,
vielleicht ‘ne Spur von gestern, aber wohl dem, der es mag,
denn wer sich auskennt hier, der macht seinen Stich.”
Marion sagt das – ich widersprech ihr nicht.

Marions Freund hat’n Pizzaschnelldienst,
heißt Mustafa Efendi auf dem Papier,
doch von Kindheit an nennen alle ihn Lucky,
er lebt sogar schon länger als Marion hier.
Marion sagt: “Wir hatten Zoff nach Solingen,
seine Leute wurden zu mir plötzlich ziemlich hart –
daß ich seither mit ihm nicht mehr in jede Disko renne,
das ist doch keine Panik, das hat Nerven gespart.

Hier im mittleren Westen …

Marion jobbt manchmal an den Wochenenden
am alten Markt in einem kleinen Hotel,
letzten Freitag rief der Wirt an: “Ich erwarte eine Hochzeit,
dreihundert Leute – Mädel, komm schnell!”
Marion sagt: “Ich dachte, ich spinne,
wie ich da dreihundert Kerle kommen seh
mit ihren Wimpeln und Fahnen, der Wirt zapft sein Bier an,
und schon wird es der Parteitag dieser NPD,
unter vollem Polizeischutz, bei verdunkelten Fenstern,
und draußen eine Demo, da war Lucky dabei …”
Marion sagt: “Warum spielt er den Helden?
Glaub mir, in drei Wochen ist er wieder frei!

Denn hier im mittleren Westen …

© Herbst 1993

SOCKE IN ROT

Ich traf dich eines Tags an der Ostsee am FFK – Strand,
du warst schon ganz braun gebrannt…
Du sagtest: leg dich zu mir, wir war’n hier immer so frei,
wir fanden nie was dabei,
im Schoße der Partei.
Und du legtest uns ein schnelles Feuer,
und ich brannte ab mit Schwert und auch mit Schild –
was für ein Bild…

Socke in Rot,
ich geb dir mein Wort,
Mund zu Mund,
denn du kennst den Weg,
der auch mich so erregt – da ist die Lunte gelegt:
Von Wahl zu Wahl,
wenn rundherum das Chaos droht
allüberall
nur Socken in Rot.

© Sommer 94, mit Achim Ballert (nach ‘Lady in Red’)

ICH WARTE

Die Eingangstür stand offen,
Schlüssel hing am Brett,
ich trat ein in die alte Pension.
Fand in unser Zimmer,
stand an unserm Bett,
am Balkon noch der gleiche Lampion.
Blick über den Hafen,
ich sollte hier nicht sein,
das Zwielicht macht alles wie neu –
seh uns zwei hier schlafen,
lachen und dann schrein:
Bin wieder da, komm verzeih –

du, ich warte,
überschau dein Land.
Du, ich warte,
wart an deinem Strand.
Wo ich warte,
hat es hell gebrannt.
Du, ich warte,
bin mir unbekannt.

Ich kam schon mal im Frühling,
ging auch so davon
und behielt ein leichtes Gefühl.
Was mach ich unser Zeichen
draußen am Balkon
jetzt im Herbst, und so angenehm kühl?
Junger Mann am Hafen
gibt der fremden Braut
grad den Blick, als wär alles wie neu:
Hab ich dich getroffen
im Spiel um Haut an Haut?
Bin wieder da, komm verzeih –

du, ich warte,
wart an deinem Strand.
Du, ich warte,
überschau dein Land.
Wo ich warte,
hat es hell gebrannt.
Du, ich warte,
bin mir unbekannt.

© Herbst 94, für Veronika Fischer

DIE SCHWARZE KATZE

Kleines Haus am Wiesengrund
weit in einer Winterwelt,
Mädchen vor dem offnen Herd
träumt, daß ihr ein Prinz gefällt.
Das ist lange, lange her,
und die Zeiten waren schwer,
und Krieg war.

Junger Mann in Uniform
hat Befehl zum großen Brand,
springt mit Stiefeln durch die Tür,
hinter der das Mädchen stand.
Da zerbrach ihm sein Gewehr,
sprach: “Ich kenn mich selbst nicht mehr,
seit Krieg war …”

Oben auf dem Dach die schwarze Katze
blieb die Nacht lang wach und schaute zu,
wie die Liebe kam, mit sanfter Tatze
schnurrt sie ihren Frieden noch dazu.

Im kleinen Haus am Wiesengrund
lebt ein alter Mann bis heut,
Dame aus der bess’ren Welt
reist in die Vergangenheit.
Vor der Türe bleibt sie stehn,
hat zwei Augen nicht gesehn,
seit Krieg war …

Und oben auf dem Dach die schwarze Katze
bleibt die Nacht lang wach und schaut bei zu,
wie die Liebe kommt, mit sanfter Tatze
schnurrt sie ihren Frieden noch dazu.
Sieben Leben lang mit sanfter Tatze
schnurrt sie ihren Frieden noch dazu.

© Herbst 94, für Veronika Fischer

LEBENSLAUF, 2te Phase

Heutzutage eine Wohnung zu ergattern, ist pures Glück. Also Schicksal. Und kann jemand seinem Schicksal entgehen? Na also.
Wir mieteten also die Wohnung, die wir ergattert hatten; sie war häßlich und teuer, aber groß.
“Dann kann ich wenigstens auch ein Büro hier einrichten”, rief ich aus, und meine Frau rief: “Hier kann ich dann auch ein Kind großziehen!”
Gesagt, getan.

Unsere Wohnung ist so weitläufig, man kann sich herrlich aus dem Weg gehen. Mein Büro ist so gut eingerichtet, daß ich oft tagelang allein mit dem Programmieren der verschiedenen Geräte beschäftigt bin, z.B. beim Wechsel von Sommer- auf Winterzeit. Und unser Kind entwickelt sich so lebhaft, daß es mir manchmal die warme Milch ans Bett bringt, die ich ihm kochen wollte.

Wir haben grüne und blaue Zettel vorbereitet, meine Frau und ich
– grün für sie und blau für mich -, und wenn ich dann so einen grünen Zettel an einer der vielen Türen entdecke, dann muß ich doch dort nicht reingehen, dann weiß ich doch: hier herrscht Intimsphäre, hier wird gelebt…

Manchmal rufe ich aus dem Badezimmer mit meinem Handy in meinem Büro an, zwei Zimmer weiter, um zu testen, ob noch alles funktioniert. Und manchmal bleibt das für Tage der einzige Anruf auf meinem Beantworter. Aber das macht nichts! Ich hab mein Geld eh von der Steuer abgesetzt …

Neulich mach ich in der Küche ein Frühstück für uns drei – meine Frau, unser Kind und mich -, ich lasse den Kaffee durchlaufen, lese die Zeitung, halte die Eier warm – keiner kommt, bis mir ganz plötzlich einfällt: die beiden, die sind ja seit Wochen verreist – tja, wie das Leben spielt …

Irgendwann steht ein Herr vom Amt vor der Tür: ob er mir vielleicht helfen könne, ein paar doch ganz offensichtliche Probleme in meiner Lebensführung mit ihm zusammen zu lösen … Zufällig klingelt gerade in diesem Augenblick das Telefon. Ich rufe:
“Geschäfte Geschäfte…” und schlag ihm die Tür vor der Nase zu, Lackaffe…

Neulich will ich unser Kind vom Kindergarten abholen, so nach alter Gewohnheit, Punkt 15 Uhr – und wie ich da hinkomm, da schauen die Erzieherinnen und anderen Eltern so betreten weg und stochern mit ihren Händen in der Luft rum – “was is los”, will ich wissen und hab schon Angst, es ist etwas passiert und keiner sagt mir was -, bis ich erfahre: unser Kind, das hat grad heut nachmittag sein Abitur gemacht –
Jeu, wie die Zeit vergeht …

Seit einiger Zeit kommt keine Antwort mehr, wenn ich in die grünen Zimmer hineinfaxe oder mit meinem Handy davor auf – und abgehe. Erst hat mich das nicht sehr beunruhigt, denn wir sind beide – meine Frau und ich -, seit das Kind aus dem Haus ist, völlig auf Ruhe und Konzentriertheit gepolt und schätzen es sehr harmonisch. Aber es gäbe schon noch so einiges zu besprechen …

Und irgendwann überreden ein paar freundliche Männer mich zu einem Tapetenwechsel. Ich willige ein. Eigentlich ist es schön, wo ich hinkomme: enger und dunkler als in der Wohnung, aber so billig, man wird versorgt. Meine Geschäfte laufen wie eh und je -ich bin ein gefragter Mann -, denn manchmal schaut jemand durch’s Guckloch – ich weiß nicht, wer – und der fragt: “Wie geht’s uns heute, warum immer so fleißig, wie wär’s mal mit etwas Entspannung?”
“Junger Mann”, sag ich dann, “also heutzutage einen Job zu ergattern, der auch noch erfolgreich ist, das ist doch pures Glück. Also Schicksal.
Und sagen Sie selbst: Kann irgendwer seinem Schicksal entgehen?
Na also …”

© Herbst 94

LIEBE UND LEID

Liebe und Leid
wohnen in meinem Hause,
wenn das eine grad aufsteht,
wird das andre mit wach.
Liebe und Leid
woll’n mich beide zum Freunde,
wenn das eine mich einlädt,
kommt das andre gleich nach.

Sag mir, warum
ich grad unglücklich war,
mit dem Blick in die Ferne
und dir doch so nah.
Komm, dreh dich um,
unsre Freunde sind da,
neben uns, Leid und Liebe,
das uralte Paar.

Liebe und Leid
sprechen ungleiche Sprachen,
wenn das eine Lebwohl sagt,
ruft das andre Hallo.
Sie mühn sich ab
mit den seltsamsten Sachen,
die uns oft traurig machen
und dann doch so froh.

Sag mir, warum
ich grad unglücklich war,
mit dem Blick in die Ferne
und dir doch so nah.
Komm, dreh dich um,
unsre Freunde sind da,
neben uns, Leid und Liebe,
das uralte Paar.

© Winter 94, mit Gerulf Pannach

SAG DEM WIND

Fliegt ein Vogel vorüber,
fährt ein Schiff weit entfernt vorbei,
dann bekomme ich Flügel,
bin ein Segel im Wind und frei.

Jeder Stein und Stock hier kennt sich,
wo ich bin, ist kein Weg mehr neu …

Sag dem Wind, ich will gehn,
über’n Horizont sehn,
über’s Wasser holt Ferne mich ein.
Sag dem Schiff, daß es fährt,
bis die Welt mich berührt,
in den Tag werf ich Träume hinein,
und beim Tanz auf den Planken der Nacht
werd ich unsichtbar sein.

Wir versuchten die Liebe,
und ein Blick überstand die Zeit,
wir versuchten es wieder,
und wir spielten Vergangenheit.

Jeder Augenblick hier, der kennt sich,
und kein Zufall kommt mehr vorbei …

Sag dem Wind, ich will gehn,
über’n Horizont sehn,
über’s Wasser holt Ferne mich ein.
Sag dem Schiff, daß es fährt,
bis die Welt mich berührt,
in den Tag werf ich Träume hinein,
und beim Tanz auf den Planken der Nacht
werd ich unsichtbar sein.

© Winter 94, mit Gerulf Pannach, für Veronika Fischer

NACHT DER WELT

Als die Liebe kam, dir den Boden nahm,
ja da fielst du auf Wolken,
als die Liebe ging, sich die Wolken fing,
ja da fielst du auf Gold.

Tut mir wirklich leid, auch die Traurigkeit
ist eine Macht des Himmels,
was dich retten kann, ist kein Talismann
und keine Nacht der Welt.

An dem leeren Strand, als kein Boot dich fand,
da spieltest du um Ehre,
als die Flut dann kam, dir den Atem nahm,
da spieltest du um Geld.

Wenn der Horizont sich in Langmut sonnt,
da bleibt als Ziel Neuseeland,
Seele schlägt Alarm, fällt dir in den Arm,
da bleibt als Ziel die Welt.

Wir haben Gott hochgehen lassen,
wir suchten die Weite in Gassen,
da war kein Weg in Sicht:
Dein Schatten fiel auf mich.

Wenn zwei Räder sich so wie du und ich
mal zusammenfinden,
kommt Geschwindigkeit, überhol’n die Zeit
und sind zusammen alt.

Tut mir wirklich leid, auch die Traurigkeit
ist eine Macht des Himmels,
was dich retten kann, ist kein Talismann
und keine Nacht der Welt.

© Winter 94/95, mit Achim Ballert (nach ‘Fields of Gold’)

VERA

Vera, schließ den Kleinen ein,
dann kann er uns nicht hören,
wir woll’n doch jetzt alleine sein,
und niemand soll uns stören.

Vera, laß die Große gehn,
die is jetzt grad in so ‘ner Phase,
da kommt der Durst im Handumdrehn,
und alles draußen ist Oase.

Vera, schalt die Prinzen ab,
laß uns nur uns genießen,
laß diese Stille wie im Grab
ganz leicht mit uns verfließen.

Vera, mach der Oma klar,
sie ist hier nur geduldet,
daß ihr Versuch ne Pleite war,
ham doch nicht wir verschuldet.

Vera, halt den Atem an,
wir werden jetzt gleich schweben,
das Glück, das nicht mehr warten kann,
das kann’s nur einmal geben.

Vera, leg den Arm um mich,
die Grenze ist genommen –
ein letztes Mal ‘Ich liebe dich’,
dann kann der Himmel kommen.

© Frühjahr 95, mit Achim Ballert

STOLZE LADY

Ich hab mich ziemlich oft geirrt,
doch niemals hab ich schwarz gesehn,
und wenn ich meine Straße ging,
vergaß ich oft, mich umzudrehn.

Ich hab mich bei dir wohlgefühlt,
die Einsamkeit war nie mein Ding,
wenn morgens die Sirenen schrien,
war es normal, daß ich von dir ging.

Und du hast nie geklagt,
und du hast nie gesagt,
daß dir was an mir lag.

Du warst die stolze Lady der Nacht –
jetzt bist du aufgewacht.

Die Jahre gehn so schnell vorbei,
am Ende weiß man, was man mag,
du siehst gut aus im weißen Kleid,
wir fahren in den hellen Tag.

Und du hast nie geklagt,
und du hast nie gesagt,
daß dir was an mir lag.

Du warst die stolze Lady der Nacht –
jetzt bist du aufgewacht.

© Frühjahr 95, mit Gerulf Pannach – für die Puhdys